Auf einem Schild am Straßenrand ist zu lesen "Unfalltod lauert". Dazu ist ein Motorradfahrer abgebildet (Foto: imago images, IMAGO / Jochen Tack - Montage: SWR)

Mit Vollgas unterwegs

Interview: Warum Motorradfahrer das Unfallrisiko in Kauf nehmen

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Das Unfallrisiko ist bei einem Motorrad laut Statistik dreimal höher als bei einem Pkw. Jedes fünfte Todesopfer auf der Straße ist ein Biker. Wieso rasen sie trotzdem?

Reinhard Barth ist Verkehrspsychologe aus Stuttgart. Er bereitet Menschen auf die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) vor. Sie ist in manchen Fällen notwendig, wenn der Führerschein entzogen wurde. SWR Aktuell-Moderatorin Astrid Meisoll hat mit ihm gesprochen.

SWR Aktuell: Sind Motorradfahrer generell risikobereiter als Autofahrer?

Reinhard Barth: Es ist auf jeden Fall so, dass sie ein höheres Risiko wissentlich in Kauf nehmen. Große Motorräder sind sieben Mal stärker als ein Pkw, weil sie ein geringes Gewicht haben. Die Biker trauen sich zu, diesen Kräften Herr zu werden. Aber deswegen kann man nicht prinzipiell sagen, dass sie risikofreudiger sind.

Ein Unfall kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Warum nehmen manche Motorradfahrer dieses Risiko in Kauf?

Sobald manche Biker auf ihrem Motorrad sitzen, verhalten sie sich so, als ob sie ein anderer Mensch wären. Und dieser andere Mensch nimmt dann ein besonderes Risiko in Kauf, obwohl er in der Familie oder am Arbeitsplatz zuverlässig ist. Diese Fantasie, zwei Personen in einer zu sein, schafft eine besonders riskante Fahrweise. Das kann niemand aus dem näheren Umfeld nachvollziehen.

Wie behandelt man solche Motorradfahrer aus psychologischer Sicht, damit man sie wieder guten Gewissens auf die Straße und auch auf ein Motorrad lassen kann?

Bei so einem Fall, wie ich gerade geschildert habe, wird es darum gehen, dass der Betroffene den riskanten Fahrer als Teil von sich selbst akzeptieren kann. Denn aus seiner Sicht handelt es sich bei dem riskanten Fahrer um einen anderen Menschen. Er weiß nicht hinreichend über diesen Teil seiner Persönlichkeit Bescheid und möchte es auch nicht. Aus seiner Perspektive sind es die anderen, die so fahren, er aber nicht.

Das ist also der größte Schritt in einer Therapie, diesen Zustand anzuerkennen?

Genau. Die Lösung des Problems besteht sozusagen darin, das Problem als ein eigenes zu betrachten.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess.

Ja. Das wirkt in dem Betroffenen nach. Er denkt darüber nach, kommt nach einer Weile wieder in die Therapie und dazwischen passiert etwas.

Gibt es eine Empfehlung für Menschen aus dem näheren Umfeld, wie die sich verhalten können?

Die Menschen aus dem näheren Umfeld können nur versuchen, auf diesen großen Unterschied hinzuweisen. Mehr können sie nicht machen. Wenn der Betroffene in der Fantasie ein anderer Mensch ist, dann versteht er gar nicht, von was geredet wird. Er sagt dann: ich habe das schon im Griff, lass das mal meine Sache sein, ich habe so viel Erfahrung, ich weiß, was ich tue. Das ist dann wie eine Wand.

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