Schüler einer Grundschule sitzen im Klassenraum (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild)

Trotz Rechtsanspruch bis 2030

Studie: Viel zu wenige Fachkräfte für Ganztagsbetreuung in BW-Schulen

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In Baden-Württemberg fehlen Fachkräfte für die Ganztagesbetreuung. Laut einer Studie kann bis zum Ende des Jahrzehnts nicht jedem Grundschulkind dieses Angebot gemacht werden.

Es fehlen mehr als 12.000 Fachkräfte, wenn für jedes Kind ein Platz mit einer Förderung von 40 Wochenstunden vorhanden sein soll. Das geht aus dem "Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2022" der Bertelsmann-Stiftung (Gütersloh) hervor, der an diesem Dienstag vorgestellt wurde. Der Rechtsanspruch bis 2030 stelle das Land vor erhebliche Herausforderungen, bilanzieren die drei verantwortlichen Expertinnen.

Baden-Württemberg muss gemeinsam mit allen Verantwortlichen sofort eine langfristige Fachkräfteoffensive auf den Weg bringen, damit zumindest im nächsten Jahrzehnt ein ausreichendes Personalangebot verfügbar ist.

Bis 2030 ist eine Fachkräftelücke zu erwarten

Laut Prognose sollen nur fast 3.000 Fachkräfte bis 2030 zusätzlich verfügbar sein. In der Studie spielen die Expertinnen für Baden-Württemberg mehrere Szenarien durch. Laut Radar nutzen in Baden-Württemberg 45 Prozent der Kinder im Grundschulalter ein Ganztagsangebot, 16 Prozent ein sogenanntes Übermittagsangebot, das bis etwa 14.30 Uhr zur Verfügung steht.

In den ostdeutschen Bundesländern zum Beispiel liegt der Schnitt der Teilhabequote bei rund 86 Prozent. Würde dieser auch in Baden-Württemberg angestrebt, so fehlten laut Radar immer noch 9.100 Fachkräfte. Und selbst wenn weiterhin ein Teil der Kinder die kürzere Übermittagsbetreuung in Anspruch nähme, läge der Personalmangel immer noch bei 6.000.

In allen Szenarien sei bis 2030 im Land eine erhebliche Fachkräftelücke zu erwarten, so die Warnung der Studie.

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Auch Mangel an Plätzen für Ganztagsbetreuung

Soll bis 2030 für jedes Kind im Grundschulalter ein Betreuungsplatz zu haben sein, müssten außerdem fast 190.000 Plätze neu geschaffen werden. Und selbst bei einer ostdeutschen Quote wären es laut Studie immer noch mehr als 130.000.

Allerdings haben die Fachleute eine Einschränkung: die nach ihren Angaben sehr lückenhafte Informationslage über die Angebote der ganztägigen Förderung durch die Schulen. Es fehlten Angaben über den zeitlichen Umfang und die Personalausstattung, kritisierten sie.

Anspruch auf Ganztagsbetreuung bis zur vierten Klasse

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder ist seit 2021 im Ganztagsförderungsgesetz verankert. Er umfasst 40 Wochenstunden inklusive Unterricht und gilt für Kinder von der 1. bis zur 4. Schulklasse.

Er soll gestaffelt eingeführt werden: Ab dem Schuljahr 2026/2027 greift er bei Schülerinnen und Schülern der 1. Klasse, ab 2029/2030 bei allen Grundschulklassen.

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Land: Erfüllung des Rechtsanspruchs aktuell nicht möglich

Laut Gemeindetag sei die Schrittfolge bei diesem Rechtsanspruch falsch gewesen. Die Politik könne nicht zunächst einen gesetzlichen Anspruch festlegen, ohne zuvor die Realität betrachtet zu haben, merkte der Gemeindetag in einer Mitteilung am Dienstag an. Die benötigten Fachkräfte würden heute schon an den Kitas fehlen. Der Rechtsanspruch an Ganztagsschulen drohe den Fachkräftemangel nun erheblich zu verschärfen. Zugleich gebe es aktuell keine Möglichkeit für die Schulträger eine Investitionsförderung zu erhalten.

Ein Anspruch ab 2026 könne aufgrund des großen Platzbedarfs kaum vorzubereiten sein, so das Land. Gerade nach der Zeitenwende müssten politische Zusagen konsequent am Möglichen ausgerichtet werden. Die Erfüllung des Rechtsanspruches erscheine aus heutiger Sicht aber nicht möglich.

Vor allem im Westen Deutschlands Umsetzung des Rechtsanspruchs schwierig

Mit Blick aufs ganze Land könnten mehr als 100.000 pädagogische Fachkräfte fehlen. Vor allem im Westen wird die Umsetzung des Rechtsanspruchs demnach schwierig, im Osten sollte dagegen der vergleichsweise schlechtere Personalschlüssel auf West-Niveau verbessert werden.

