Corona-Intensivstation (Foto: dpa Bildfunk, Kay Nietfeld)

Pandemie und Pflegenotstand

Intensivpflegekraft verlässt Beruf: "In manchen Nächten bin ich um Jahre gealtert"

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Marc-Julien Heinsch

Nach über 30 Jahren im Beruf: Eine Pflegekraft aus Baden-Württemberg erklärt, warum sie nicht mehr auf der Intensivstation arbeiten will - und kritisiert die Politik.

Barbara Ziegel geht. Mit über 50 verlässt sie den Krankenhausbetrieb. Barbara Ziegel - das ist nicht ihr richtiger Name. Den möchte sie nicht in den Medien sehen. Sie sorgt sich, dass ihr Noch-Arbeitgeber und vielleicht auch ein paar ihrer Kollegen nicht gerne lesen werden, was sie zu sagen hat. Nach über 30 Jahren an einer Klinik in Baden-Württemberg hat sie gekündigt - und darüber mit dem SWR gesprochen. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

„Es ist einfach ein Beruf, den man körperlich und psychisch fast nicht machen kann bis zur Rente. Ich habe nur zwei oder drei Kollegen erlebt, die bis zum Ruhestand auf der Intensiv gearbeitet haben.“  

Mit 18 Jahren hat Ziegel ihre Ausbildung begonnen, sich bald auf der Intensivstation zur Fachkrankenschwester weitergebildet. Ihr machte es Spaß, sich um die Kranken zu kümmern, zu sehen, wie es ihnen nach einer großen Operation langsam wieder besser ging.

Fasziniert war sie von den Schläuchen, den Geräten mit all ihren Anzeigen, über die sie auch nachts um 3 Uhr und im größten Stress den Überblick behalten musste. Begeistert haben sie die Möglichkeiten der modernen Medizin: Narkose oder wie man Blut, das Patienten während eines Eingriffs verlieren, auffangen und es ihrem Körper später wieder zuführen kann.

Barbara Ziegel verlässt die Intensivstation - nicht nur wegen Corona

2004 wechselte ihre Berufsbezeichnung: Pflegerin statt Schwester konnte sie sich jetzt nennen. Auch andere Dinge haben sich verändert. Barbara Ziegel hat erlebt, wie der Krankenhausbetrieb zunehmend privatisiert wurde, wie Fallpauschalen und der Zwang, schwarze Zahlen schreiben zu müssen, ihre Arbeit veränderten, wie die Pflege immer mehr verdichtet, die Zeit pro Patient immer knapper wurde.

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Stattdessen: Ein immer größerer bürokratischer Aufwand. Zusätzlich zum stressigen Stationsalltag.

"Bei Beatmungspatienten muss man jede Stunde dokumentieren, wie das Gerät eingestellt ist, wie sich die Werte entwickelt haben. Oft kommt man gar nicht dazu. Man war in einem anderen Zimmer und hat einen Patienten versorgt und konnte in dieser Zeit den Wert nicht eintragen. Das führt dazu, dass man irgendeinen Fantasiewert einträgt. Die Dokumentationspflichten sind so exorbitant gestiegen über die Jahre. Im Prinzip wissen auch die Mitarbeiter in der Verwaltung, dass man das nicht mehr leisten kann." 

Barbara Ziegel hat Kinder bekommen, Elternzeit genommen und ist wieder auf die Intensivstation zurückgekehrt. Nicht mehr in Vollzeit. Wegen der Familie - und der zunehmenden Belastung im Krankenhaus. Sie hat ihren Beruf immer gerne ausgeübt. Sie hat viele gehen sehen, denen es eigentlich auch so ging. Jetzt arbeiten sie nicht mehr in der Pflege.

Auch Barbara Ziegel wird nach über 30 Jahren im Krankenhaus die Intensivstation verlassen. Ihre Kündigung hat sie eingereicht, nächstes Jahr ist Schluss. Wegen der Arbeitsbedingungen, der Bezahlung und natürlich wegen Corona.

„Ich habe für mich gesehen, dass ich den Beruf körperlich und emotional nicht mehr machen kann, so wie die Entwicklung ist - und ihn auch nicht mehr machen will.“ 

Mit der von Grippe-Kranken ist die Versorgung von Covid-Patienten nicht vergleichbar.

"Im Winter, in der ‚normalen‘ Grippesaison mussten wir vielleicht mal drei oder vier Zimmer isolieren. In der zweiten Corona-Welle hatten wir elf beatmete Patienten. Da war jedes Zimmer isoliert. Das waren Zustände, die einfach Wahnsinn sind. Das waren Schicksale – da leidest du persönlich mit. Ich war in der Zeit zum Glück nur zu 60 Prozent da. 100 Prozent hätte ich nicht gepackt, glaube ich."

