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"Alle Jahre wieder" ist die Weihnachtszeit die besucherstärkste Zeit des Jahres in den Kirchen. Doch dieses Jahr wird wegen der Corona-Pandemie vieles anders. Droht ein Weihnachten 2020 ganz ohne Gottesdienst oder Krippenspiel?

Volle Kirchenränge und lautes gemeinsames Singen - das wird es Weihnachten 2020 voraussichtlich nicht geben. Aber trotz Corona-Beschränkungen wollen sich die meisten Gemeinden in Baden-Württemberg ein traditionelles Weihnachtsfest nicht nehmen lassen - dafür werden bereits im Hintergrund kreative Lösungen gesucht.

Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hält bei einem Weihnachtsgottesdienst in der Evangelischen Stiftskirche in Stuttgart die Predigt. (Foto: dpa Bildfunk, Christoph Schmidt (Archivbild))
Archivbild: Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hält bei einem Weihnachtsgottesdienst in der Evangelischen Stiftskirche in Stuttgart die Predigt. Christoph Schmidt (Archivbild)

Gottesdienste in Stuttgart, Reutlingen, Heilbronn und Ulm geplant

Die meisten großen Gemeinden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wollen Präsenzgottesdienste zu Weihnachten anbieten, wo das entsprechend der aktuellen Corona-Verordnung machbar ist. Das bestätigt Oliver Hoesch, Sprecher der Evangelischen Landeskirche, dem SWR. Aktuell werden Gottesdienste beispielsweise in Stuttgart, Reutlingen, Heilbronn und Ulm geplant, so Hoesch. "Aber auch viele mittlere und kleine Gemeinden werden das machen."

Dennoch könnten viele Kirchgänger dieses Jahr leer ausgehen, denn es stehen weniger Plätze zur Verfügung als sonst: Zwar sehen die Corona-Regeln keine konkrete Obergrenze für die Zahl der Gottesdienstbesucher in Innenräumen vor, allerdings müssen die Abstandsregeln jederzeit gewahrt werden, vom Eintritt bis zum Verlassen der Kirche.

Im Ulmer Münster gibt es beispielsweise Platz für maximal 500 Personen, statt der sonst 2.500, bestätigte die Münstergemeinde Ulm dem SWR. "Viele wollen schon reservieren, rufen an, schreiben Mails", sagte Pfarrerin Stephanie Ginsbach. Deshalb plant die Kirchengemeinde mehrere kürzere Gottesdienste. "Wir müssen die Nachfrage in irgendeiner Form gut abfangen und gut nachkommen, so dass möglichst viele Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft und auch nach Ruhe und Geborgenheit und nach Gottesnähe an Heiligabend erfüllt kriegen", sagte Ginsbach.

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Manche Gemeinden wollen deshalb auf größere Plätze im Freien ausweichen, beispielsweise auf Sportplätze, sagt Hoesch von der Evangelischen Landeskirche. Auch würden viele Gemeinden zu Weihnachten wieder Livestreams oder aufgezeichnete Gottesdienste anbieten wollen. "Und auch manches Krippenspiel wird in diesem Jahr im Vorfeld aufgezeichnet und im Gottesdienst abgespielt werden", sagte Hoesch. Geplant sei auch eine halbstündige Weihnachtsfeier aus dem Bischofshaus mit Landesbischof Frank Otfried July, die online und im Fernsehen ausgestrahlt wird.

Um einen Besucherandrang vor den Kirchen zu vermeiden, stellt die Landeskirche den einzelnen Kirchengemeinden ein Online-Reservierungssystem zur Verfügung. Eine Anmeldung soll aber auch telefonisch möglich sein. "Wir möchten gerne vermeiden, dass Heiligabend Menschen vor der Tür stehen und keinen Platz bekommen", sagte Hoesch. Für endgültige Ankündigungen sei es aber noch zu früh. "Wir werden eine Liste auf unserer Website veröffentlichen, sobald die Gemeinden sie uns mitgeteilt haben", sagt Hoesch.

Diözese Rottenburg-Stuttgart rät zur überkonfessionellen Nutzung von Kirchen

Die Gemeinden der Katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart "stecken noch mitten in den Planungen", sagte Pressesprecherin Eva Wiedemann. "Noch wissen wir nicht, unter welchen Bedingungen wir Advent und Weihnachten feiern werden. Deswegen versuchen wir, die Vorbereitungen so flexibel zu gestalten, dass auf verschiedene mögliche Entwicklungen der Pandemie schnell reagiert werden kann."

Ziel sei es, die Eucharistiefeier und andere Gottesdienste so zu planen, dass möglichst viele Menschen mitfeiern können, so Wiedemann. "Gerade in ländlichen Gebieten kann es sein, dass die Kirchen selbst dann nicht genügend Platz bieten, wenn mehrere Gottesdienste gefeiert werden", sagte die Pressesprecherin. "Ist in diesen Fällen vor Ort eine größere evangelische Kirche vorhanden, streben wir eine Nutzung durch beide Konfessionen an. Im umgekehrten Fall gilt dies auf Anfrage selbstverständlich in gleicher Weise." Im Bedarfsfall sollen die Gemeinden in Gemeindehallen oder andere geeignete Hallen zurückgreifen.

