Azubisuche via TikTok und Instagram

Soziale Medien gegen Fachkräftemangel

TikTok und Instagram: So werben Unternehmen in BW um die Generation Z

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Autor/in
Bianca Brien
SWR-Redakteur Bianca Brien

Der Fachkräftemangel macht sich schon lange in Baden-Württemberg bemerkbar. Videos auf TikTok und Co. sprechen deshalb gezielt die junge Generation an - aber das reicht nicht aus.

Ein Stimmenimitator von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wirbt über eine Durchsage für neue Azubis in Zügen der Deutschen Bahn, die Polizei veranstaltet Actionscamps, um den Nachwuchs für den Beruf zu begeistern, und andere Unternehmen im Land setzen ihrem Einfallsreichtum bei der Suche nach Bewerberinnen und Bewerbern keine Grenzen. Die private Wirtschaft nutzt vor allem Social Media-Plattformen, um die jungen Menschen, die Generation Z (Gen Z) anzusprechen.

Region Ulm: Mit TikTok neuen Nachwuchs werben

Ein Beispiel bietet die Stadt Heidenheim. Sie bildet in rund 20 Berufen aus. Um die unbesetzten Ausbildungsstellen zu besetzen, verwendet die Stadt schon eine ganze Weile soziale Medien. Ob Erzieher, Gärtner oder Kfz-Mechatroniker - alle gehen vor die Handykamera, um virale TikTok-Trends nachzutanzen. TikTok ist eine App, die vor allem wegen ihrer kurzen Clips zu Musik-, Tanz- und Lipsync-Videos bekannt wurde. Insbesondere junge Menschen der Gen Z sind auf der Plattform aktiv.

Die Landesschau Baden-Württemberg berichtete bereits am 2.3.2023 über die Azubisuche der Stadt Heidenheim über TikTok, Tinder und Co.:

Die Option, Stellen fernab der etablierten Wege zu bewerben, nutzt nicht nur die Stadt Heidenheim. Auch die Stadt Ulm und die Volksbank Ulm-Biberach setzen auf TikTok, um junge Leute für ihre Ausbildungen zu begeistern. Das TikTok zur Ausbildungsmesse der Stadt Ulm wird mit bekannten Musikhits untermalt. Die Azubis der Volksbank Ulm-Biberach hingegen rufen mit einem TikTok-Trend in einem kurzen Clip zur Bewerbung auf.

Die Plattform Instagram nutzen die Schwestern Franziska und Elena Dangel von der Dangel-Metall GmbH in Lenningen (Kreis Esslingen) für sich. Mit ihren Reels - ebenfalls kurze Clips, die an denen von TikTok angelehnt sind - geben sie Einblicke in das Klempnerhandwerk.

HWK Region Stuttgart: Dort werben, wo sich die Gen Z aufhält

Laut einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) der Region Stuttgart konnten 2022 rund 49 Prozent der IHK-Unternehmen in Baden-Württemberg nicht alle angebotenen Ausbildungsstellen besetzen. Auch kurz vor Start des neuen Ausbildungsjahres 2023 seien noch viele Lehrstellen offen, sagt Andrea Bosch, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart. Auch bei den Ausbildungsberufen der IHK zeige sich, dass viele junge Menschen einen höheren Schulabschluss, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder auch ein Auslandsjahr anstreben.

Jugendliche machen ein Selfie
Junge Menschen wünschen sich eine gute Work-Life-Balance und ein Arbeitsumfeld auf Augenhöhe. (Symbolbild)

Eine ähnliche Entwicklung bemerkt auch die Handwerkskammer (HWK) in der Region Stuttgart. Es besteht schon eine Weile ein geringeres Interesse an Handwerksberufen. Der demografische Wandel sorge dafür, dass es weniger Jugendliche gibt, die sich auf Ausbildungsplätze bewerben, so Raphael Hertkorn, Sprecher der HWK. Viele junge Menschen ziehe es nach der Schule zudem mehr Richtung Studium, obwohl die Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk ausgezeichnet seien. "Wichtig ist den jungen Menschen, eine gute Work-Life-Balance, eine sinnstiftende Tätigkeit auszuüben und sich selbst verwirklichen zu können", betont er. Daher regt sie zum Umdenken an.

