Porträtfoto von Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand am Klinikum Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat - Montage: SWR)

Steigende Zahl an Corona-Neuinfektionen

Warum das Klinikum Stuttgart auf die neue Corona-Verordnung in BW setzt

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Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen steigt. Im Klinikum Stuttgart liegt sie bei 28. Deshalb begrüßt die Klinik die neue Corona-Verordnung in Baden-Württemberg.

Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen ist Medizinischer Vorstand am Klinikum Stuttgart. SWR Aktuell-Moderator Florian Rudolph hat mit ihm über die neue Corona-Verordnung in Baden-Württemberg gesprochen, die am Montag, den 13. September in Kraft tritt.

Florian Rudolph, SWR Aktuell: Wie sieht es im Klinikum Stuttgart im Moment auf den Intensivstationen aus?

Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen: Wir haben, was Covid-19 anbelangt, eine kontrollierte Situation. Aber seit einigen Wochen hält der steigende Trend an. Vor zwei Monaten waren wir nahe Null, jetzt haben wir zur Stunde 28 Patienten wegen Covid-19 in stationärer Behandlung. Acht von ihnen sind kritisch krank und werden beatmet. Es zieht also wieder deutlich an.

Was können Sie über die Patienten sagen. Wie alt sind die und handelt es sich überwiegend um Ungeimpfte?

Sie sind im Schnitt etwa 50 Jahre alt. Viele Patienten haben Übergewicht. Und nahezu alle Erkrankten sind ungeimpft. Nur sehr vereinzelt wird berichtet, dass auch Geimpfte kritisch erkranken. Dabei handelt es sich um Personen, die massiv immunsupprimiert sind (dabei handelt es sich um die Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems, Anm. d. Red.) oder schwerste Begleiterkrankungen haben. Ansonsten ist das eine Pandemie der Ungeimpften.

Das Landesgesundheitsamt erwartet, dass die erste Warnstufe schon in gut einer Woche erreicht wird. Teilen Sie diese Befürchtung?

Das deckt sich mit den Prognosen, die ich sehe. Wir haben im Klinikum Stuttgart täglich einen Anstieg um wenige Prozent. Dieser Trend gilt auch deutschlandweit. Wir sehen auch eine hohe Positivitätsrate bei den Coronatests. Ich halte die Prognose für realistisch.

Was halten Sie von den Grenzwerten in der neuen baden-württembergischen Corona-Verordnung?

Ich finde, das ist ein wichtiges Maß, weil es die Belastung oder Überlastung des Gesundheitswesens widerspiegelt. In der ersten Welle war es so, dass wir viele planbare Operationen verschoben haben. Patienten mit anderen Erkrankungen wurden vertröstet. Das war eine Einbuße an Lebensqualität. Andere haben aus Sorge vor Infektionen die Krankenhäuser gemieden. Sie alle waren Opfer der Pandemie sozusagen, obwohl sie gar nicht an Covid19 erkrankt waren. Das sollte sich nicht wiederholen. Und diese Maßzahl trägt dafür Sorge, dass auch das Klinikpersonal, insbesondere in der Intensivpflege, nicht sehenden Auges überstrapaziert wird. Insofern finde ich die Regelung sinnvoll.

Der Makel des Grenzwertes ist jedoch, dass es sich um eine nachlaufende Zahl handelt. Die Menschen, die heute bei uns auf die Intensivstation kommen, haben sich vor zwei Wochen infiziert und nach einer Inkubationszeit von einer knappen Woche Symptome entwickelt. Die nehmen langsam zu und führen schließlich zur stationären Einweisung und Verlegung auf die Intensivstation. Das heißt: die Situation bei uns spiegelt die Infektionslage von vor einem halben Monat wider. Insofern schauen wir weiter auf die Sieben-Tage-Inzidenz. Aber die Hospitalisierungs-Rate ist ein wichtiges Maß.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, rechnet mit einem Ende der Corona-Pandemie im kommenden Frühjahr. Sind Sie auch so optimistisch?

Ich weiß gar nicht, ob das optimistisch ist. Wir werden sicherlich in den kommenden Monaten eine vollständige Immunisierung erreicht haben - entweder durch Impfung oder durch natürliche Infektion. Das letztgenannte ist nicht erfreulich. Deshalb geht es jetzt darum, möglichst viele zu impfen, die Welle abzuflachen und die unkontrollierten Infektionen mindestens zeitlich zu strecken. Wenn dann alle eine Grundimmunisierung haben, wird die Erkrankung endemisch. Sie wird uns wahrscheinlich dauerhaft begleiten, aber ihren Schrecken verlieren.

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