Die Corona-Infektionszahlen steigen schneller als im letzten Jahr: Das Robert Koch-Institut sieht Deutschland vor der vierten Welle. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Kampf gegen die Corona-Pandemie

Sorge vor der vierten Welle: Zahlen in Baden-Württemberg steigen weiter

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Die Delta-Variante hat Folgen: In der Corona-Pandemie startet die nächste Welle hierzulande rund fünf Wochen früher als im vergangenen Sommer. Politiker und Experten sind besorgt.

Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat in Deutschland die vierte Welle der Corona-Pandemie begonnen. Laut RKI ist der Anteil der positiven PCR-Tests in Laboren binnen einer Woche bis Mitte August von vier auf sechs Prozent gestiegen. "Damit zeigt sich nun deutlich der Beginn der vierten Welle, die insbesondere durch Infektionen innerhalb der jungen erwachsenen Bevölkerung an Fahrt aufnimmt", heißt es in dem Bericht. Angesteckt hat sich ein Teil der Betroffenen auch in Urlaubsländern, zum Beispiel auf dem Balkan, in der Türkei oder in Spanien.

RKI sieht deutlichen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften

Das RKI schätzt eine Gefährdung für die Gesundheit der noch nicht oder erst einmal geimpften Bundesbürgerinnen und -bürger insgesamt weiterhin als hoch ein, für vollständig Geimpfte dagegen als moderat. Ein ähnlicher Anstieg der Infektionen in der jüngeren Bevölkerung sei auch schon im Sommer 2020 zu beobachten gewesen, allerdings erst fünf Wochen später.

Der neue Anstieg der Inzidenzen hat Folgen. Der zuletzt allgemein abnehmende Trend von Covid-Patienten in Kliniken setzt sich zurzeit nicht fort, heißt es im RKI-Bericht. Die Zahlen befänden sich noch auf niedrigem Niveau, stiegen nun aber sichtbar an.

Unter den Erkrankten auch bereits Geimpfte

Unter den Erkrankten sind auch Patienten und Patientinnen, die bereits gegen das Coronavirus geimpft sind. Das schürt unter anderem die Debatte, ob eine Drittimpfung notwendig ist, und bei wem. Die SWR-Wissenschaftsredakteurin Veronika Simon erklärte am 20.8. im SWR, dass es nicht überraschend ist, dass Geimpfte trotzdem erkranken.

Auch in Baden-Württemberg wieder mehr Corona-Fälle

Auch in Baden-Württemberg ist seit Anfang Juni ein Anstieg der Neuinfektionen und der Sieben-Tage-Inzidenz zu beobachten. Die landesweite Inzidenz beträgt laut Lagebericht des Landesgesundheitsamt (LGA) vom Donnerstag 40,4 (Stand 16 Uhr) und ist damit erneut gestiegen (Vortag: 36,7). Die Gesundheitsämter im Land meldeten 978 Neuinfektionen (Vortag: 966). Der Anteil der Infizierten über 60 Jahre an allen Fällen innerhalb der letzten sieben Tage beträgt 8 Prozent, der der Kinder und Jugendlichen (0 bis 19 Jahre) liegt bei 21 Prozent.

Von gut 5.000 durchgeführten PCR-Tests waren 6,4 Prozent positiv. Damit steigt auch die Positivrate seit einigen Wochen wieder an, die zeitweise bei nur 1,3 Prozent lag. Bei gut 97 Prozent der positiven Tests in der vergangenen Woche wurde die Delta-Variante festgestellt. Vollständig geimpft sind im Moment 58 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg, mindestens einmal geimpft 61,4 Prozent (Stand Donnerstag). Am niedrigsten ist das Infektionsgeschehen im Kreis Emmendingen (Inzidenz: 14,4), am höchsten in Rottweil (Inzidenz: 67,9).

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Geringe Intensivbelegung in der Region Rhein-Neckar Corona-Intensivpatienten meistens ungeimpft

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Spahn warnt vor Anstieg der Infektionen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnte zuletzt vor den Auswirkungen der vierten Corona-Welle. Die Lage verschärfe sich gerade wieder. "Auf den Intensivstationen gehen die Covid-19-Zahlen erneut hoch. Dort liegen zu 90 Prozent Nichtgeimpfte", sagte Spahn dem "Mannheimer Morgen" vom Samstag.

