Zu Verschenken: Kiste mit gebrauchten Gegenständen in Hechingen (Zollernalbkreis) (Foto: SWR)

Rechtlich umstritten, aber weit verbreitet

Warum "Geschenkekisten" auf Gehwegen in Baden-Württemberg ein Problem sind

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Christina Erdkönig

Viele stellen "Geschenkekisten" auf dem Gehweg ab. Sie freuen sich, wenn andere die Sachen weiterverwenden. Doch das Abstellen auf dem Gehweg gilt als Ordnungswidrigkeit.

Geschirr, Bücher und CDs in einer Bananenkiste aus Pappe: Das Phänomen "Geschenkekisten" ist in vielen Städten Baden-Württembergs angekommen, denn für viele ist es praktisch. Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, können so an andere weitergegeben werden. Was kaum einer weiß: Das Abstellen dieser Kisten auf dem öffentlichen Gehweg gilt als Ordnungswidrigkeit.

Die Stadt Stuttgart hat da eine eindeutige Haltung. Pressesprecher Martin Thronberens erklärte gegenüber dem SWR: "Wer Trödel oder Gegenstände als Spende zum Mitnehmen auf den öffentlichen Gehweg abstellt, handelt ordnungswidrig. Denn dies wäre nur nach Erteilung einer Sondernutzungserlaubnis zulässig. Diese wird in der Regel nicht erteilt, da durch die abgestellten Gegenstände der Fußgänger- oder auch Radverkehr behindert würde."

Kleine Kisten werden in Stuttgart geduldet

Die Stadt könne sogar ein Bußgeld erlassen, was aber bislang deswegen noch nie passiert sei. Außerdem gibt sich Stuttgart kulant: "Eine kleine Kiste mit Gegenständen für zwei bis drei Tage hinstellen, stört niemanden, wenn die Rest-Gehwegbreite noch zwei Meter beträgt", so Martin Thronberens.

Frau zieht eine Pfanne aus einer "Geschenkekiste" in Stuttgart-West (Foto: SWR)
Ein Frau im Stuttgarter Westen zieht eine Pfanne aus einer "Zu-Verschenken-Kiste". In diesem Stadtteil sind die "Geschenkekisten" ein verbreitetes Phänomen.

Für die Menschen im Stuttgarter Westen sind die "Geschenkekisten" Alltag. "Alle stellen hier Sachen raus. Alles, was man nicht mehr braucht, kommt vor den Hauseingang. Und alles ist ganz schnell weg," erzählt eine 25-Jährige. Ihr Freund ist auch begeistert von den Kisten. Er habe sogar schon einmal einen richtigen "Schatz" in einer solchen Kiste entdeckt, berichtet er: ein Ersatzteil für seinen kaputten Mixstab. "Oft geht es sehr schnell, bis die Dinge weg sind. Meine Schwester hat einmal 200 Kleiderbügel in einer Kiste herausgestellt. Die waren in einer halben Stunde weg," erzählt der Stuttgarter. Doch es gibt auch kritische Stimmen:

"Da ist oft auch Schrott drin. Die Leute wollen billig ihren Müll entsorgen."

Das Phänomen "Geschenkekisten" ist nicht nur in der Landeshauptstadt zu finden. Auch in Städten wie Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Tübingen, Heilbronn und Lörrach kennt man die "Geschenke-Kisten". Die stellvertretende Pressesprecherin der Stadt Heilbronn, Claudia Küpper, sagte dem SWR, dass die Kisten in Heilbronn prinzipiell geduldet seien und nicht geahndet würden, wenn sie nur wenige Tage auf der Straße ständen. "Wo sie sich negativ auf das Stadtbild auswirken, ermittelt der Kommunale Ordnungsdienst auch schon einmal den Verursacher und bittet um rasche Beseitigung."