Ein gutes Zeugnis stellt die Studie nur Berlin, Hamburg und Thüringen aus. Dort gibt es bis Ende des Jahrzehnts laut der Prognose genügend Personal, um jedem einzelnen Grundschulkind einen Ganztagsplatz anzubieten - und das bei einem guten Betreuungsschlüssel.

Zu wenige entscheiden sich für Lehr- und Erziehungsberufe

Am Geld scheitert es der Studie zufolge bei allen anderen Bundesländern nicht - es gibt schlicht zu wenige Menschen, die den Beruf ergreifen wollen. Ohne Ausbildung keine Fachkräfte, warnt die Studie zudem und mahnt, es müssten rechtzeitig Lehrkräfte ausgebildet werden, um das fehlende Personal zu schulen.

Baden-Württemberg fördere zwar schon Projekte wie die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA). Aber der Fachkräfte-Bedarf im Bildungsbereich bleibt enorm. Denn nicht nur im Ganztag fehlt es deutlich, auch bei den Kitas ist die Lücke groß: Es werden demnach mehr als 33.000 weitere Erzieherinnen und Erzieher fehlen, andere Szenarien gehen sogar von über 41.000 aus, wie der "Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule" im vergangenen Sommer bereits vorgerechnet hat.

FDP: Studie ist Alarmsignal

Die Opposition im Landtag sieht sich durch die Bertelsmann-Studie in ihrer Kritik an der Landesregierung wegen der Bildungspolitik bestätigt. Für die FDP ist diese Studie ein lautes Alarmsignal. Der Bildungsexperte Dennis Birnstock forderte leichtere Möglichkeiten zum Quereinstieg und attraktivere Arbeitsbedingungen. Die Landesregierung müsse aufhören die Verantwortung auf die Kommunen abzuwälzen.

Die SPD wirft der grün-schwarzen Landesregierung Stillstand bei diesem Thema vor. Die schulpolitische Sprecherin Katrin Steinhülb-Joos teilte mit, die Last die Aufgaben zu erfüllen, dürfe nicht allein bei den Kommunen liegen.

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Unternehmer für mehr Erziehungspersonal aus dem Ausland

Die Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) halten den prognostizierten Mangel an Fachkräften in den Erziehungsberufen im Land für hoch alarmierend.

Die bereits erfolgte Erhöhung der Ausbildungskapazitäten für Erzieherinnen und Erzieher in Baden-Württemberg sei laut dem Fachkräfte-Radar bei weitem nicht ausreichend, um den Bedarf zu decken, bemerkte Stefan Küpper, UBW-Geschäftsführer für Politik, Bildung und Arbeitsmarkt. "Wir brauchen noch mehr Ausbildungskapazitäten sowie gleichzeitig eine pädagogische Nachqualifizierung von Quereinsteigern und eine stärkere Rekrutierung von Erziehungspersonal im Ausland." Zudem müsse das Land mit einer Imagekampagne für die Erziehungsberufe werben.

"Eine bedarfsgerechte Ganztagsbetreuung sei der Schlüssel für mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf", so Küpper:

Ein ausreichendes Ganztagsangebot ist zudem ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte für den Standort Baden-Württemberg. Hier drohen wir gegenüber den anderen Bundesländern ins Hintertreffen zu geraten.

Gewerkschaften fordern Fachkräfteoffensive

Ver.di Baden-Württemberg unterstützte die Forderung von Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann-Stiftung, die zur Vorstellung der Studie sagte: "Baden-Württemberg muss gemeinsam mit allen Verantwortlichen sofort eine langfristige Fachkräfteoffensive auf den Weg bringen, damit zumindest im nächsten Jahrzehnt ein ausreichendes Personalangebot verfügbar ist."

Martin Gross, ver.di Landesbezirksleiter, betonte, dass bessere Arbeitsbedingungen der entscheidende Schlüssel seien, um die weitere Abwanderung von Fachkräften zu stoppen, Teilzeitkräfte zum Aufstocken zu gewinnen und junge Menschen für diese Berufe zu begeistern. Damit würde auch die Qualität der frühkindlichen Bildung in Kitas und Ganztag gesteigert. "Eine Win-Win-Win-Situation für Kinder, deren Eltern und Beschäftigte", so Gross.

Auch die Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte die Landesregierung zum Handeln auf. "Nur wenn die Arbeitsbedingungen besser werden, bleiben die Kitas und die Grundschulen für junge Menschen in Baden-Württemberg konkurrenzfähig auf dem Arbeitsmarkt. Baden-Württemberg muss Kita-Länd werden", sagte die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Sie erneuert ihren Vorschlag für einem weiteren Ausbau der Studienplätze für Grundschullehrkräfte.

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SWR