Ein Schüler macht auf dem Schulhof einer Schule im Berliner Ortsteil Britz einen Antigen-Schnelltest. Er ist im Profil als Schatten vor einer Mauer zu sehen, das Teststäbchen steck in seiner Nase. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

Wichtiges Instrument oder Scheinsicherheit

Schnelltests: Wie wirksam ist die Corona-Teststrategie in BW?

STAND
AUTOR/IN

Corona-Schnelltests sind Teil der Strategie gegen die vierte Welle, Bürgertests erneut kostenlos. Doch: Wie sinnvoll sind Antigen-Tests in Schulen, Kitas und Testzentren?

Funktioniert die Corona-Teststrategie in Baden-Württemberg? Angesichts der Kosten für Antigen-Schnelltests und der zugleich hohen Inzidenzen im Land kann einem diese Frage durchaus kommen.

Infektionsketten überwachen - und unterbrechen?

Schnelltests sind bereits seit Jahresanfang 2021 in größeren Mengen verfügbar und seitdem in aller Munde - oder Nasen. Sie sind Teil der nationalen Teststrategie zur Pandemiebekämpfung. Gesetzlicher Rahmen ist die Testverordnung. Es gibt sie als Lolli- oder Spucktest, mit besonders langem Stäbchen für den tiefen Rachenabstrich und von vielen verschiedenen Herstellern. Zwar sind die Tests je nach Nachfrage zu stark schwankenden Preisen im Handel erhältlich, Expertinnen und Experten sind sich aber einig: Damit Schnelltests einen wirkungsvollen Überblick über das Infektionsschutzgesetz geben können, braucht es möglichst niedrigschwellige Testangebote.

Im Frühjahr konnte sich bei sogenannten Bürgertests jeder und jede Erwachsene kostenlos einmal in der Woche in Testzentren ein Stäbchen in die Nase stecken lassen. Zwischenzeitlich musste der Besuch im Testzentrum wieder selbst bezahlt werden, zum 13. November jedoch wurden die kostenlosen Bürgertests wieder eingeführt.

Ein Blick auf die Zahlen der letzten Wochen: Dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg wurden zwischen Freitag (12.11.) und Donnerstag (2.12.) insgesamt 19.739 positive Antigen-Tests gemeldet. Davon wurden 12.249 Fälle mit PCR-Test bestätigt, also rund 60 Prozent. Gleichzeitig lag die Gesamtzahl der in diesem Zeitraum an das Landesgesundheitsamt übermittelten positiven PCR-Testergebnisse bei 159.329. Rund 7,7 Prozent der PCR-positiven Corona-Fälle wurden also zuvor bereits durch Antigen-Tests erkannt. Klingt erst einmal nicht nach allzu viel.

Taugen Schnelltests zur Pandemiebekämpfung?

An Schulen und Kitas finden Reihentestungen mit Antigen-Schnelltests oder PCR-Pooltests statt. Auch Kitas und Kindergärten vertrauen auf das tägliche Testen. Damit sollen Kinder und Jugendliche, die lange noch nicht geimpft werden konnten, besser geschützt, aber auch Infektionsketten genauer überwacht und frühzeitig durchbrochen werden. Laut Sozialministerium stellt das Land Baden-Württemberg derzeit Geld für wöchentlich etwa 4,5 Millionen Testungen zur Verfügung.

Renommierte Forscherinnen und Forscher haben in einem Strategiepapier verschiedene Szenarien für den Corona-Winter 21/22 skizziert: unter anderem die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, Sandra Ciesek, Virologin am Universitätsklinikum Frankfurt der Goethe-Universität, oder Leif Erik Sander, Infektiologe und Impfstoffforscher an der Berliner Charité. Darin gehen sie auch auf die Rolle von Antigen-Schnelltests für die Pandemiebekämpfung ein.

"Regelmäßiges massives Testen müsste in der Größenordnung von einem Test pro Person pro Woche stattfinden und eine Kontaktnachverfolgung und Quarantäne beinhalten, um die Ausbreitung deutlich zu reduzieren."

Immer komme es darauf an, dass beim Testprozedere keine Fehler gemacht werden. Infektionen in einem frühen Stadium oder asymptomatische Infektionen seien außerdem schwer durch Schnelltests zu entdecken, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und natürlich spielt die Qualität des Tests selbst eine nicht unwesentliche Rolle. Antigen-Schnelltests sind also nützlich, bieten aber keine vollständige Sicherheit.

Friedrichshafen

Zweifel an Schnelltests Corona-Ausbruch: Ärger wegen Schnelltests an Friedrichshafener Kindergarten

Ein Corona-Ausbruch mit 20 Infizierten wirft die Frage nach der Sicherheit durch Schnelltests auf. Am betroffenen Kindergarten kommen nun andere Tests zum Einsatz. Woanders nicht.  mehr...

Schnelltests sind trotzdem ein wirkungsvolles Mittel

Im wissenschaftlichen Strategiepapier für den Corona-Winter 21/22 heißt es trotz aller Einschränkungen: Bei korrekter Anwendung könnten durch Schnelltests im Schnitt etwa die Hälfte der Infektionen erkannt werden, die auch ein PCR-Test entdecken würde. In der Theorie könnten Schnelltests die Pandemie also eindämmen. Dass es auch in der Praxis funktionieren kann, zeigt das Beispiel Slowakei, wo durch Massentests eine Reduktion der aufgetretenen Corona-Erkrankungen um 80 Prozent erreicht wurde.

