Frische Knospen eines Baums sind von Schnee bedeckt. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod)

Extreme Wetterwechsel

Launenhaftes Wetter: Unsere geographische Lage ist Schuld

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In Deutschland haben wir zurzeit extreme Wetterwechsel. Erst ist es warm, dann fällt Schnee bis in die Niederungen. Die Hintergründe erklärt ARD-Wetterexperte Karsten Schwanke.

SWR Aktuell: Wie kommen diese extremen Wetterschwankungen gerade zustande?

Karsten Schwanke: Wir liegen gerade im Einzugsbereich einer sehr markanten Luftmassengrenze. Es gab zum Beispiel in dieser Woche enorm große Temperaturunterschiede genau über Europa, zwischen einem sehr heißen nördlichen Afrika. 45 Grad hatten wir dort jetzt schon. Man muss sich vorstellen: Im März sind auch 45 Grad im Norden der Sahara alles andere als normal. Und wir haben immer noch Frost in Skandinavien. Und diese riesigen Temperaturunterschiede werden ausgeglichen durch eine sehr starke Tiefdrucktätigkeit. Deshalb gerade dieses gefühlt "verrückte" Wetter.

Jetzt sagt der Volksmund ja: "Der April, der macht, was er will." Das heißt, das Verrückte, das Wechselhafte, das gehörte schon immer dazu. Ist denn das, was gerade passiert, wirklich dieses sprichwörtlich wechselhafte Aprilwetter? Oder ist es doch ein bisschen mehr?

Also diese Sturmtiefs, die wir jetzt haben, die sind schon eher besonders. Die sind schon eher etwas stärker als normalerweise zu dieser Jahreszeit. Solche Sturmtiefs würden wir eher Ende Herbst und während des gesamten Winters erwarten. Eigentlich sollte jetzt die Tiefdrucktätigkeit langsam abnehmen, was typisch ist für das Frühjahr.

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Was auch untypisch ist im Vergleich zu den 70er und 80er-Jahren - was wir aber in den letzten 40 Jahren zunehmend sehen - ist, dass die Frühlingsmonate März und April deutlich sonniger und deutlich trockener geworden sind. Und wenn wir uns jetzt zurückerinnern an diesen März, dann war das genau eine solche Entwicklung, dass wir also zwei, drei Wochen lang Sonnenschein hatten und eine enorm trockene Wetterlage. Da muss man sagen, dass das, was jetzt ist, eigentlich eher die alten Zeiten sind. Das ist eher das Wechselhafte, das wir "normal" nennen müssten.

Inwieweit verändert denn der Klimawandel unser Wetter gerade?

Das, was ich gerade gesagt habe, diese Zunahme von Sonnenscheinstunden im Frühjahr, einhergehend mit einer stärkeren Hochdruckwetterlage, die wir gerade in den letzten Jahrzehnten beobachten: Das sind ziemlich deutliche Zeichen, dass sich hier etwas ändert. Und das können wir ruhigen Gewissens auch dem Klimawandel zuschreiben. Und wir sehen generell, dass sich bestimmte Wetterlagen festsetzen, dass sie sich nicht so schnell abwechseln und ablösen. Und dieses Festsetzen, diese langsamere Bewegung von Hochdruckgebieten, von Tiefdruckgebieten und damit einhergehend eben eine längere Regenphase genauso eben wie vor allem längere Trockenphasen: Das ist das, was wir heute schon sehen.

Das ist vor allem ein ganz wichtiger Punkt, gerade im Hinblick auf dürre Wetterlagen, gerade im Sommerhalbjahr, den wir in den nächsten Jahrzehnten immer stärker erwarten. Das ist übrigens auch etwas, was der neueste Weltklimabericht, der Anfang der Woche herausgegeben wurde, nochmal ganz deutlich unterschreibt.

Was auch auffällt beim Wetter beziehungsweise bei den Vorhersagen: Wenn es heißt "stürmische Böen", dann ist das jetzt mittlerweile auch richtiger Sturm.

Streng meteorologisch sind stürmische Böen noch nicht Sturm, das ist Windstärke 7. Sturm beginnt ab Windstärke 8, danach kommen dann die schweren Sturmböen, dann kommen die orkanartigen Sturmböen und dann, mit Windstärke 12, kommt der Orkan. Es gibt auch immer die Frage beim Sturm: Nehmen Sturmereignisse zu - auch im Zuge des Klimawandels? Und da müssen wir sagen: Da sind wir blank, das wissen wir nicht. Es gibt erst einmal keine klaren Aussagen darüber, ob wirklich die Winterstürme, die Tiefdruckgebiete, zum Beispiel zunehmen.

Winterstürme brauchen das, was ich gerade erwähnt habe: große Temperaturunterschiede zwischen Nord und Süd, einen kalten Norden, einen sehr warmen Süden. Diese Temperaturunterschiede nehmen eigentlich im Mittel ab, weil die Arktis sich deutlich stärker erwärmt als der Rest der Welt. Deshalb sind wir sehr gespannt, wie sich die Stürme verhalten.

Aber natürlich sind Stürme immer auch eine gefährliche Wetterlage für uns in Deutschland und in Mitteleuropa. Ganz wichtig: Sobald die Bäume Blätter bekommen, umso anfälliger sind sie, dass große Äste abbrechen oder dass Bäume umknicken, weil der Wind eine viel größere Angriffsfläche bei belaubten Bäumen hat.

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