Das Windrad auf dem Grünen Heiner bei Stuttgart steht ziemlich einsam da. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat - - Das Windrad auf dem Grünen Heiner bei Stuttgart steht ziemlich einsam da.)

Eine "Taskforce" soll's richten

Erneuerbare Energie: Wo steht Baden-Württemberg?

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Eine "Taskforce" der Landesregierung soll Aufschwung für die Windkraft bringen. Aus Sicht der Befürworter ist das bitter nötig. Bundesweit liegt das Land auf den letzten Plätzen.

Aufschwung für die Windkraft - die "Taskforce", die das bewerkstelligen soll, hat die Landesregierung am Dienstag in Stuttgart vorgestellt. Doch wo hat die Einsatzgruppe besonders viel zu tun? Und wo steht Baden-Württemberg bereits heute gut da in Sachen erneuerbare Energien?

Windräder (Foto: IMAGO, Imago)
Windräder am Horizont: Die Lösung der Energiewende-Probleme in Baden-Württemberg? Imago

Stand heute in Bund und Land

Rund 46 Prozent des Stroms in Deutschland wurden im vergangenen Jahr aus Erneuerbaren Energien gewonnen. Davon 17,3 Prozent aus der Windkraft, 7,2 Prozent aus der Photovoltaik, 7,0 Prozent aus Biomasse und 2,6 Prozent aus Wasserkraft.

In Baden-Württemberg sehen die Zahlen etwas anders aus. Hier steuerten die Erneuerbaren nur 41,1 Prozent zur Brutto-Strom-Erzeugung bei. Den größten Anteil daran hatte die Photovoltaik (14,3 Prozent), gefolgt von Wasserkraft (9,4 Prozent), Windenergie (6,8) und Biogas (4,2 Prozent).

Wo steht Baden-Württemberg aktuell gut da?

Die Vergleichszahlen zeigen es ganz deutlich: Baden-Württemberg hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil bei der Photovoltaik. Die Ursache ist klar: Hier scheint häufiger die Sonne als in den nördlicheren Bundesländern. Die Rahmenbedingungen für Sonnenstrom sind hier also gut.

Das macht sich aktuell auch beim Zubau bemerkbar: Im Jahr 2020 wurden neue Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von fast 600 MW (Megawatt) zugebaut, einen höheren Wert gab es lediglich in Bayern (1.183,1 MW). Das war der stärkste Leistungszubau seit 2012 und im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 35 Prozent, während sie im Bund nur bei 25 Prozent lag. Kein Wunder also, dass das Umweltministerium die Solarenergie als "Stütze der Energiewende in Baden-Württemberg" beschreibt.

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Windenergie oder Photovoltaik: Wo hakt es derzeit?

Von der Sonne verwöhnt - aber nicht vom Wind. Das macht sich bei der Energieerzeugung im Land deutlich bemerkbar. Der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien lag 2020 gerade einmal bei 6,8 Prozent - deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 17,3 Prozent.

Gut sichtbar ist die geringe Bedeutung auch an der Zahl der Windenergieanlagen - kurz: Windräder. In Baden-Württemberg drehen sich derzeit knapp 750 Stück. Zum Vergleich: Im Küstenland Niedersachsen sind es fast 6.400. Auch in den Nachbarländern Rheinland-Pfalz (knapp 1.800) und Bayern (knapp 1.200) dreht sich deutlich mehr. Hier hängt Baden-Württemberg deutlich zurück.

Ausbau-Tempo der Windenergie

Das gilt auch für die Dynamik, mit der neue Windräder gebaut werden. 2020 wurden im Land 17 neue Anlagen installiert. Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen 92, Rheinland-Pfalz 26, Bayern zwölf. Auch in dieser Tabelle findet sich Baden-Württemberg also auf den hinteren Plätzen.

In diesem Jahr allerdings scheint der Zubau wieder etwas an Schwung zu gewinnen: Laut Landesregierung wurden im ersten Halbjahr bereits 23 neue Anlagen in Betrieb genommen, für das zweite Halbjahr wird von zehn neuen Anlagen ausgegangen.