Respekt vor Kompetenz und Erfahrung seien der Gen Z heutzutage wichtiger als Hierarchien im Betrieb. Ein faires Feedback würde außerdem bei der Weiterentwicklung helfen. Unternehmen sollten den Auszubildenden auch die Möglichkeit bieten, Verantwortung zu übernehmen und sich beweisen können. Die HWK Region Stuttgart empfiehlt daher bei der Nachwuchssuche dort anzusetzen, wo sich junge Leute in ihrer Freizeit aufhalten. Dazu gehören laut Hertkorn mittlerweile auch Instagram und TikTok. "In kurzen und authentischen Videos und Fotobeiträgen können Einblicke in die Tätigkeiten des Ausbildungsberufs und das Unternehmen gegeben werden", hebt Hertkorn die Vorteile der sozialen Medien hervor.

Auf die Bedürfnisse der Gen Z eingehen

Auch die IHK beobachtet Ähnliches: Laut Bosch sollten sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mehr auf die Bedürfnisse der Gen Z einlassen. Dazu gehören ihrer Meinung nach flexible Arbeitszeiten, die Option im Homeoffice zu arbeiten, sodass eine gute Work-Life-Balance ermöglicht werde. Da die Gen Z zu den Digital Natives gehöre, sollten Unternehmen auch auf sozialen Netzwerken vertreten sein. Auch Inklusion und Vielfalt seien Aspekte, die der Gen Z wichtig sind.

Unabhängig davon helfe es, die potenziellen Azubis bei Praktika besser kennenzulernen. Ausbildungsmessen und Azubi-Speed-Dating seien zusätzliche Optionen, um die Gen Z auf das eigene Unternehmen aufmerksam zu machen.

"Die frühzeitige Bindung an das Unternehmen ist die beste Werbung."

IHK hält frühe Bindung ans Unternehmen für ratsam

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, rät die IHK weiterhin auf eigenen Nachwuchs zu setzen. "Die frühzeitige Bindung an das Unternehmen ist die beste Werbung", sagt Bosch. Digital Natives erwarten auch, dass Unternehmen auf den sozialen Netzwerken aktiv sind. Auf diese Weise ließen sich auch potenzielle Bewerberinnen und Bewerber erreichen.

Um Unternehmen in Baden-Württemberg bei der Bewerbersuche zu unterstützen, rät die IHK Stuttgart auf zwei Faktoren zu achten: das Azubi-Marketing und das Bewerbungsverfahren. Bei ersterem gehe es darum, das Unternehmen bereits vorab für potenzielle Azubis attraktiv zu machen und einen Einblick in den Betrieb zu gewinnen. Im Bewerbungsverfahren selbst können auch eigene Azubis eingebunden werden. Statt eines Bewerbungstests sollte Probearbeiten bevorzugt werden.

Das Team von "Zur Sache Baden-Württemberg" hat im Februar mit Menschen der Generation Z gesprochen, um ihre Sicht zum Thema Arbeitsmarkt zu verstehen und abzubilden:

Gen Z auf dem Arbeitsmarkt erreichen

Und wie erreicht man die Gen Z ganz grundsätzlich - fernab von Homeoffice und Work-Live-Balance? Autorin Ronja Ebeling hat für ihr neues Buch mit vielen Führungskräften unterschiedlicher Unternehmen Vorstellungsgespräche geführt. Neben einer fairen Entlohnung sei "die Kommunikation auf Augenhöhe die Basis für eine wertvolle Zusammenarbeit", sagt Ebeling dem SWR. "Junge Menschen möchten im Job mitgestalten und sich weiterentwickeln können - sowohl persönlich als auch inhaltlich", erklärt sie weiter.

Der Gen Z werde häufig vorgeworfen, dass sie mit ihrer Arbeitseinstellung den Wohlstand in Deutschland gefährde. "Dabei müssen wir einfach festhalten, dass meine Generation auch in einer 50-Stunden-Woche den Wohlstand nicht halten könnte, weil uns schon 2030 aufgrund von demografischen Entwicklungen rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen werden", so Ebeling. Daher halte sie es für sinnvoll, alte Arbeitsstrukturen kritisch zu hinterfragen. Auf diese Weise ließen sie sich effizienter und gesünder gestalten. "Nur wer gesund ist, kann langfristig Leistung erbringen."

So versuchen Unternehmen in Rheinland-Pfalz die sozialen Netzwerke zu verwenden, um die Generation Z anzusprechen:

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Insta, Youtube und TikTok - dort ist die Generation Z zuhause. Wer Auszubildende finden will, muss hier unterwegs sein. Wir haben uns bei Unternehmen in Rheinland-Pfalz umgeschaut.

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