Ein Mädchen sitzt an einem Wohnzimmertisch im Elternhaus und löst Aufgaben in einem Schulheft. (Foto: Imago, IMAGO / Fotostand)

Fernunterricht und Delta-Virusvariante sorgen für Verzweiflung

Eltern von Schulkindern fordern: "Jetzt muss etwas geschehen"

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Die Delta-Variante des Coronavirus ist auf dem Vormarsch. Eltern blicken besorgt auf ihre Kinder - und fürchten sich vor dem Herbst. Was, wenn die Schulen wieder geschlossen werden?

Steffen H. (Name ist der Redaktion bekannt) holt tief Luft. Er sei einfach ratlos, sagt der dreifache Familienvater. Zwei seiner Kinder besuchen eine Grundschule in Gerlingen (Kreis Ludwigsburg). Seit im März 2020 die Schule zum ersten Mal geschlossen wurde, kämpfen sich Eltern wie Kinder durch unterschiedliche Formen des "Homeschoolings".

"Eltern werden alleingelassen"

Bis Pfingsten bestimmte eine Flut von Arbeitsblättern den Schulalltag. Kinder und Eltern wühlten sich durch Papierberge. "Der Unterricht zu Hause lief über Monate komplett analog", sagt Steffen H.. Warum ist kein digitaler Unterricht möglich? Wenigstens zeitweise? Steffen H. versucht Antworten zu finden. Es stellt sich heraus, dass die Internetanbindung an der Gerlinger Grundschule für digitalen Unterricht aus der Schule heraus nicht ausreicht. Außerdem fehlt den Lehrkräften die technische Ausstattung. Daran habe sich auch nach Monaten der Pandemie nicht viel geändert. "Zuletzt gab es an vier Tagen die Woche für 30 Minuten Videokonferenzen", sagt er. Aber das sei kein Präsenzunterricht. "Die Eltern werden mit dem "Homeschooling" wieder alleingelassen." Dabei nimmt Steffen H. die Leiterin der Grundschule ausdrücklich in Schutz. Sie sei sehr engagiert, betont er, müsse aber eine Reihe von technischen und bürokratischen Herausforderungen meistern.

"Verzweifelter Vater" schreibt ans Staatsministerium

Ende April 2021 schreibt Steffen H. an das Staatsministerium Baden-Württemberg. "Grundschulen in der Pandemie" steht in der Betreffzeile: "Ich wende mich heute als verzweifelter Vater von drei kleinen Kindern an Sie," heißt es da. Die Kinder seien an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen. "Ich fordere Sie daher auf, schnellstmöglich in allen Schulen in Baden-Württemberg einen verpflichtenden Fernunterricht mit mindestens zwei bis drei Stunden Unterricht per Videokonferenz pro Tag einzuführen."

Mailverkehr durch die Instanzen

Es folgt ein Mail-Verkehr durch die Instanzen: Staatsministerium, Kultusministerium, Staatliches Schulamt, Stadtverwaltung Gerlingen. Immer wieder wird auf die schwierige Gesamtsituation verwiesen, auf bestehende Corona-Verordnungen, auf Zuständigkeiten oder finanzielle Hilfen. So heißt es zum Beispiel in einer Antwort des Gerlinger Bürgermeisters zum Thema Digitalisierung, Medienentwicklungspläne würden von den Schulen selbst erstellt. Die Stadt unterstütze dabei die Schulen. Sie habe auch von finanziellen Hilfen des Bundes und des Landes immer Gebrauch gemacht. Das Kultusministerium wiederum bittet um Verständnis, dass das Ministerium nicht in den pädagogischen Verantwortungsbereich der Schulen eingreife. Bei konkreten Fragen solle man sich an die zuständigen Lehrkräfte beziehungsweise Schulleitung wenden.

Kultusministerin antwortet

Ein Brief von Anfang Mai ist von der früheren Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) unterzeichnet. Darin steht unter anderem, dass es eine Fülle von Fortbildungen gebe, um Lehrkräfte im Bereich der Digitalisierung zu qualifizieren. Das Staatliche Schulamt Ludwigsburg weist darauf hin, dass sich die Organisation des Fernunterrichts an den an der Schule vorhandenen digitalen Möglichkeiten und den Lehrerstundenressourcen vor Ort orientiere.

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"Fühle mich alleingelassen"

Immer heiße es, "wir tun schon was, wir beobachten das, oder: Wir sind nicht zuständig". Steffen H. sagt, er empfinde das als Farce: "Ich fühle mich allein gelassen." In Sachen Digitalisierung gibt es inzwischen kleine Neuigkeiten: Die Lehrerinnen der Grundschule in Gerlingen sollen im Sommer Dienst-Computer bekommen. Aber die Internetanbindung ist immer noch nicht ausreichend.

Delta-Variante bringt neue Probleme

Und ganz aktuell zeigen sich neue Probleme. Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich zunehmend aus - auch in Baden-Württemberg. Was passiert dann im Herbst mit unseren Kindern, fragt sich Steffen H. "Es wird nicht vorausschauend geplant", kritisiert er. Seine Tochter hatte sich im vergangenen Dezember trotz eines Lüftungskonzeptes in der Schule mit Covid-19 infiziert, berichtet er. Warum werde jetzt nicht in Luftreiniger investiert - damit man es den Kindern ersparen könne, im Herbst wieder bei offenen Fenstern in kalten Klassenzimmern zu sitzen? Warum, so Steffen H., werde nicht alles getan, um eine drohende erneute Schulschließung zu verhindern.

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Forderung nach Lüftungsanlagen und Luftreinigern

Mitte Juni schreibt Steffen H. wieder an den Bürgermeister von Gerlingen, spricht eine mögliche vierte Corona-Welle an, von der insbesondere jüngere noch nicht geimpfte Kinder betroffen sein könnten. Steffen H. fragt nach Lüftungsanlagen und Luftreinigern und welche Pläne die Stadt Gerlingen habe. Das dortige Amt für Gebäudemanagement teilt mit, man halte sich an die Empfehlungen des Umweltbundesamtes zum Luftaustausch. Alle Klassenzimmer würden über ausreichende Lüftungsmöglichkeiten verfügen. "Eine Nachrüstung von luftraumtechnischen Anlagen ist nicht notwendig", heißt es in der Antwort vom 30. Juni. Die Stadtverwaltung Gerlingen verweist zugleich auf eine Studie der Universität Stuttgart zum Einsatz von Luftreinigern in Schulen. Deren Ergebnis werde abgewartet.

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Gesundheitsminister Spahn plädiert für Luftfilter

Möglicherweise bekommt Steffen H. nun indirekte Unterstützung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der CDU-Politiker appellierte am Donnerstag an die Länder mit Blick auf den Herbst, Schulen und Kitas so lange wie möglich geöffnet zu halten. In diesem Zusammenhang mahnte er die Schulträger in den Ländern, für den Einbau von Luftfiltern in Klassenräumen zu sorgen. Der Bund unterstütze dies nach bestem Wissen und Gewissen, vor allem finanziell, so Spahn.

Es müsse etwas geschehen - jetzt, sagt Steffen H. Ihn störe die Diskrepanz zwischen Ankündigungen und dem, was sich dann vor Ort tatsächlich tue. "Die Zeit des Beobachtens ist vorbei. Das machen wir seit eineinhalb Jahren. Wir müssen uns jetzt bewegen."

So berichtete bei SWR Aktuell am 1. Juli ein Schüler über seine Erfahrungen mit dem Homeschooling:

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