Batteriefertigung am Mercedes-Benz Standort Bibb County in Alabama: Lieferengpässe bei Rohstoffen und Chipmangel schränken Autoindustrie und E-Mobilität laut Studie bis mindestens 2024 noch ein. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Mercedes-Benz AG)

Lieferengpass mindestens bis 2024

Chipmangel und Verbrenner-Aus: Das sind die großen Probleme der E-Mobilität

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Heidi Keller

Die für Baden-Württemberg wichtige Automobilindustrie wird weltweit mindestens bis 2024 unter Chipmangel leiden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung.

Laut der Studie der weltweit tätigen Unternehmensberatung Alix Partners wird die Autoproduktion frühestens 2024 das Vor-Corona-Niveau erreichen. Als Hauptgrund dafür wird die E-Mobilität genannt. Elektroautos bräuchten zehnmal so viele Chips wie Benziner oder Diesel. Die vorhandenen Halbleiter würden deshalb nicht ausreichen, prognostizieren die Autoren - obwohl auch die Analyse davon ausgeht, dass in den kommenden Monaten immer mehr Chips produziert werden.

Entsprechend erwartet Alix einen weltweiten Absatzrückgang bei Autos von knapp über 80 Millionen auf rund 79 Millionen im laufenden Jahr.

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Neuwagen in der EU ab 2035 emissionsfrei

In der Europäischen Union sollen ab 2035 nur noch klimaneutrale Neuwagen verkauft werden. Darauf einigten sich die Umweltministerinnen und -minister der 28 EU-Mitgliedsstaaten am frühen Mittwochmorgen nach 16 Stunden Verhandlung in Luxemburg. Ein finaler Kompromiss muss nun mit dem EU-Parlament ausgehandelt werden, das ein komplettes Aus für neue Autos mit Verbrennungsmotor ab 2035 will. Die EU-Staaten sprachen sich dafür aus, die sogenannten Flottengrenzwerte für Autos bis 2035 auf null zu senken. Diese Grenzwerte sind Vorgaben für die Hersteller, wie viel CO2 ihre produzierten Autos und Transporter im Betrieb ausstoßen dürfen.

Die Bundesregierung hat sich während der Verhandlungen auf EU-Ebene auf eine gemeinsame Position zum möglichen Aus für neue Verbrenner-Autos ab 2035 geeinigt. Wie ein Regierungssprecher am Dienstag mitteilte, unterstützt die Bundesregierung einen sich abzeichnenden Vorschlag des Rates zu den Flottengrenzwerten als "Beitrag auf dem Weg zu einer klimaneutralen Mobilität". Die Bundesregierung begrüße, dass die EU-Kommission zugesagt habe, außerhalb des Systems der Flottengrenzwerte einen Vorschlag zu unterbreiten, wie nach 2035 Fahrzeuge zugelassen werden könnten, die dann "exklusiv" mit klimaneutralen Kraftstoffen (E-Fuels) betrieben werden. Das beziehe sich nach dem gemeinsamen Verständnis der Bundesregierung auch auf Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. In den Verhandlungen der vergangenen Tage habe erreicht werden können, dass dieses Anliegen des Koalitionsvertrages im Beschlusstext verankert werde, so der Regierungssprecher: "Unter dieser Voraussetzung würde die Bundesregierung dem Vorschlag zustimmen."

Zuvor war unklar gewesen, ob Deutschland einem möglichen Aus für neue Verbrenner-Autos in der EU ab 2035 zustimmt - oder sich enthält. Das Thema hatte für heftigen Streit in der Bundesregierung gesorgt, die FDP hatte große Bedenken. Sie hatte darauf gepocht, dass nach 2035 auch Verbrenner-Autos zugelassen werden können, die mit E-Fuels fahren.

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Kretschmann will kein festes Ausstiegsdatum

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist bekanntermaßen "kein Fan eines festen Ausstiegsdatums", wie er selbst sagt. Viel wichtiger sei es, jetzt die richtigen Instrumente zu haben, um dies umzusetzen. Zum Beispiel müsse die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge europaweit noch deutlich ausgebaut werden.

"Wir brauchen dieses politische Signal des Verbrenner-Aus", meint SWR-Umweltexperte Werner Eckert. Elektromobilität sei viel effizienter. Eckert und andere Experten fürchten, dass sonst die wertvollen E-Fuels - grüner Wasserstoff und grünes Erdgas - die für den Umbau der Industrie, für Flugzeuge und Schiffe dringend gebraucht werden, von der Verbrenner-Lobby für den privaten Verbrauch verbraten werden.