Noch kein Anstieg bei Klinik-Einweisungen im Land

In Baden-Württemberg ist laut LGA aktuell noch kein signifikanter Anstieg bei den Klinik-Einweisungen zu beobachten. Die Hospitalisierungsinzidenz - also die Zahl der ins Krankenhaus aufgenommenen Corona-Patienten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen - aktuell 1,1. Damit ist der Wert im Vergleich zum Vortag unverändert. 64 Menschen sind wegen einer Covid-19-Erkrankung in Baden-Württemberg in intensivmedizinischer Behandlung, 34 davon werden invasiv beatmet.

Lauterbach erwartet mehr Impfdurchbrüche

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet in der kommenden Zeit mit einer deutlichen Zunahme von sogenannten Impfdurchbrüchen. Darunter versteht man Corona-Infektionen bei geimpften Personen. Diese ereigneten sich bei Personen, deren Impfung länger als sechs Monate zurückliege, sagte Lauterbach den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Ihm zufolge steigt das Risiko unabhängig vom verwendeten Impfstoff. Besorgt ist Lauterbach vor allem wegen der möglichen Folgen solcher Impfdurchbrüche: "Laut einer neuen Studie kommt es bei 19 Prozent dieser Menschen zu einem Long-Covid-Problem."

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Drittimpfungen in Baden-Württemberg ab 1. September

Um das zu verhindern, können ab 1. September in Baden-Württemberg Drittimpfungen verabreicht werden.Geimpft werden laut Sozialministerium vor allem Personen über 80 und Menschen mit schweren Erkrankungen, die bereits ab Dezember 2020 ihre erste Impfung bekommen haben. In Alten- und Pflegeheimen soll dies vor allem über mobile Impfteams laufen, ansonsten setzt das Ministerium auf Arztpraxen. Ein Verzicht auf die dritte Impfung spiele für die 3G-Regel keine Rolle, heißt es weiter. Für den Eintritt in Kinos oder zu anderen Veranstaltungen reiche die zweifache Impfung.

"Eine Auffrischimpfung ist unkompliziert an vielen Stellen im Land möglich".

Die dritte Impfung ist laut Ministerium als zusätzlicher Schutz für besonders vulnerable Gruppen gedacht. Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) betonte, damit werde ihr Impfschutz verlängert. Es sei ausreichend Impfstoff vorhanden. Die Zweitimpfung der Betroffenen müsse mindestens sechs Monate zurückliegen.

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Gesundheitsminister Spahn erwägt Auffrischungsimpfungen für alle

Bundesgesundheitsminister Spahn erwägt, allen Bürgerinnen und Bürgern eine Corona-Auffrischimpfung anzubieten. Wie er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte, starten die Länder jetzt schrittweise mit den sogenannten Booster-Impfungen in den Pflegeeinrichtungen und für besonders gefährdete Menschen. "In einem zweiten Schritt können wir dann darüber nachdenken, auch allen anderen eine Auffrischimpfung anzubieten", sagte er.

"Eine Booster-Impfung ist von den Zulassungen gedeckt, sie verstärkt und verlängert den Impfschutz".

Auch Spahn betonte, Impfstoff sei ausreichend vorhanden. Der Minister rief eindringlich dazu auf, die Impfkampagne zu verstärken. Nötig sei eine Impfquote bei den über 12-Jährigen von deutlich über 70 Prozent. "Der September ist der entscheidende Monat", sagte Spahn den RND-Zeitungen. Wer dann nicht geimpft sei, dem fehle der volle Schutz für die Herbst- und Wintermonate.

Virologe Drosten zurückhaltend gegenüber Drittimpfungen

Der Berliner Virologe Christian Drosten erklärte, dass seiner Meinung nach für den Großteil der Geimpften im Herbst keine Auffrischungsimpfung gegen Sars-CoV-2 nötig sein wird. "Die Schutzwirkung der Corona-Vakzinen ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen", sagte Drosten der Deutschen Presse-Agentur. Bei alten Menschen sowie bestimmten Risikopatienten sei eine Auffrischungsimpfung in diesem Herbst sinnvoll. Für die übrige Bevölkerung werde irgendwann vielleicht ein Altersniveau definiert werden, ab dem eine Auffrischungsimpfung sinnvoll werde.

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SWR