Montage Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, im Hintergrund der Berliner Reichstag (Foto: Imago, imago)

Der baden-württembergische Ministerpräsident und die Bundesgrünen Kretschmann: In Berlin respektiert und dennoch suspekt

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Das Verhältnis von Winfried Kretschmann zu den Bundesgrünen ist nicht spannungsfrei. Der Realpolitiker hat seinen eigenen Kopf, damit eckt er in Berlin immer wieder an.

Ein heimlich aufgenommenes Video vom Bundesparteitag der Grünen 2017 in Berlin kursiert im Internet. Winfried Kretschmann nimmt die aus seiner Sicht ideologisch verblendeten Bundesgrünen in puncto E-Autos heftig aufs Korn. Er redet sich in Rage: "Wie kann man denn so ein Zeug verzapfen?" Es geht um das  Verbot des Verbrennungsmotors ab 2030.

In seiner offiziellen Rede argumentiert  Kretschmann, anders als im heimlichen Video,  rein sachlich: "Deswegen habe ich einen Dialog mit der Automobilindustrie ins Leben gerufen."

Der Glanz des ersten grünen Ministerpräsidenten

2011 waren die Bundesgrünen ziemlich stolz auf ihren "Winne", war er doch Ministerpräsident im schwarzen Baden-Württemberg geworden. Dabei wussten sie eigentlich, dass sie mit Kretschmann künftig keinen stromlinienförmigen Grünen an der Regierungsspitze bekommen würden.

Kretschmann noch vor der Partei mit klarem Ziel

1981 war Kretschmann in den Landtag eingezogen. Er wusste schon damals genau, wo er hin wollte – in die Regierung, anders als die grüne Partei damals.

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"Ich denke nicht nur, dass ich mir das vorstellen könnte, sondern dass die Grünen das anstreben sollten. Weil ich erst dann sozusagen Akteur des Handelns bin und das Handeln bestimme, wenn ich auch an der Macht beteiligt bin."

Winfried Kretschmann, 1982 auf die Frage, ob die Grünen Regierungsverantwortung übernehmen sollten

Wütende Fundis

Die Grünen-Fundis störte, dass sich Kretschmann nicht für mit Haut und Haar für ihre Ziele einsetzte. 1983 wurde er in Konstanz von wütenden Frauen von der Bühne verbannt weil er sich gegen die Beweislastumkehr bei sexueller Gewalt ausgesprochen hatte. Kretschmann wollte, dass die Abgeordneten im Landtag selbst frei entscheiden können, wie sie zu diesem Thema stehen und sie nicht an die kurze Leine nehmen.

Schwarzer Grüner?

Kretschmann sei eigentlich ein Konservativer, sagen viele in der Bundespartei. Er ist Katholik, wohnt im Schatten der Laizer Kirche bei Sigmaringen, er ist im Schützenverein und hält Werte wie die schwäbisch-alemannische Fasnet hoch.

Ganz anders, sein langjähriger Hauptkontrahent Jürgen Trittin in Berlin. Ein Linker, großstädtisch geprägt. Trittin verglich 2014 das grün-regierte Baden-Württemberg mit dem zurückgebliebenen Waziristan im Kaukasus – eine Anspielung auf die konservativen Grünen in Baden-Württemberg. Für solche Äußerungen hat Kretschmann nichts übrig.

Gutes Verhältnis Autoindustrie

Kretschmann gilt bis heute durch und durch als Realpolitiker, der auf ein gutes Verhältnis zur Industrie setzt. "Es gibt den sauberen Diesel. Es gibt ihn tatsächlich und er wird kommen," so Kretschmann. Er will das Firmenbashing nicht mitmachen, er wirbt regelrecht für "seine" Autoindustrie. Und mit "Baschta!" verteidigt er, dass der Ministerpräsident von Baden-Württemberg "'n Daimler" fährt.

Heftige Kritik beim Thema Asyl

Über Kreuz mit der Bundespartei  liegt Kretschmann auch immer wieder beim Thema Asyl. Im Bundesrat stimmte er der Regelung zu, die Balkanstaaten  zu sicheren Drittstaaten zu erklären. Auf dem Bundesparteitag 2014 in Hamburg brachte ihm das heftige Kritik ein.

Obwohl Kretschmann 2016 die Landtagswahl in Baden-Württemberg sogar vor der CDU gewann und damit zum Superzugpferd der Ökopartei wurde, bleibt vielen Bundesgrünen der grün-konservative Kretschmann suspekt.

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