Zwei Schüler gehen am frühen Morgen auf dem Schulweg zu ihrer Schule (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte (Symbolbild))

Kultusministerium sieht Gefahr der Radikalisierung

Szene der "Freilerner": Wie "Querdenker" in Baden-Württemberg Schule machen

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Nick Schader
Kai Laufen

Mehr als 30 schulähnliche Gruppen in BW unterlaufen die Schulpflicht. Die Initiatoren gehören oft zum "Querdenker"-Milieu - und sehen die Corona-Maßnahmen als Gefahr für Kinder.

Am Fuß eines Hangs bei Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) dringen Kinderstimmen aus einem zugewachsenen Gartengrundstück. Zu erkennen ist hinter der Blütenpracht nur ein Partyzelt, vor dem Eingangstor lehnt ein Kinderfahrrad. Jeden Vormittag trifft sich hier rund ein Dutzend Kinder und Jugendliche, während Gleichaltrige in den benachbarten Schulen sitzen. Es sind Kinder, deren Eltern meinen: Abstand halten, Masken tragen und regelmäßiges Testen schade ihren Kindern. Und die diese Kinder deswegen teilweise seit Monaten nicht in den regulären Schulunterricht gehen lassen.

Auf Konfrontationskurs mit der Schulpolitik

"Lernen im Freien" heißt das Konzept, das in Kirchheim von einer ehemaligen Waldorflehrerin umgesetzt wird, der das Gelände gehört. Ein Interview will die Frau nicht geben und verweist auf den Initiator von "Lernen im Freien": Matthias Lebschy. Er betreibt in Esslingen schon seit Jahren zwei Kindertagesstätten. Die Corona-Politik trieb ihn auf die Straße, auch auf Demos von "Querdenken-711" in Stuttgart. Im Frühjahr 2021 geht Lebschy auf Konfrontationskurs mit der Schulpolitik. Unter dem Namen "Lernen im Freien" gründet er Gruppen für Kinder und Jugendliche, die durch die Corona-Maßnahmen geschädigt oder gar traumatisiert worden seien.

Als die Schulen nach dem Lockdown wieder öffnen, gehen viele dieser Kinder nicht mehr hin - auch seine eigenen nicht. Lebschy weiß, dass er mit der Verletzung der Schulpflicht die Fürsorgepflicht des Staates auf den Plan ruft. Aber im Gespräch mit dem SWR versucht er, das Problem umgekehrt darzustellen: Die Corona-Maßnahmen selbst seien womöglich eine Kindeswohlgefährdung. Und die Gefahr bestehe, dass die Strukturen zum Kinder- und Jugendschutz diesen Sachverhalt nicht erkennen würden. "Kindeswohlbetrachtungen sind immer individuelle Betrachtungen", sagt der gelernte Heilerziehungspfleger. In diesem Sinne brauche es einen Ermessensspielraum für Lehrkräfte, Rektorinnen und Rektoren und Mitarbeitende des Schulamtes, ob ein Kind durch das tägliche Testen und Maske tragen gefährdet sei.

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Suche nach "freiheitsschonenden Alternativen"

Matthias Lebschy verweist auf einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes vom 19. November 2021, nach dem "der Staat große Gefahren für Leib und Leben am Ende nicht deshalb in Kauf nehmen [dürfe], weil er nicht genug dazu beigetragen hat, dass freiheitsschonendere Alternativen zur Abwehr dieser Gefahren erforscht wurden." Dieses Forschen nach Alternativen würde er gerne selbst vorantreiben.

Das baden-württembergische Kultusministerium allerdings interpretiert den Beschluss ganz anders. Denn der Auftrag zur Suche nach Alternativen beziehe sich auf die radikalste Maßnahme überhaupt, nämlich die zeitweise Schließung von Schulen. Der Aufforderung, nach Alternativen dazu zu suchen, komme das Kultusministerium nach, "indem es seit dem 22. März 2021 über ein elektronisches Meldesystem tagesaktuell das Infektionsgeschehen an den Schulen erhebt und überwacht. Die so ermittelten Infektionszahlen wurden der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt und lieferten der Wissenschaft Zahlenmaterial zur Wirksamkeitskontrolle der bestehenden Infektionsschutzmaßnahmen an Schulen."

