Eine Intensivstation: Immer mehr Betten sind mit Covid-19-Patienten belegt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Starkes Infektionsgeschehen

Warum die Corona-Zahlen in Baden-Württemberg so hoch sind

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Maximilian Münster und Nico Heiliger

Die Corona-Zahlen in Baden-Württemberg bewegen sich auf hohem Niveau. Trotz fortgeschrittener Impfkampagne ist das Infektionsgeschehen stärker als im Herbst 2020. Warum?

Die vierte Corona-Welle scheint das Land mit voller Wucht zu treffen. Am Mittwoch (3. November) meldete das Landesgesundheitsamt 5.176 Neuinfektionen - und damit einen Rekordwert in dieser Pandemie. Vor einem Jahr, am 3. November 2020, gab es mit 2.450 gemeldeten Fällen nur halb so viele Neuinfektionen - obwohl damals noch niemand geimpft war. Wie ist das höhere Infektionsgeschehen zu erklären?

2020: Teil-Lockdown ab November

Auch im Herbst 2020 bahnte sich eine neue Corona-Welle an. In einzelnen Landkreisen kam es zu Ausbrüchen, die Infektionszahlen stiegen stark an. Die Landesregierung verschärfte deshalb die Kontrollen der Corona-Regeln, wie Mindestabstand oder Maskenpflicht. In Landkreisen mit hohen Sieben-Tages-Inzidenzen gab es eine Höchstteilnehmerzahl bei Feierlichkeiten. Im November traten dann weitreichende Beschränkungen in Kraft. Private Treffen waren nur noch unter zwei Haushalten erlaubt, die Gastronomie musste schließen. Der Veranstaltungs- und Freizeitsportbetrieb wurde eingestellt. Schulen, Kitas und Einzelhandel blieben jedoch geöffnet. Zum 3. November 2020 lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 119,5. Genau ein Jahr später betrug diese 173,3.

Im Vergleich zeigt sich: Die Corona-Strategie in diesem Jahr unterscheidet sich von der des vergangenen Herbstes. Das öffentliche Leben ist vergleichsweise wenig eingeschränkt. Wer geimpft, genesen oder getestet ist, kann frei daran teilhaben. Zudem ist die Impfkampagne fortgeschritten: 65 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg sind vollständig geimpft, 66,7 Prozent mindestens einmal (Stand: 3. November 2021).

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Sowohl im Herbst 2020 als auch im Herbst 2021 nahm die Belastung auf den Intensivstationen zu. Doch nun ist der Zuwachs im Vergleich zu vor einem Jahr rund 25 Prozent höher - trotz Impfschutz.

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Experten machen Delta-Variante verantwortlich

Experten sehen mehrere Gründe, warum das Infektionsgeschehen stärker verläuft. "Die Delta-Variante hat eine deutlich höhere Übertragungsfähigkeit als der Wildtypus, der im vergangenen Jahr verbreitet war", sagt Hartmut Hengel, Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Freiburg, dem SWR.

Jan Liese, Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Tübingen, teilt diese Einschätzung: "Delta ist deutlich ansteckender und führt zu einer anderen Ausbreitungsdynamik als die Wildtyp-Variante im Herbst 2020", sagt Liese dem SWR. Auch sei die Ausgangslage im vergangenen Jahr eine andere gewesen. "Im letzten Jahr hatten wir über den Sommer generell deutlich geringere Fallzahlen -was als Ausgangsbasis für den Herbst diente. Nach der ersten Welle hatte sich das Virus zunächst nur punktuell in Hotspots ausgebreitet", sagt Liese.

Ein weiterer Grund, warum die Zahlen momentan ansteigen: Die Immunität der geimpften und genesenen Bevölkerung sei mit der Zeit rückläufig, so Hengel. "Es ist normal, dass der Antikörperspiegel dieser Gruppen abnimmt und diese dann für die Delta-Variante empfänglicher werden", erklärt Hengel. Mit den Kindern und Jugendlichen seien zudem nun auch diese Altersklassen Treiber des Infektionsgeschehens geworden, die in weiten Teilen noch nicht immun seien.