BW-Verkehrsminister: E-Fuels sind nur eine Ausnahmeoption

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zeigte sich zufrieden mit der Einigung der EU-Umweltminister, dass aber auch Neuwagen mit synthetischen Kraftstoffen, also sogenannte E-Fuels, nach 2035 zugelassen werden sollen - sieht er lediglich als Ausnahmemöglichkeit. "Alle müssen wissen, dass diese synthetischen Kraftstoffe zur Herstellung sehr viel Energie brauchen und deswegen auch sehr teuer sein werden", sagte er dem SWR. Er denke eher, dass es Sinn macht bei Bestandsfahrzeugen, die noch weitergefahren werden, dass die auch klimafreundlicher werden und nicht mit fossilen Kraftstoffen angetrieben werden." Die Industrie habe schon angekündigt, dass bei Neuwagen die Elektromobilität kommen werde. "VW, Audi, Porsche oder Mercedes, alle diese Unternehmen haben schon gesagt, sie steigen um auf Elektromobilität", so der Minister.

Die Gewinne der Autoindustrie steigen kräftig

Trotz Absatzrückgang sei der Betriebsgewinn der Autobauer deutlich gestiegen und liege momentan bei rund zwölf Prozent vom Umsatz, berichten die Alix-Experten. Ähnliches gelte für den Betriebsgewinn der Autozulieferer - er ist im Schnitt auf knapp elf Prozent gestiegen.

Bei den Autoherstellern hat der Anstieg unter anderem damit zu tun, dass sie ihre Pkw im Augenblick völlig ohne Rabatte verkaufen können. Daher dürften auch Preisnachlässe laut Studie frühestens 2024 wieder zurückkommen. Alix-Direktor Fabian Piontek erklärte: "Bereits jetzt sind die Auswirkungen der hohen Inflation auf das Konsumentenverhalten absehbar." Die Unternehmensberatung hat auch die Materialpreise für Autos untersucht. Bei Verbrennern hätten sie sich seit 2020 verdoppelt, bei E-Autos verdreifacht.

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Studie: Europa wird führend bei Elektromobilität

Die Studie geht außerdem davon aus, dass Europa 2035 mit einem Anteil rein elektrischer Wagen von 83 Prozent bei allen verkauften Fahrzeugen eine weltweite Führungsrolle einnehmen werde. In Deutschland könnte der Anteil bis dahin sogar 96 Prozent betragen. Weltweit erwartet Alix einen Anteil an E-Autos von 50 Prozent.

Angemahnt wird von den Forschern eine Ladeinfrastruktur, die es nicht nur Hausbesitzern mit eigener Ladestation ermögliche, ihre Fahrzeuge betriebsbereit zu halten, sondern auch Städtern ohne eigene Park- und Lademöglichkeit.

Deutschland: 2025 bereits 40 Prozent E-Autos

Vor Kurzem kam bereits eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zu dem Ergebnis, dass Deutschland weltweiter Vorreiter bei der Elektromobilität werde. 2025 dürften ihr zufolge schon fast 40 Prozent der verkauften Autos rein batteriebetrieben sein, 2030 sogar zwei Drittel. In diesen Berechnungen sei ein Verbrennerverbot in der EU ab 2035 bereits einkalkuliert.

BCG geht davon aus, dass in drei Jahren in der EU 30 Prozent der neuen Autos rein batterieelektrisch (BEV) sein dürften, in China 29 Prozent und in den USA 19 Prozent. Ab 2028 sollen demnach reine Elektroautos der meistverkaufte Fahrzeugtyp weltweit sein. Ein großes Manko: Weltweit dürfte es 2025 erst sechs Millionen öffentliche Ladepunkte geben.

Außerhalb dieser drei Hauptmärkte bleiben laut Studie aber weiterhin Benziner und Dieselfahrzeuge gefragt. Der BEV-Anteil an den Verkäufen dürfte dort auch 2035 nur etwa 35 Prozent ausmachen.

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Wer ein Auto kaufen möchte, braucht weiterhin gute Nerven. Die Lieferprobleme bremsen nach wie vor die Verkaufszahlen. Auch die Neuzulassungen sind auf dem Tiefpunkt. Nur während des Lockdowns in der Corona-Pandemie sei die Zahl noch niedriger gewesen, hatte die Stuttgarter Unternehmensberatung EY kürzlich festgestellt.

Bei den reinen Elektroautos stieg die Zahl der Neuzulassungen im Mai um knapp neun Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Für die zweite Jahreshälfte sei voraussichtlich keine Besserung in Sicht, erklärt EY weiter - und verweist auf den Rohstoff- und Chipmangel.

Kaufwillige müssten sich auf weitere Preissteigerungen und sehr lange Lieferzeiten einstellen. "Die Auswirkungen neuer Herausforderungen - vor allem der Lockdowns in China - erreichen Europa aber erst mit zeitlicher Verzögerung und werden zu neuen Beeinträchtigungen führen", so die Stuttgarter Unternehmensberater.

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