"Bei der Vorbereitung der Weihnachtsgottesdienste ist die größte Herausforderung für unsere Gemeinden die Unsicherheit. Alle wissen, dass dieses Jahr Weihnachten ganz anders gefeiert werden muss - aber aufgrund des unberechenbaren Pandemieverlaufs weiß noch keiner, wie das genau aussehen wird. Trotz all dieser Ungewissheiten erlebe ich viel Engagement in unseren Gemeinden im Blick auf Weihnachten. Ich merke sogar, dass viele besonders motiviert sind: Das Fest der Menschwerdung Gottes soll gerade auch in diesem Jahr ein Fest der Freude und Hoffnung sein."

Weihbischof Gerhard Schneider, Diözese Rottenburg-Stuttgart

"Bereits während des Lockdowns im Frühjahr haben unsere Kirchengemeinden gezeigt, mit welch innovativen Projekten sie den Menschen zur Seite stehen - von Gottesdiensten und anderen Gebetsformen im Internet über eine Vielzahl von Hilfsangeboten vor Ort bis hin völlig neuen Konzepten und geistlichen Angeboten", sagte Wiedemann. Auch das sei zu Weihnachten angedacht: Aus dem Dom in Rottenburg als auch aus vielen Gemeinden in der gesamten Diözese sind Livestreams der Weihnachtsgottesdienste geplant.

Erzbistum Freiburg plant interaktives Krippenspiel

Kirchenbesucher hören im Münster beim Pontifikalamt zu Weihnachten der Predigt von Erzbischof Stephan Burger zu.  (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)
Gottesdienst im Freiburger Münster (Archivbild) Patrick Seeger

Auch die Gemeinden im katholischen Erzbistum Freiburg planen weiter Präsenzgottesdienste, beispielsweise auch im Freiburger Münster oder in Mannheim, bestätigt Pressesprecher Michael Hertl. Wie die Platzvergabe geregelt wird, sei noch nicht abschließend geklärt. Der Freiburger Gottesdienst um 22 Uhr werde aber auch wie andere Gottesdienste live im Internet übertragen, so Hertl. Ganz so wie die letzten Jahre wird es aber auch in Freiburg nicht werden: "Es wird - nach jetzigem Stand - auf jeden Fall eine viel kleinere Gottesdienstgemeinde sein, als wir es gewohnt sind", sagte Hertl. "Das Freiburger Münster, in dem normalerweise am Heiligen Abend jeder Platz besetzt ist, wird nur für 140 Mitfeiernde zugänglich sein. Der Gesang wird nicht von der Gemeinde kommen, sondern vollständig von der Dommusik gestaltet. Wir ermuntern diejenigen, die keinen Platz finden, sich gemeinsam die Liveübertragung im Internet anzuschauen und sie durch eigene Lieder und Gebete im Familienkreis oder der Wohngemeinschaft zu ergänzen." Um Gemeindemitglieder zu ermutigen, sich bereits im Vorfeld über alternative Angebote und Formate von Gottesdiensten Gedanken zu machen, hat das Erzbistum die Plattform "Weihnachten 2020" gestartet.

Eine besondere Aktion sei in der Mannheimer Jugendkirche Samuel geplant. Dort ist für den Nachmittag eine Familienkrippenfeier angedacht. Das Krippenspiel werde vorher aufgezeichnet. Die Feier mit interaktiven Elementen soll dann live im Internet übertragen werden. "Die vorproduzierten Einspieler werden wir bereits vorher allen Gemeinden in der Erzdiözese zur Verfügung stellen, die dann drumherum ihre eigene Krippenfeier gestalten können", sagte Hertl.

Corona kreativ begegnen: Landeskirche Baden will Gemeinden inspirieren

Wie die Gemeinden der Evangelischen Landeskirche Baden die Weihachtszeit begehen werden, ist derzeit noch nicht absehbar, sagt Monika Hautzinger. Gottesdienste an Weihnachten stellen eine besondere Herausforderung dar. In einer Video-Konferenz Mitte September wurden dazu Ideen entwickelt. Konkrete Ergebnisse oder Ankündigen seien aber erst gegen Ende November zu erwarten, sagte Hautzinger. "Es gibt viele Ideen, was davon umgesetzt werden kann, das hängt einfach von der weiteren Entwicklung ab".

Auf einer Website hat die Landeskirche Tipps für ihre Gemeinden zusammengestellt, wie Advent und Weihnachten dieses Jahr gefeiert werden kann. "Die Kreativität ist da, aber es erfordert nochmal viel Offenheit, um auf die jeweilige Situation zu reagieren", sagte Hautzinger.

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