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Am 27. April wurde die Maskenpflicht in Baden-Württemberg eingeführt. Zunächst hielten sich so gut wie alle an diese Maßnahme. Mittlerweile begegnen wir immer wieder Menschen ohne Maske. Doch was tun in so einem Fall? Soziologe Stefan Kaufmann gibt Antworten.

Eine Schutzmaske wird zu Zeiten des Coronavirus über Mund und Nase getragen - zumindest, wenn man es richtig machen will. Doch es gibt auch Menschen, die beispielsweise in Supermärkten, dem Zug oder in der Warteschlange ohne Maske unterwegs sind. Auch schon gesehen: Die Maske wird unter die Nase gezogen oder hängt unter dem Kinn.

Mund-Nasen-Schutz ab sechs Jahren Pflicht

Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung ist in Baden-Württemberg in bestimmten Bereichen jedoch verpflichtend. So müssen Personen ab sechs Jahren in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie Bussen und Bahnen, Supermärkten und Einkaufszentren einen Mundschutz tragen. Neu dazugekommen seit Mittwoch ist auch die Maskenpflicht auf Wochen- und Jahrmärkten, sofern diese in geschlossenen Räumen stattfinden. Und: Nach den Sommerferien ist an allen weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg ein Mund-Nasen-Schutz Pflicht.

"Ich mag das nicht. Es juckt. Klar, die Gesundheit geht vor. Aber es ist nervig."

Friseurkunde in Mannheim

"Es gibt tatsächlich Menschen, die keine Maske tragen, das fällt auf. Allzu viele sind das nach Selbstauskünften in Umfragen, die Maskenpflicht zu befolgen, allerdings nicht", sagt Stefan Kaufmann, Professor am Institut für Soziologie an der Universität Freiburg dem SWR. "Es kann sehr unterschiedliche Gründe geben, keine Maske zu tragen. Was wir bisher aus Umfragen erkennen ist:

  • Es wird schlichtweg vergessen, eine Schutzmaske zu tragen. Jemanden zu erinnern genügt oftmals auch.
  • Es gibt Personen, die sich stark beeinträchtigt fühlen - auf gesundheitlicher Ebene.
  • Es gibt vor allem bei Jugendlichen Personen, die das Tragen für unnötig und das Ansteckungsrisiko für gering halten.
  • Und dann gibt es noch den Protest gegen das Tragen von Schutzmasken, der sich eher prinzipiell gegen Regierungsmaßnahmen richtet."

Wie spreche ich jemanden auf seine fehlende Maske an?

Wenn man jemand bitten möchte, etwas anders zu tun, sollte man laut Kaufmann generell:

  • möglichst freundlich sein.
  • nicht autoritär sprechen.
  • nicht besserwisserisch agieren.

So kann man die Person bitten, eine Maske aufzusetzen. "Wenn jemand ganz bewusst und herausfordernd keine Maske trägt, sollte man vorsichtig mit Hinweisen sein", rät der Professor. In solchen Fällen sollte man Konflikten aus dem Weg gehen, denn es bringe nichts, wenn jemand auf einen freundlichen Hinweis nicht reagiert. "Man kann davon ausgehen, dass sich die Person in der Angelegenheit unbelehrbar gibt." Ein weiterer Schritt wäre dann Ordnungskräfte hinzuzurufen und sich selbst zurückzuziehen.

Warum stört es mich, wenn mein Gegenüber keine Maske trägt?

"Es kann Sie einerseits stören, weil Sie sich bedroht fühlen, weil Sie das riskant finden." Das Nichttragen einer Maske, dort wo es Pflicht ist, sei ein rücksichtsloses Verhalten gegenüber der Gemeinschaft, weil die Maske vor allem ein Schutz von anderen sei, erklärt Kaufmann. "Man orientiert sein Verhalten auch sehr stark an dem der anderen. Wenn die meisten anderen eine Maske tragen, dann gibt es eine Dynamik, an die sich die meisten dann auch halten." Wenn aber kaum jemand oder niemand eine Maske trägt, neige die Mehrzahl eben auch dazu, dem Beispiel der meisten zu folgen, so der Professor.

Eine Maske auf dem Boden (Foto: SWR)
"Ein Automatismus im Umgang mit der Maske kommt nur schwer auf, weil die Situationen ständig wechseln", erklärt Kaufmann.

Mehrere Tausend Menschen demonstrieren in Berlin gegen Hygieneauflagen

Es sind Bilder, die noch immer für Empörung sorgen: Am vergangenen Wochenende hatten sich beispielsweise rund 17.000 Menschen in Berlin zu einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen versammelt. Trotz steigender Infektionszahlen machten sie sich für ein Ende aller Auflagen stark. Dabei missachteten sie Abstandsregeln und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Nachdem die Polizei mehrfach auf die Verstöße hinwies, stellte sie Strafanzeige gegen den Leiter der Versammlung. Der Veranstalter beendete die Demonstration daraufhin.

Doch was bewegt diese Demonstranten? "Es können sehr unterschiedliche Motive sein: Was vermutlich die Mehrzahl der Teilnehmer an den Protestaktionen treibt, ist der Protest gegen staatliche Maßnahmen, die als obrigkeitsstaatlich empfunden werden", erklärt Kaufmann. Letztlich manifestiere sich in den Demonstrationen ein generelles Misstrauen gegenüber der Regierung und öffentlichen Institutionen.

Bußgeld von bis zu 250 Euro möglich

Bei einem Verstoß gegen die Maskenpflicht kann in Baden-Württemberg ein Bußgeld verhängt werden. Nach Angaben des Sozialministeriums kann das im Land sogar bis zu 250 Euro betragen. Von der Maskenpflicht gibt es wenige Ausnahmen: Die Regelung gilt nicht für kranke Menschen und auch nicht für Kassiererinnen und Kassierer, die hinter einer Plexiglasscheibe sitzen. Die Kontrolle der Maskenpflicht obliegt der Polizei und den Ordnungsämtern der Städte und Kommunen. Diese gehen unterschiedlich streng mit den Kontrollen um, in manchen Kommunen wird überhaupt nicht kontrolliert.

Warum fällt es den Menschen teilweise schwer eine Maske zu tragen?

Die Umgewöhnung spielt dabei eine große Rolle, denn Gewohnheiten umzustellen sei nicht einfach, so Kaufmann. "Das Schwierige ist, unsere Alltagspraktiken zu verändern. Etwas Neues zu integrieren, verursacht immer einen großen Aufwand und dann werden auch schnell Proteste dagegen laut."

"Wenn man sich einzelne Interviews von Maskenverweigerern anhört, ist die Rede davon, dass man sich nicht 'versklaven' lassen wolle. Und das zeigt, dass sich einige Menschen partout in ihren Gewohnheiten nicht umstellen wollen."

Stefan Kaufmann, Professor für Soziologie, Uni Freiburg

"Bis sich eine Gesellschaft dauerhaft in solchen Gewohnheiten umstellt, braucht es eine Weile." Und wenn die Maskenpflicht auf Dauer bleibe, werde dies sehr lange als Einschränkung in der kulturellen Wahrnehmung behalten, so der Soziologe.

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