Anlagen der Erdgasverdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport GmbH. (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Pleul)

Minister geht auf umstrittene Äußerungen ein

Hauk erneuert Forderung nach Verzicht auf russisches Gas: Was würde das für BW bedeuten?

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Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Hauk ist für einen Boykott von Gas und Öl aus Russland. Das hätte Folgen für Wirtschaft und Verbraucher.

Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) muss derzeit viel Kritik auf Social Media ertragen. Im baden-württembergischen Landtag hatte der CDU-Politiker am Mittwoch gefordert, russisches Gas und Öl zu boykottieren. "15 Grad im Winter hält man mit Pullover aus. Daran stirbt niemand", sagte er. Im Netz bekam er dafür deutlich Gegenwind.

Hauks Rede am Mittwoch, 23. März, im Landtag:

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Hauk fordert solidarischen Beitrag von allen

Im SWR-Interview betonte Hauk am Donnerstagabend, die Aussage insbesondere symbolisch gemeint zu haben. Ein solidarischer Beitrag müsse von allen kommen, so der CDU-Politiker, "auch von der deutschen Wirtschaft". Es werde auch nicht an denen spurlos vorübergehen. "Ich glaube, dass es zumutbar für die deutsche Gesellschaft ist, dass wir auch Verzicht üben müssen, damit die Sanktionen wirken und dass der Krieg ein Ende hat", sagte Hauk.

Sehen Sie hier das Interview:

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Staatsekretär Baumann: Lieferstopp bei Kohle und Gas nicht haltbar

Aber ist es mit Heizungrunterdrehen überhaupt getan? Was würde dieser Verzicht für die Wirtschaft im Land bedeuten? Und wie abhängig ist Baden-Württemberg von russischer Energie?

Bei der Sitzung des Energieausschusses des Landtags am Donnerstag wurde deutlich, dass Baden-Württemberg stark von russischen Ressourcen abhängig ist. Ein Stopp der russischen Lieferungen bei Kohle und Gas sei realpolitisch nicht haltbar, so Andre Baumann (Grüne), Staatssekretär im Umwelt- und Energieministerium. Der Preis dafür sei im Umkehrschluss eine massenhafte Arbeitslosigkeit.

Teurere Energiepreise: Folgen für Wirtschaft und Verbraucher

Vor allem bei den Preisen von Benzin und Heizkosten spürten Industrie sowie Verbraucherinnen und Verbraucher eine Abhängigkeit von russischem Gas, so Achim Wambach, Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), im Interview mit dem SWR.

Wie drastisch dieser Preisanstieg auch in der Zukunft sein werde, sei noch nicht klar. Es komme darauf an, wie lange der Krieg und das Embargo dauern würden. "Insofern ist es mit dem Pullover nicht getan", sagte Wambach in Bezug auf Hauks Aussage.

Hohe Energiepreise verteuern Logistik

Der Kostenfaktor spielt auch bei Daimler Trucks eine Rolle. "Durch die steigenden Energiepreise wird die Logistik deutlich teurer. Logistik spielt eine große Rolle in der Belieferung unserer Werke", erklärte Martin Daum, Vorstandsvorsitzender von Daimler Trucks & Buses. Ansonsten gebe es aber keine Auswirkungen, die über das Normale hinausgingen, die jedes andere Unternehmen nicht auch betreffe.

Es gebe aber Unternehmen, die deutlich mehr von Gas abhängig seien, so Wambach. "Wir können Gas nicht so leicht substituieren, die Chemieindustrie, die Zementindustrie brauchen Gas." Auf lange Sicht müsse die Industrie damit beginnen, nach Alternativen zu suchen und neue Produktionswege zu finden. Unternehmen, die vom Gas abhängig seien, müssten künftig womöglich in Kurzarbeit gehen und den Betrieb schließen.

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Gebäude dämmen für die Zukunft sinnvoll

Doch wie können sich die Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Situation einstellen? Tatsächlich würde es schon helfen, wenn alle, die ihr Zimmer auf 24 Grad heizten, nur noch 22 Grad Zimmertemperatur hätten, betont Frank Hettler von Zukunft Altbau in Stuttgart. Das Programm hat sich zum Ziel gemacht, Menschen bei der energetischen Sanierung von Gebäuden zu helfen. Pro Grad spare man sechs Prozent Heizenergie - bei zwei Grad seien das zwölf Prozent. "Ich kann die Aussage (von Hauk) im Sinn des Appells ein Stück weit nachvollziehen. 15 Grad, finde ich, sind aber keine dauerhaft tragbare Temperatur, die man im Winter haben sollte", sagte Hettler.

Außerdem könnten Verbraucherinnen und Verbraucher schon jetzt mit einfachen Wärmedämmungsmaßnahmen beginnen - zum Beispiel bei der Kellerdecke. "Für den nächsten Winter wäre man dann zehn Prozent besser aufgestellt, auch wenn das Dach oder die Fassade nicht gedämmt sind", erklärt Hettler. Um ein Gebäude zu dämmen, brauche es eine Strategie. Auch da könne man sich beraten lassen.

Auch Ulrich König, Chef des Energieberatungszentrums Stuttgart, rät den Menschen, ihre Häuser zu dämmen. Denn eines sei sicher: "Diese Situation wird sich zwar wieder etwas beruhigen, aber man muss sich darauf einstellen, dass fossile Energie immer teurer werden wird", sagte er.

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Manche Haushalte fingen auch damit an, sich einen Kamin einzubauen, erklärt ZEW-Präsident Achim Wambach. "Die, die den Spielraum haben." Für die meisten Menschen komme es aber darauf an, dass die Regierung eine gute Lösung finde. Mittelfristig müsse man mehr Flüssiggas aus anderen Ländern beziehen. Sollte es einen kalten Winter geben, könne man auch die Industrie rationieren.

Einsparungen, Flüssiggas und Erneuerbare Energien als Lösung?

Ziel muss es laut Staatssekretär Baumann sein, die Energielieferungen breiter zu streuen. Deswegen sei auch LNG-Flüssiggas eine Alternative. Über europäische Häfen könne dieses Gas ins europäische Gasnetz eingespeist werden und so auch nach Baden-Württemberg gelangen, erklärte eine Referatsleiterin.

Gleichzeitig müssten erneuerbare Energien noch intensiver ausgebaut werden, forderte Baumann. Auch wenn die bisherigen Energien damit nicht vollständig ersetzt werden könnten. Künftig müsse Energie eben nicht nur ersetzt, sondern auch mehr eingespart werden. Baden-Württemberg gehe schweren Zeiten entgegen, in denen sich alle beschränken müssten, sagte Baumann im Energieausschuss.

Russland wichtiger Energielieferant für Baden-Württemberg

Klar ist: Deutschland und auch Baden-Württemberg sind momentan noch stark abhängig von russischer Energie. Laut den neusten Zahlen des Statistischen Landesamts kommen rund ein Fünftel (1,6 Millionen Tonnen) des gesamten Erdöls aus Russland.

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Bei Erdgas und Steinkohle wird die Abhängigkeit noch deutlicher: Mit 614.000 Tonnen und einem Anteil von 43 Prozent an den gesamten Erdgas-Importen von Baden-Württemberg war Russland 2021 die Hauptquelle. Dahinter folgten die Niederlande, Frankreich, Italien und Österreich. Steinkohle kam 2021 zu knapp 60 Prozent aus Russland.

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