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"Querdenken"-Bewegung und Verschwörungstheoretiker leugnen die Corona-Gefahr - so viel ist bekannt. Dass auch viele Anthroposophen dabei mitmachen, wird für Waldorfschulen zunehmend zum Problem.

Die Meldungen häufen sich, wonach Lehrkräfte an Waldorfschulen nicht nur selbst Maske und Abstand verweigern, sondern auch ihre Schülerinnen und Schüler dazu auffordern, Corona-Maßnahmen abzulehnen, sich sogenannte Gefälligkeitsatteste ausstellen zu lassen oder vor dem Impfen warnen. Immer häufiger kommt es deshalb zu Streit.

Der Riss geht nicht selten quer durch die Schulen mit Beteiligung von Lehrkräften, Eltern und Schülerschaft. Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume fordert die Waldorfschulen deshalb auf, wachsam zu sein.

Waldorfschulen müssen sich dem Thema stellen

Für Blume liegt das Problem in der großen Nähe von Anthroposophie und Esoterik begründet. Einige Menschen in der Waldorf-Bewegung würden deshalb Wissenschaften als Erklärungsgrundlage rundweg ablehnen, sagte Blume im Gespräch mit dem SWR.

Seiner Erfahrung nach handele es sich dabei um eine Minderheit. Weil sich Waldorfschulen in der Regel selbst verwalteten, sei es aber schwer einzugreifen, wenn dann etwas schieflaufe.

Deshalb rät Blume der Anthroposophischen Gesellschaft, sich dem Thema offen zu stellen. Das müsse man von den Waldorfschulen erwarten können. Und die meisten würden das auch tun, allerdings fügt Blume an:

"Ich würde mir schon eine klarere Kommunikation wünschen und weniger Geschwurbel. Da muss die Anthroposophie schon ein bisschen taffer werden gegenüber Verschwörungsleuten in den eigenen Reihen."

Michael Blume, baden-württembergischer Antisemitismusbeauftragter

Es bringe auch nichts, solchen Leuten gegenüber Rücksichtnahme zu zeigen oder den Konflikt zu verschweigen, so Blume. Auf die Frage, ob die Anthroposophie an sich anfällig für Verschwörungsdenken und rechte Ideologien sei, sagte Blume, das müsse nicht so sein.

Der Begründer Rudolf Steiner habe zwar Aussagen gemacht, die aus heutiger Sicht klar antisemitisch seien, auf der anderen Seite habe sich Steiner aber auch in einem Verein zur Abwehr des Antisemitismus engagiert. "Jeder hat eine Verantwortung, an was knüpfe ich an, und vor allem, was bringe ich Kindern bei. Da kann man sich nicht drunter wegducken und so tun, als wäre das nie passiert. Denn durch das Internet kann das heute jeder nachlesen", so Blume.

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