Bei der Ursache für den schleppenden Zubau bei der Windenergie verweist das Land gerne auf den Bund. Der habe die Ausschreibungs- und Vergütungsregeln für Windparks so geändert, dass der Süden einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den windreichen norddeutschen Bundesländern habe. Laut Windenergiebranche sind die Probleme aber hausgemacht: Es gebe zu wenige Standorte und zu lange Genehmigungsverfahren für neue Windräder. Außerdem kommt es vor Ort immer zu Protesten, wenn neue Windparks errichtet werden sollen.

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Klar ist nur eines: Will das Land den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung schnell steigern, dann wird das nicht ohne einen massiven Ausbau der Windkraft gehen.

Künftige Energieerzeugung: Wie geht’s jetzt weiter?

Das Land hat in den vergangenen Monaten einige Entscheidungen getroffen, die den erneuerbaren Energien einen deutlichen Schub geben könnten.

Da ist zum einen das Klimaschutzgesetz. Es schreibt vor, dass künftig zwei Prozent der Landesfläche für die Nutzung von Solar- und Windenergie ausgewiesen werden müssen. Und es beinhaltet eine Solarpflicht: Wer ab dem 1. Mai kommenden Jahres ein Haus baut, muss eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach setzen. Für Nichtwohngebäude gilt das bereits ab dem 1. Januar. Auch auf Parkplätzen ab 35 Stellplätzen gilt künftig eine Solarpflicht.

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Auch in Sachen Windkraft hat man sich viel vorgenommen: Im Koalitionsvertrag zwischen Grünen und CDU werden 1.000 neue Windräder als Ziel genannt, die Hälfte davon soll im Staatswald gebaut werden, bis Ende des Jahres sollen die möglichen Standorte dafür festgelegt sein. Und die neu eingesetzte "Taskforce" der Landesregierung soll sich vor allem darum kümmern, die Planungsverfahren für neue Windräder zu beschleunigen.

Zwei Prozent Landesfläche für Solar- und Windenergie: Reicht das?

Mit seiner Solarpflicht auch für Wohngebäude steht Baden-Württemberg bundesweit als Vorreiter da, es gibt sie in keinem anderen Flächenland. Das dürfte der Sonnenenergie im Land einen deutlichen Schub geben.

Anders das Bild bei der Windkraft. Zwar geht die Entwicklung aktuell leicht nach oben. Und auch das Ziel von 1.000 neuen Windrädern klingt erst mal ambitioniert. Aber selbst wenn es erreicht würde, wäre die Gesamtzahl der Anlagen immer noch geringer als aktuell im deutlich kleineren Nachbarland Rheinland-Pfalz. Und Kritiker finden sowieso, 1.000 neue Anlagen seien zu wenig, laut Umweltschutzorganisation BUND bräuchte es 4.000 neue Windräder, um die Klimaschutzziele des Landes zu erreichen.

Für Naturschutzverbände, Aktivistinnen und Aktivisten ist das zu wenig

Auch das Ziel, zwei Prozent der Landesfläche für Solar- und Windkraft festzulegen, ist nach Ansicht von Naturschutzverbänden nicht ausreichend. In einer Stellungnahme zum Klimaschutzgesetz fordern NABU, BUND und "Fridays for Future" 2,9 Prozent der Landesfläche dafür vorzusehen, davon 1,7 Prozent für die Windkraft und 1,2 Prozent für die Photovoltaik.

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Zuletzt wird viel davon abhängen, ob es einer möglichen neuen Ampelkoalition auf Bundesebene sowie der neu eingesetzten "Taskforce" auf Landesebene wirklich gelingt, die versprochene Beschleunigung der Genehmigungsverfahren durchzusetzen. Denn das gilt als eigentliches Erfolgsrezept, um bei der Windkraft schneller voran zu kommen.

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