Aber allein durch Schnelltests geht das natürlich nicht. Es braucht zusätzlich verlässliche Kontaktnachverfolgung, Isolation und Quarantäne sowie die Überprüfung der Testergebnisse durch PCR-Tests. Aber: All das wird immer schwieriger zu leisten, wenn Gesundheitsämter und Labore angesichts hoher Inzidenzen überlastet sind.

Ein so umfangreiches und wirkungsvolles Testen wie in der Slowakei gelingt in Baden-Württemberg und ganz Deutschland bisher nicht. Nur: Lohnt es sich dann überhaupt, wenn Bund- und Länderseite so viel Geld für Antigen-Schnelltests ausgeben? Eine SWR-Datenrecherche vom 19. November 2021 geht der Frage nach, wie gut die Reihentestungen an Schulen in Baden-Württemberg funktionieren - und kommt zu einem eher ernüchternden Ergebnis.

Baden-Württemberg

Coronavirus an baden-württembergischen Schulen 4,7 Millionen Schul-Schnelltests! 439 infizierte Kinder?

Baden-Württemberg erfasst nicht, wie viele Corona-Infektionen bei Kindern über die Schultestung mit Schnelltests gefunden werden. Ein Überblick, was schiefläuft.  mehr...

Aber nochmal zu den aktuellen Zahlen aus Baden-Württemberg: Zwischen 12. November und 2. Dezember 2021 wurden dem Landesgesundheitsamt insgesamt 8.626 positive Antigentests bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 5 und 18 Jahren gemeldet. Durch PCR-Test bestätigt wurden 5.073 Fälle - also rund 59 Prozent. Ingesamt wurden in diesem Zeitraum und in dieser Altersgruppe 39.305 Covid-19-Fälle gemeldet. Bereits durch Antigen-Tests korrekt als Corona-positiv erkannt wurden also etwa 13 Prozent der in diesem Zeitraum infizierten 5- bis 18-Jährigen. Eine Auflistung, die zwischen Kindern im Kindergarten und Kindern und Jugendlichen an Schulen unterscheidet, hat das Landesgesundheitsamt nicht.

Testen gegen die vierte Welle

Die Forscherinnen und Forscher um Priesemann schreiben, mit Tests an Schulen und am Arbeitsplatz könne man "die Breite der Bevölkerung" erreichen. Von den positiven Schnelltests in Schulen würden gut 60 Prozent durch einen PCR-Test bestätigt. Die jüngsten Zahlen aus Baden-Württemberg - 59 Prozent - stimmen damit überein. "Insgesamt weist das darauf hin, dass Teststrategien in Schulen und am Arbeitsplatz für Übergangsphasen hilfreich sein können, insbesondere bei hoher Inzidenz. Hier helfen auch gut durchgeführte Selbsttests dank ihrer guten Verfügbarkeit."

Mainz, Stuttgart

SWR-Datenanalyse zur Corona-Teststrategie Corona-Schnelltest: Aktionismus oder hilfreich?

Millionenfach unterzog sich die Bevölkerung in der dritten Welle Antigen-Schnelltests. Eine SWR-Datenanalyse zeigt: Die Ausbeute war gering. Experten fordern eine neue Teststrategie.  mehr...

Trotzdem ist klar: Wenn sich nicht auch die Erwachsen - samt denen, die bereits geimpft sind - regelmäßig testen lassen und bei einem positiven Ergebnis in Quarantäne gehen, ist das Testen gegen die vierte Welle machtlos. Je mehr Menschen sich daran halten, desto effektiver sind die Schnelltests - flankiert von allen anderen Maßnahmen - in der Pandemiebekämpfung. Ein Test pro Person pro Woche. Eine Zielmarke, die man schon einmal erreicht hat in Deutschland. Im Frühjahr 2021.

Friedrichshafen

Zweifel an Schnelltests Corona-Ausbruch: Ärger wegen Schnelltests an Friedrichshafener Kindergarten

Ein Corona-Ausbruch mit 20 Infizierten wirft die Frage nach der Sicherheit durch Schnelltests auf. Am betroffenen Kindergarten kommen nun andere Tests zum Einsatz. Woanders nicht.  mehr...

Mehr zum Thema:

Baden-Württemberg

Coronavirus an baden-württembergischen Schulen 4,7 Millionen Schul-Schnelltests! 439 infizierte Kinder?

Baden-Württemberg erfasst nicht, wie viele Corona-Infektionen bei Kindern über die Schultestung mit Schnelltests gefunden werden. Ein Überblick, was schiefläuft.  mehr...

Baden-Württemberg

Das Coronavirus und die Folgen für das Land Live-Blog zum Coronavirus in BW: Landesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 545,8

2G- und 3G-Regeln, Corona-Zahlen und Impfungen: Die wichtigsten Entwicklungen rund um das Coronavirus in Baden-Württemberg hier im Live-Blog.  mehr...

Baden-Württemberg

Corona in Baden-Württemberg Gesundheitsminister verteidigt Antigen-Schnelltests in BW

0,05 Prozent der Antigen-Tests, die seit April durchgeführt wurden, waren positiv. Waren die zahlreichen Testungen nutzlos? Nein, sagt der Sozialminister Manfred Lucha dem SWR.  mehr...

STAND
AUTOR/IN