Ein Junge lernt an seinem Schreibtisch mit einem Online-Lernprogramm. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Ulrich Perrey)

Faktencheck zum digitalen Schulstart

Wie groß ist das Moodle-Problem an den Schulen in BW?

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Viele Schulen in Baden-Württemberg setzen für den digitalen Unterricht auf die E-Learning Plattform Moodle. Über die technischen Probleme zum Schulstart gibt es unterschiedliche Darstellungen. Ein Faktencheck.

Das Kultusministerium in Stuttgart teilte am Montag mit, dass es an 200 von 4.500 Schulen im Land zu Problemen mit der Lernplattform Moodle gekommen sei. Diese Zahl stammt vom Betreiber der Moodle-Plattform Belwü. Es handelt sich dabei nach Angaben eines Sprechers von Belwü jedoch um eine Schätzung.

Zwei Server seien am Montag vorrübergehend ganz ausgefallen. Einige weitere Server seien stark belastet gewesen, weil insgesamt 1.550 Schulen am Montag auf die Moodle-Plattform zugegriffen hätten.

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Nicht alle 4.500 Schulen im Land nutzen Moodle

Die Zahl 1.550 zeigt, dass nur rund ein Drittel aller Schulen im Land am Montag auf das Moodle des Betreibers Belwü zugegriffen haben. Manche Schulen würden mit einem anderen Betreiber zusammenarbeiten oder Moodle gar nicht benutzen, so der Sprecher von Belwü. So zum Beispiel einige Grundschulen.

Dennoch: Wenn von 1.550 Schulen bei 200 Schulen Probleme aufgetreten sind, entspricht das einem Anteil von 13 Prozent. Der relative Anteil der Schulen mit Problemen war also nach diesen Zahlen größer, als vom Kultusministerium angegeben.

Lage am Dienstag laut Kultusministerium verbessert

Am Dienstag habe es keine Probleme mit den Servern mehr gegeben, so ein Sprecher von Belwü. Das Kultusministerium teilte mit: "Es gibt weder Überlastanzeigen noch Ausfälle, auch die Ladezeiten für die Nutzenden sind aktuell im grünen Bereich." Die Serverkapazitäten seien entsprechend ausgeweitet worden.

"Bei uns läuft alles im grünen Bereich. Die Server laufen einwandfrei."

Nur bei Webkonferenzen gebe es laut Belwü noch Ton- und Bildprobleme. Diese hätten aber nichts mit Moodle zu tun. Die Webkonferenz könne zwar über die Moodle-Plattform gestartet werden, sei aber ein separates Tool mit eigenen Servern. Für diese Server ist Belwü nach eigenen Angaben nicht zuständig.

Das Kultusministerium teilte außerdem mit, dass die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) beim Landeskriminalamt aktuell einen möglichen Angriff auf einen Moodle-Server prüfe.

Webportal netzwelt zeichnet rote Moodle-Karte

Das Webportal netzwelt.de sammelt seit Montagmorgen Moodle-Störungsmeldungen von Nutzern und fasst sie auf einer Deutschlandkarte zusammen. Darauf ist zu sehen, dass Baden-Württemberg fast komplett rot markiert ist. Auf Nachfrage gibt netzwelt.de an, am Montag 8.000 Störungsmeldungen aus Baden-Württemberg registriert zu haben.

Die Zahl und die Karte sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Netzwelt.de ermöglicht es Nutzern mehr als eine Störungsmeldung abzugeben. Je größer die Zahl der Meldungen, desto größer wird die rot markierte Fläche. Dadurch können Flächen markiert werden, die gar nicht direkt betroffen sind. Netzwelt weist in seiner Stellungnahme darauf hin, dass das Einzugsgebiet einer betroffenen Schule mehrere Kilometer Radius umfassen könne. Zwischen der Karte und den Aussagen des Kultusministeriums gebe es keinen Widerspruch.

Belwü widerspricht

Ein Sprecher von Belwü sagte, durch die Darstellung der Karte würde ein falscher Eindruck entstehen. "Die Aussagekraft der Grafik ist falsch, weil sie suggeriert dass Moodle nicht funktioniert." Das sei am Montag nur sehr vereinzelt der Fall gewesen. Für Dienstag vermutet Belwü, dass sich die Störungsmeldungen auf die Bild- und Tonprobleme bei den Webkonferenzen beziehen würden.

Moodle-Problem kann mehrere Gründe haben

Prof. Dr. Johannes Freudenmann ist Studiengangsleiter im Fach Informatik an der Dualen Hochschule in Karlsruhe. Seiner Meinung nach könne das Moodle-Problem entweder im Netzwerk liegen, bei der Aufteilung der Last auf die Server, oder auch an den Ressourcen der Server selbst. Das könne je Schule und Region unterschiedlich sein.

Dem Betreiber Belwü sei kein Vorwurf zu machen, stellt Prof. Dr. Andreas Judt fest. Er ist ebenfalls Studiengangsleiter im Fach Informatik, aber nicht an der DHBW in Karlsruhe, sondern in Friedrichshafen.

"Man kann dem Betreiber von Moodle Belwü keinen Vorwurf machen.“

Es sei kaum möglich im Vorfeld die benötigte Rechenleistung der Server abzuschätzen. Dazu hätte es einen Testlauf mit den Schulen gebraucht und der wäre teuer geworden, sagt Judt.

GEW und Philologenverband melden weiterhin Probleme

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg hat am Dienstag erneut Probleme mit Moodle gemeldet. Lehrkräfte hätten vereinzelt Anlaufschwierigkeiten gehabt, heißt es in einer Mitteilung. Auch der Philologenverband, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, hat Beschwerden von Lehrkräften registriert.

Emotionen und Zahlen schwer vergleichbar

Zusammenfassend bleibt es schwer, die Größe des Moodle-Problems zu beziffern. Die Faktenlage ist hierbei nicht einfach zu konstruieren, weil sie von technischen Details bei Moodle und von vielen Beteiligten abhängt. Hinzu kommt, dass bei diesem Thema die Emotionen der Betroffenen auf teilweise geschätzte Zahlen des Betreibers treffen. Beides zusammen lässt sich nur schwer in Relation stellen.

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