"Lernen im Freien": Andere Art der Wissensaneignung

Während die Politik an ihrem Ziel festhält, die Schulen offen zu halten, aber das Infektionsgeschehen durch Maskenpflicht und viele Schnelltests zu kontrollieren, zielt der Ansatz von Matthias Lebschy in eine völlig andere Richtung: "In einer Schule nach meinen Wunschvorstellungen würden die Kinder selbst entscheiden, was sie bringen müssen. Ich kann selbst zeigen, was ich kann." Es geht also um eine grundsätzlich andere Art der Wissensaneignung - der Widerstand gegen Corona-Maßnahmen tritt vor diesem Anspruch eher in den Hintergrund.

Widerstand gegen die Schulpflicht

Mit seinen Vorstellungen trifft Matthias Lebschy auf Mitstreiter mit ähnlichen Zielen. Eine seiner Töchter hat er bei einem Verein angemeldet: "Gaudium in Vita" - Freude im Leben. Der Verein will angeblich erforschen, wie sich freies Lernen ohne Noten und ohne Zwang auf Kinder auswirkt.

Im Dezember 2021 schreibt der Verein nach eigenen Angaben sämtliche 16 Kultusministerien der Länder an. Unter der Überschrift "Forschungsprojekt Selbstbestimmtes Lernen" legen die Autorinnen und Autoren dar, dass sie sich "dem bislang wenig erforschten Bereich des selbstbestimmten Lernens am Beispiel von "Freilernern" außerhalb einer Regelschule" widmen. In ganz Deutschland würden 555 Kinder und Jugendliche teilnehmen, in Baden-Württemberg seien es 69. Der Verein bittet darum, die Schulämter über seine "Grundlagenforschung in Kenntnis zu setzen und anzuweisen, von Ordnungsmaßnahmen bzgl. vermeintlicher Schulpflichtverletzungen nach Vorlage der Teilnahmebestätigung abzusehen", schließlich herrsche Forschungsfreiheit.

Bundesländer lehnen Forschungsprojekt ab

Die Ablehnung dieser Anliegen durch eine ganze Reihe von Bundesländern erfolgt prompt, woraufhin die Betreiber des selbsternannten Forschungsprojektes mit einer Umdeutung der Rechtslage reagieren: "Schulpflicht ist nach unserer Lesart die Pflicht des Staates, ein allen Kindern und Jugendlichen zugängliches Schulwesen zu gewährleisten, wofür er [der Staat] die Aufsicht hat. Keineswegs beinhaltet o.g. Formulierung die Pflicht der Kinder und Jugendlichen, dieses in Anspruch zu nehmen und eine Schule zu besuchen."

Diese alternative Auslegung des Begriffs "Schulpflicht“ ist juristisch nicht haltbar. Aber die Autorinnen und Autoren meinen es offenbar ernst. SWR-Recherchen zeigen: Hinter dem Verein "Gaudium in Vita", der offiziell in Österreich registriert ist, steht in Wirklichkeit ein Ehepaar aus Niedersachsen.

Mit Thor-Steinar-Hemd vor dem Schullandheim

Mit seinen Kindern lebt das Paar in einem ehemaligen Schullandheim. Nach eigenen Angaben gehen ihre Kinder auf keine Schule. Fotos im Gemeindeblatt zeigen den Mann vor seinem Anwesen. Er trägt ein T-Shirt von Thor Steinar. Die Kleidungsmarke gilt Verfassungsschützern als "szenetypisches Erkennungsmerkmal" von Rechtsextremisten. Die Frau und Mutter ist seit Jahren politisch aktiv, zunächst im Widerstand gegen 5G-Funkmasten.

Ihre Mitgliedschaft bei der Ökologischen Partei Deutschlands, ÖDP, endete allerdings im Eklat, denn sie habe sich geweigert, einen Abgrenzungsbeschluss gegen die AfD und andere rechte Parteien mitzutragen. 2021 wurde sie aus der ÖDP ausgeschlossen. Auch bei der örtlichen "Querdenker"-Szene wirkte sie mit, als Sängerin einer Band, die auf Demonstrationen auftrat. Ende Februar moderierte sie eine Veranstaltung, bei der der "Querdenker" Bodo Schiffmann den Angriffskrieg auf die Ukraine guthieß.

