Fahrradfahrer wartet auf freie Fahrt an einer Straßenkreuzung. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Demy Becker)

Neue Verkehrskonzepte in Städten

Mit 20 km/h durch die Innenstadt? So verändert sich der Stadtverkehr in BW

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Tempo 20 in der Stuttgarter Innenstadt. Teurere Parkplätze in Freiburg. Eine Stadtbahn in Tübingen. Pläne gibt es viele, wie sich Innenstädte in Baden-Württemberg verändern könnten.

Wenn es um Nachhaltigkeit und klimafreundliche Innenstädte geht, gehört meistens auch das Thema "Verkehrswende" dazu. Für viele Städte und Kommunen bedeutet das: Weniger Autos in der Innenstadt. Nach Tübingen und Freiburg rührt sich jetzt auch die Landeshauptstadt. Öffentliche Parkplätze auf Straßen innerhalb des Cityrings sollen wegfallen - und zwar schrittweise ab dem Jahr 2022. Das hat der Ausschuss für Stadtentwicklung des Stuttgarter Gemeinderats mit dem Konzept "Lebenswerte Innenstadt" beschlossen. Innerhalb des Cityrings soll dann eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern gelten. Parkhäuser sollen aber nicht reduziert werden, dagegen hatte sich unter anderem der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) gewehrt.

Stuttgart

Konzept für lebenswerte Innenstadt Weniger Parkplätze und Tempo 20 auf Cityring in Stuttgart

Tempo 20 auf dem Stuttgarter Cityring und weniger Parkplätze. Der Ausschuss für Stadtentwicklung des Stuttgarter Gemeinderats hat das Konzept "Lebenswerte Innenstadt" beschlossen.  mehr...

Wie sehen die Innenstädte der Zukunft aus?

Tempo 20 in der Stuttgarter Innenstadt sei der richtige Schritt, sagt Markus Friedrich vom Institut für Straßen- und Verkehrswesen der Universität Stuttgart. Aber es sei nur ein kleiner Schritt für einen kleinen Bereich. So würden sich viele Städte nur langsam in Richtung Verkehrswende vorantasten.

Wie zukünftig die Mobilität in Innenstädten aussehen könnte, daran forscht Markus Friedrich im Forschungsprojekt "Mobilab". Teil des Projektes ist auch, den Campus und die Universität bis 2035 komplett klimaneutral zu betreiben und den Campus autofrei zu machen. Zu der Strategie gehören unter anderem selbstfahrende E-Scooter, die die Studierenden und Mitarbeiter über den Campus bringen.

Der Kampf um die Tübinger Regionalstadtbahn

In Tübingen hat man schon verschiedene Ideen gehabt, wie man ein neues Verkehrskonzept etablieren kann. Eine autofreie Mühlstraße in der Innenstadt zum Beispiel. Dieses Konzept hat in der Vergangenheit für große Diskussionen gesorgt. Tübingens Baubürgermeister Cord Soehlke (parteilos) hält aber an dieser Idee fest. Außerdem sollten Autofahrer, die zum Klinikum wollen, nach Soehlkes Vorstellung in Zukunft nicht mehr durch die Stadt fahren dürfen, sondern weiträumig darum herum.

Das bekannteste Tübinger Projekt aber dürften die Pläne zur Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn sein. Mehr Pendler auf die Schiene zu bringen und besser durch die Innenstadt befördern, so die Idee zur Stadtbahn. Aber die Mehrheit der Tübinger Bürgerinnen und Bürger haben sich beim Bürgerentscheid gegen die Stadtbahn ausgesprochen.

"Das Tübinger Beispiel ist ja nicht neu. Die Idee wurde aus Karlsruhe übernommen", so Markus Friedrich. "Und auch in Karlsruhe haben sich die Menschen anfangs gegen die Stadtbahn gewehrt. Wenn die Menschen einen besseren Verkehr fordern, gibt es dazu natürlich unterschiedliche Meinungen." Karlsruhe habe gezeigt, so Friedrich, dass es trotzdem klappen kann. Auch in Tübingen geben die Befürworter der Stadtbahn nicht auf. Allen voran: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Er hat inzwischen eine neue Idee für eine Innenstadt-Trasse vorgestellt, diesmal nicht durch die Straßen der Innenstadt, sondern durch einen Tunnel.

Freiburg wählt das Konzept: Teureres Parken

In Freiburg hatte der Gemeinderat im Frühjahr beschlossen, dass Anwohnerparken künftig bis zu 360 Euro im Jahr kosten soll, statt der bisherigen 30 Euro. Die Parkgebühr soll nach Autogröße gestaffelt werden. Parkausweise für kleine Autos sollen weniger Geld kosten, Parkausweise für SUVs zum Beispiel eindeutig mehr. Im Sommer hatte die baden-württembergische Landesregierung dann eine Verordnung beschlossen, die besagt: Städte in Baden-Württemberg können die Gebühr für das Anwohner-Parken künftig deutlich anheben, wenn sie wollen. Neben Freiburg wird eine Erhöhung der Parkgebühren auch in Karlsruhe, Ulm und Tübingen angestrebt.

"Die Städte werden bei der Verkehrswende alleine gelassen"

Genau in dieser neuen Verordnung sieht aber der Verkehrsplaner Friedrich ein Teil des Problems. Die Städte und Kommunen sind auf sich alleine gestellt und müssen selbstständig Maßnahmen und Konzepte entwickeln. "Zum Beispiel das Thema Parkgebühren. Immer dann, wenn sie eingeführt werden, gibt es Ärger. Ich fände es gut, wenn diese Diskussion auf Bundesebene geführt wird." Sonst würde man die Kommunen mit dieser Diskussionen alleine lassen. Wichtig sei, dass man bewusstseinsbildende Maßnahmen ergreift, so Friedrich. Ein Bewusstsein dafür, was Verkehr eigentlich bedeutet und dass Verkehr etwas kostet.

Professor Markus Friedrich von der Universität Stuttgart (Foto: SWR)
Markus Friedrich arbeitet daran, dass die Universität Stuttgart bis 2035 klimaneutral ist und der Campus in Stuttgart-Vaihingen ein autofreier Ort wird.

Oftmals würden die Städte zögerlich vorgehen. In Stuttgart habe man zum Beispiel bereits mehrere verkehrsberuhigte Inseln. Ähnlich wie die Innenstadtzone, die nun kommen soll. Als Verkehrsteilnehmer beispielsweise auf dem Fahrrad seien die Bedingungen innerhalb der beruhigten Bereiche gut. "Aber das Wechseln zwischen dieser Inseln ist oftmals sehr kompliziert", so Friedrich. Denn dafür müssen oft stark befahrene Bundesstraßen überquert werden. Man müsste jetzt noch Verbindungen zwischen diesen Inseln schaffen. "Dafür braucht es aber die Bereitschaft, Tempo 30 in größeren Bereichen zu akzeptieren, das wäre für den Radverkehr wichtig."

Tübingen

Weitere Variante bei der Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn Nadelöhr Mühlstraße: Löst ein Tunnel das Problem in Tübingen?

Kurz vor dem Bürgerentscheid über eine Stadtbahn durch die Tübinger Innenstadt, hat Oberbürgermeister Palmer Alternativen zur bisherigen Planung ins Spiel gebracht. Wie realistisch die sind, ist allerdings unklar.  mehr...

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