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Sollen Unternehmen in Corona-Zeiten verpflichtet werden, mobiles Arbeiten anzubieten? Eine Homeoffice-Pflicht sehen Vertreter von Arbeitgebern, aber auch Arbeitnehmern in Baden-Württemberg kritisch.

Unternehmen in Baden-Württemberg sind gegen eine Homeoffice-Pflicht. Branchenverbände erklärten, da wo Homeoffice möglich sei, werde es inzwischen auch angeboten. Drei Viertel aller Familienunternehmen würden bereits Homeoffice anbieten, erklärt deren Bundesverband.

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall hat sich deutlich gegen eine Verpflichtung zu Homeoffice-Angeboten ausgesprochen. Der Verband vertritt die Interessen der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg. Dort arbeiten rund eine Million Beschäftigte.

"Wir sind überzeugt, dass da, wo Homeoffice möglich ist, auch Homeoffice gemacht wird, sofern die Arbeitnehmer mitmachen."

Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Dick erklärte, ein Unterschied zum Lockdown im Frühjahr sei, dass damals beispielsweise viele Lieferketten in der Autoindustrie gerissen seien, weswegen mehr Mitarbeiter als unter normalen Bedingungen ins Homeoffice oder in den Urlaub hätten geschickt werden können. Auch die Zahl der Kurzarbeiter war damals rasant angestiegen. Jetzt allerdings werde in der Metallindustrie trotz des neuerlichen Lockdowns fast wie gewohnt produziert. Etliche Beschäftigte wollten auch nicht gerne im Homeoffice arbeiten.

Arbeitnehmer im Homeoffice (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa / Lisa Ducret)
Nicht nur Arbeitgeber, sondern auch viele Beschäftigte sehen eine Pflicht zum Arbeiten im Homeoffice kritisch. picture alliance / dpa / Lisa Ducret

Der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands WVIB, Christoph Münzer, sagte, mobiles Arbeiten sei für die Industrie in Baden-Württemberg ein fester Bestandteil. Man brauche aber individuelle Lösungen und keine Zwangsjacken aus Berlin.

Handwerk: Homeoffice teuer und schwierig zu organisieren

Kritik kommt auch von Handwerksbetrieben. Der baden-württembergische Handwerkspräsident Rainer Reichhold erklärt, für viele Betriebe sei Homeoffice, wenn überhaupt möglich, eine finanzielle, organisatorische und auch datensicherheitstechnische Belastung.

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Gewerkschaften lehnen Homeoffice-Pflicht ebenfalls ab

Vor einer Pflicht zum zu Hause arbeiten warnt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund. Der baden-württembergische DGB-Landeschef Martin Kunzmann sagte, man dürfe nicht vergessen, dass nicht alle Beschäftigten problemlos von zu Hause aus arbeiten könnten. Als Gründe nennt Kunzmann, dass sie keinen geeigneten Arbeitsplatz hätten, aber auch unter Einsamkeit leiden könnten.

Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut setzt auf Freiwilligkeit

Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) hält eine Homeoffice-Pflicht für Unternehmen für falsch.

"Die Unternehmen können jetzt alles brauchen, aber auf keinen Fall mehr Bürokratie."

Hoffmeister-Kraut sieht mit einer Homeoffice-Pflicht zusätzliche Arbeit auf ohnehin schon durch die Krise gebeutelte Unternehmen zukommen, wenn sie das dokumentieren und begründen müssten.

Im Winter weniger Beschäftigte im Homeoffice als im Frühjahr

Während im Frühjahr fast jeder dritte Berufstätige vom Küchentisch oder Sofa aus arbeitete, war es vor Weihnachten nur noch jeder Siebte, laut einer bundesweiten Umfrage.

Berechnungen der Uni Mannheim vom Dezember zeigen jedoch, dass durch mehr Homeoffice die Infektionszahlen deutlich sinken könnten. Harald Fadinger, Professor für Volkswirtschaftslehre und Business Economics an der Universität Mannheim, hat Homeoffice eine der effektivsten Maßnahmen genannt.

Arbeitgeberverbände halten dem entgegen, die meisten Ansteckungen würden im privaten Umfeld geschehen. Unternehmen hätten Hygienekonzepte.

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