Zu verschenken: Pfannen in einer Kiste (Foto: SWR)
In einer "Geschenkkiste" in Stuttgart-West sind zum Beispiel Pfannen und Bücher. Bild in Detailansicht öffnen
Eine Sammlung an Reiseführern findet sich in einer "Geschenkekiste". Bild in Detailansicht öffnen
Gerne genutzt aber auch umstritten: "Geschenkekiste" im Stuttgarter Stadtteil West Bild in Detailansicht öffnen
Kleider zu verschenken: In Stuttgart-West werden sie auf einer Mauer angeboten. Bild in Detailansicht öffnen
"Let it go": Dinge zu verschenken. Das Schild hängt über einer "Geschenkekiste" in Stuttgart-West. Bild in Detailansicht öffnen
"Geschenkekiste" in der Vogelsangstraße in Stuttgart-West: hier werden gebrauchte Gegenstände zum verschenken angeboten. Bild in Detailansicht öffnen

Stadt Heilbronn: Angst vor Nachahmungseffekt

Generell sieht die Stadt Heilbronn die Kisten aber kritisch. "Wir sehen die gute Absicht, begrüßen den wertvollen Umfang mit kostbaren Ressourcen, befürchten aber den Nachahmungseffekt," sagte Claudia Küpper dem SWR. "Man mag sich keine Stadt vorstellen, die mit solchen Kisten zugepflastert ist."

Bußgeld bis zu 2.500 Euro wegen illegaler Müllentsorgung

Das Bußgeld, das wegen illegaler Müllentsorgung im öffentlichen Raum verhängt werden kann, liegt in Baden-Württemberg zwischen 25 Euro und 2.500 Euro. Der Betrag variiert je nach Gegenstand und Menge des Abfalls. Im südbadischen Lörrach kann es nach Angaben der Stadt sogar 2.500 Euro betragen. Der Sprecher der Stadt Hechingen im Zollernalbkreis, Thomas Jauch, betonte gegenüber dem SWR, in seiner Stadt gebe es zwar auch ab und zu solche Kisten. Sie stellten aber kein Problem dar. "Schlimmer ist zum Beispiel, wenn im Wald illegal Bauschutt abgelagert wird. Das ist dann schon etwas für das Strafgesetzbuch. Nur ist es da oft schwierig, die Verursacher zu finden."

Feste Giveboxen und Sozialkaufhäuser als Alternative

Eine Alternative zu den "Geschenkekisten" auf den Gehwegen können Sozial-Kaufhäuser sein. Hier können gebrauchte Dinge abgegeben werden. Sie werden dann für einen kleinen Betrag weiterverkauft. Eine weitere Möglichkeit sind feste Verschenkeboxen, wie es sie in Karlsruhe gibt. In der Karlsruher Innenstadt auf dem Lidellplatz zum Beispiel ist am Zaun eines Kinderspielplatzes eine Kiste angebracht, wo gebrauchte Gegenstände hineingelegt werden können.

Am Karlsruher Lidellplatz gibt es eine sogenannte "Givebox" für gebrauchte Dinge (Foto: Stadt Karlsruhe/Benjamin Hasche)
In Karlsruhe auf dem Lidellplatz gibt es seit zehn Jahren eine "Givebox". Die Kiste zum Weitergeben von gebrauchten Dingen ist dort dauerhaft angebracht. Stadt Karlsruhe/Benjamin Hasche

Im Karlsruher Stadtteil Mühlburg wurde im Jahr 2020 eine feste "Givebox" aufgestellt. Initiator war der Verein "Sprecht miteinander". Edna Bastian, die Vorsitzende des Vereins, sagte dem SWR, die Kiste sei von Anfang an viel genutzt worden. Vor allem Geschirr, Spielzeug, Plüschtiere und Kinderkleider würden hineingelegt. Allerdings beklagt Bastian, dass manchmal die festinstallierte Box als Mülltonne missbraucht wird. Einmal in der Woche muss der Verein die Kiste überprüfen und reinigen.

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