Ein kleines Mädchen erhält die Impfung gegen das Coronavirus (Foto: imago images, IMAGO / Laci Perenyi - Montage SWR)

Taugt die Herdenimmunität als Argument?

Corona-Impfung für Kinder: Darum hält ein Reutlinger Arzt davon wenig

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In Kanada haben die Corona-Impfungen für Kinder ab 12 Jahren begonnen. Und auch in den USA könnte es in wenigen Tagen losgehen. Ein Reutlinger Kinderarzt hält davon wenig.

Sollen Kinder schnellstmöglich auch eine Corona-Impfung erhalten? Oder sollte man damit lieber noch warten? Dr. Till Reckert, Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, macht im Gespräch mit dem SWR deutlich, dass er gerne an der derzeitigen Impf-Priorisierung festhalten möchte.

Diese Position vertritt auch die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx. Sie lehnt es ab, Kinder nur deshalb jetzt schon gegen das Coronavirus zu impfen, um schnell die Herdenimmunität zu erreichen.

SWR Aktuell: Herr Reckert, darf Herden-Immunität kein Argument für die Corona-Impfung von Kindern sein?

Frau Buyx spricht mir aus der Seele. Gehen wir einen Schritt zurück. Das Coronavirus wurde entdeckt, weil es in großer Zahl zu Krankenhausaufnahmen von Erwachsenen kam. Besonders ältere Menschen standen im Fokus. Stellen wir uns jetzt vor, es gäbe auf der Welt nur Kinder und Jugendliche. Dann könnte es sein, dass Pandemie völlig unbemerkt an uns vorbeigegangen wäre, weil sich die meisten Kinder selbst immunisiert hätten und mit dem Coronavirus zusammen alt geworden wären. Das ist bei vielen anderen Viren auch der Fall, dass Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen, wenn keine Immunität vorhanden ist, weniger Probleme mit Infektionskrankheiten haben. Seit zwei Wochen impfe ich nun in meiner Praxis und mache das aus Überzeugung. Ich mache das gerne. Aber ich impfe eben die Großeltern und die priorisierten Eltern für die Kinder.

Kinder würden Sie im Moment also noch nicht impfen?

Nein, das würde ich nicht. Das ist eine Diskussion, die völlig zur Unzeit kommt. Wir haben in Deutschland mit der Impfkampagne vieles richtig gemacht. Wir haben mit den Ältesten angefangen. Wir sehen den Erfolg, dass die über 80-Jährigen jetzt nicht mehr bei der Corona-Inzidenz oben sind. Insofern kann ich die von der STIKO (Ständige Impfkommission) und vom Ethikrat vorgeschlagene Impf-Priorisierung verstehen, die wir noch eine ganze Weile beibehalten müssen.

Hatten Sie denn schon Kinder in ihrer Praxis, die positiv auf Corona getestet wurden und ohne Symptome waren?

Haufenweise. Ganz ausschließlich. Aber woran die Kinder wirklich leiden, ist ein Mangel an Mitgefühl, Empathie und sozialem Beieinandersein. Ganz viele Kinder haben so eine Art Long-Covid-Syndrom - nicht weil sie Corona hatten, sondern weil sie einfach müde sind, weil sie motivationslos sind, weil sie sozial deprimiert sind. Da müssen wir dringend was tun. Und deswegen plädiere ich dafür, dass man die Erwachsenen impft und dann das Leben für Kinder wieder öffnen kann.

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