Schetinin-Pädagogik: Disziplin, Gehorsam und militärische Übungen

Auf ihrem Hof bietet die Familie Raum für pädagogische Seminare mit umstrittenen Inhalten. Eine "Internationale Schul- Sport und Kultur-Akademie" aus Weilheim in Bayern etwa führt hier in die Pädagogik nach Michail Petrowitsch Schetinin ein. Dieser hatte im südrussischen Tekos eine Musterschule nach seinen Vorstellungen aufgebaut, die in der deutschen Schulkritiker-Szene viel diskutiert wird.

Mädchen und Jungen sollen demnach getrennt aufwachsen, Disziplin und Gehorsam stehen im Mittelpunkt. Militärische Übungen und Ausbildung an Waffen gehören offenbar dazu. Kritikerinnen und Kritiker werfen dem Konzept Nationalismus und Methoden der Gehirnwäsche vor - in Russland wurde die Musterschule von den Behörden geschlossen. Der Experte für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der evangelischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann, ordnet die Schetinin-Bewegung in seinem gleichnamigen Buch der "Rechten Esoterik" zu.

Im Milieu von Neonazis und Holocaust-Leugner

"Gaudium in Vita" stellt sich im Januar 2022 im Rahmen eines sogenannten "Schul-Trauma-Kongresses" online vor. Das Interview führt eine Frau, die den Kongress mitorganisiert hat. SWR-Recherchen ergeben: Diese Frau bewegt sich schon seit Jahren im Umfeld von Neonazis, etwa mit Unterstützern der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck.

Gegenüber dem SWR bekräftigt der Weltanschauungsbeauftragte Matthias Pöhlmann, die "Pandemie-Zeit" habe vielen rechten Verschwörungstheorien einen Aufschwung gebracht.

"Ich denke, es ist für rechtsextremistische und antidemokratische Kräfte ein sehr günstiger Moment, um diese Überzeugungen in die Mitte der Gesellschaft hineinzutragen. Und Umfragen und Forschungen zeigen, dass Verschwörungstheorien auch bei extrem Rechten angesiedelt sind. Und ich habe wirklich den Eindruck, dass hier auch rechtsextremistische Kräfte diese Thematik für eigene Zwecke ganz stark instrumentalisieren."

Auf Interviewanfragen reagieren weder die Mitorganisatorin des Kongresses noch das Ehepaar, das hinter "Gaudium in Vita" steht.

Mehr als 30 schulähnliche Gruppen im Land

Die Szene der sogenannten Freilerner hat durch die "Querdenker" und durch Widerstand gegen Corona-Maßnahmen an Schulen neuen Zulauf erhalten. Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht diese Gefahr. Grundsätzlich stehe man Schulen in Freier Trägerschaft aufgeschlossen gegenüber. 24 Anträge auf Schulgründungen lägen derzeit bei den Regierungspräsidien. Die meisten seien unproblematisch, aber immerhin bei drei Anträgen sieht das Ministerium Anhaltspunkte, dass Kontakt zum "Corona-Gegner-Milieu" besteht.

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BW-Kultusministerin: Szene der "Querdenker" radikalisiert sich

Schopper bestätigt dem SWR: "Wir haben beobachtet, dass die Szene der 'Querdenker' hier eine gewisse Radikalisierung erfahren hat. Und dass auch eine Radikalisierung von rechter Seite versucht wurde, um das ein Stück weit zu kapern. Wir haben aber hohe Hürden, bis man bei uns eine Schule aufbauen kann. Und wir haben auch einen großen Konsens, dass Schule nicht politisch indoktriniert wird."

Laut Kultusministerium wurden wegen Verletzung der Schulpflicht landesweit bisher in 80 Fällen Zwangsgelder verhängt. Das klingt wenig - aber SWR-Recherchen in Chatgruppen und im Internet deuten darauf hin, dass in Baden-Württemberg mehr als 30 schulähnliche Gruppierungen aktiv sind, die offenbare Ziele weit über die Pandemie hinaus verfolgen.

Von dem fragwürdigen politischen Hintergrund etwa des Vereins "Gaudium in Vita" will Matthias Lebschy erst durch unsere Anfrage erfahren haben. Er zeigt sich überrascht und enttäuscht. Die Nachfrage, ob er seine eigene Tochter nun bei "Gaudium in Vita" abmeldet, lässt Matthias Lebschy unbeantwortet.

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