Ziegel sagt, es sei schwer für sie gewesen, Corona-Patienten noch "relativ fit" auf die Intensivstation kommen zu sehen und zu wissen: Wenn sie erstmal mit Covid dorthin gekommen sind, stehen die Chancen, die Erkrankung zu überleben, 50/50.

"Auf der normalen Station bekommen sie Medikamente, inhalieren Sauerstoff über eine Nasenbrille. Wenn das nicht mehr reicht, kommen sie zu uns. Dann bekommen sie das sogenannte High Flow, ein Beatmungsgerät mit einem größeren Schlauch, der in die Nase eingeführt wird. Da kann man den Sauerstoffgehalt auf über 90 Prozent hochfahren und bis zu 60 Liter pro Minute geben."

Ein vom Covid-19-Virus betroffener Patient liegt auf der Intensivstation und wird künstlich beatmet. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | Christophe Ena)
"Dann checkt man jeden Tag die Blutgasanalyse, schaut die Werte an und hofft, dass es besser wird", sagt Intensivkrankenpflegerin Barbara Ziegel über die Beatmung von Covid-Patienten. picture alliance/dpa/AP | Christophe Ena

Zwischen Furcht vor Ansteckung und Mitleid mit den Patienten

Die Pflegerinnen und Pfleger stehen in dem Zwiespalt, den Schwerkranken Nähe vermitteln zu wollen, gleichzeitig haben sie selber Angst vor der Krankheit.

"Diese Menschen hängen am Leben, sie wollen nicht an dieser Krankheit sterben. Und trotzdem muss ich jeden Tag das High Flow höher stellen, die Blutgasanalyse wird immer schlechter, man versucht sie aufzumuntern, auch wenn man in der kompletten Schutzausrüstung vor ihnen steht. Irgendwann schaffen sie es nicht mehr, sich selbst den Mund abzuputzen oder einen Joghurt zu essen, weil sie so starke Atemnot haben. Man selbst fürchtet sich natürlich vor Ansteckung. Aber die Patienten tun einem auch wahnsinnig leid und man will alles für sie tun. Mir ist eine Patientin so sehr ans Herz gewachsen, dass ich eine Kollegin fragen musste, ob sie sie versorgt. Diese Frau tat mir so leid. Jeden Tag musste ich sehen, wie es ihr schlechter ging."

Von Klinikchefs und Pflegedienstleitung hätten sie und ihre Kollegen sich allein gelassen gefühlt, sagt Ziegel.

"Gerade in so einer Situation gehört doch mehr dazu als uns einmal in der Woche einen Obstkorb hinzustellen."

Alle seien während Corona an ihre Grenzen gestoßen. Im Sommer hätten sie und ihre Kollegen im Intensivpflegeteam trotzdem Hoffnung gehabt. Vielleicht würde es ja doch endlich besser. "Man wollte einfach nicht mehr. Aber leider sind wir ja eines Besseren belehrt worden."

Noch bevor die vierte Welle ihre ganze Wucht entfaltete, steckte Ziegel sich mit dem Coronavirus an. Höchstwahrscheinlich bei der Arbeit. Trotz vollen Impfschutzes und all der Sicherheitsvorkehrungen. Vier oder fünf Kolleginnen und Kollegen hätten sich in jeder der bisherigen Wellen bei der Arbeit angesteckt, sagt Ziegel. Nach sechs Wochen fühlt sie sich wieder belastbar. Eine Herzrhythmusstörung ist ihr trotzdem geblieben, sie nimmt nun Medikamente.

Fehlendes Personal: Deutschlandweit 4.000 Intensivbetten weniger

Ziegel sagt, "die Politik hat es gewusst". "Sehenden Auges" sei man auf die Situation zugesteuert, in der man nun steckt: Der Pflegenotstand, der in Deutschland immer bedrohlicher wird. Fehlendes Fachpersonal oder einfach Fachpersonal, das so nicht länger arbeiten will. Alles noch einmal verschlimmert unter dem Brennglas der Pandemie. Eine Kollegin habe nach der dritten Welle einen Burn-Out gehabt, eine andere Kollegin in Ziegels Alter schon zuvor gekündigt. In manchen Nächten, sagt Ziegel, sei sie um Jahre gealtert.  

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So wie Barbara Ziegel. Sie wird künftig im Hospiz arbeiten.

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