Generell spielt laut den Experten das Verhalten der Menschen in diesem Jahr eine wichtige Rolle. Es gebe keinen Lockdown und damit ein freieres Leben, sagt Virologe Hengel. "Im letzten Jahr ist man deutlich vorsichtiger an alles rangegangen", bestätigt Liese von der Uniklinik Tübingen. 2021 habe man ab dem Frühsommer deutlich weniger Einschränkungen gehabt als im Vorjahr.

Weniger Masken an Schulen

"Auch wird an Schulen nicht mehr flächendeckend Maske getragen", so Hengel. Die Landesregierung hatte die Maskenpflicht im Schulbetrieb gelockert. Am Platz müssen Schülerinnen und Schüler seit dem 18. Oktober keinen Mund- und Nasenschutz mehr tragen. "Das halte ich für einen Fehler", sagt Hengel. Auch vermittelten Lockerungen, wie etwa volle Fußballstadien, eine falsche Sicherheit. "Das ist kein kluges Signal für die Gesellschaft."

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Sieben-Tage-Inzidenz bleibt wichtiger Gradmesser für Infektionsgeschehen

Seit Mitte August spielt die Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg keine Rolle mehr als Gradmesser für Einschränkungen. Es sei sinnvoll, dass die Auslastung der Intensivbetten als entscheidender Faktor betrachtet werde, "da die Sieben-Tage-Inzidenz nicht automatisch die Krankheitslast in der Bevölkerung widerspiegelt", sagt der Freiburger Virologe Hengel. Auch die Hospitalisierungsrate sei vor diesem Hintergrund wichtig. Sie gibt an, wie viele Covid-Patientinnen und Patienten je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in den letzten sieben Tagen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. "Doch die Sieben-Tage-Inzidenz bleibt ein wichtiger Gradmesser."

"Die Sieben-Tage-Inzidenz hat eine Bedeutung, weil sie weiterhin anzeigt, wie sich das Virus ausbreitet", sagt Liese. Die Auslastung der Intensivbetten und die Hospitalisierungsinzidenz seien schwierigere Steuerungsmerkmale, da sie das Infektionsgeschehen zu einem bereits länger zurückliegenden Zeitpunkt abbildeten - wenn die Menschen bereits die Kliniken belegten.

"Ich rechne nicht damit, dass die vierte Welle so schnell abebbt."

Vielversprechende Daten bei Booster-Impfung

Hoffnung machen laut Hengel in dieser vierten Welle Erkenntnisse zur Booster-Impfung: "Wir haben sehr vielversprechende Daten, dass die dritte Impfung breit-neutralisierende Antikörper hervorbringt, die das Virus zurückdrängen", sagt Hengel. Für den bislang nicht-immunisierten Teil der Bevölkerung gelte: "Impfen, impfen, impfen." Weiterhin hält es der Virologe für sinnvoll, Ansammlungen vieler Menschen zu beschränken - auch Geimpfter und Genesener. Auch das Tragen von Masken müsse beibehalten werden, um vulnerable Gruppen zu schützen.

"Der vierten Welle kommen wir nun nicht mehr durch Impfungen bei", sagt Liese von der Uniklinik Tübingen. Dafür dauere es zu lange, alle Ungeimpften zu immunisieren. Deren Anteil an den Bürgerinnen und Bürgern sei wiederum zu groß, als dass die Welle schnell zum Erliegen käme. Trotzdem müssten alle Möglichkeiten zur Impfung genutzt werden. Andererseits: "Man muss ja auch sehen: Wenn in der aktuellen Situation nicht so viele Menschen geimpft wären, hätten wir längst wieder einen Lockdown machen müssen. Dann wäre das Gesundheitssystem jetzt so belastet wie noch nie zuvor", so Liese.

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