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Die Corona-Neuinfektionen steigen wieder stetig an, auch in Baden-Württemberg. Doch wie ist welcher Kontakt zu bewerten und welche Folgen hat er für die Arbeit und das tägliche Leben?

Die Kontaktnachverfolgung ist bislang immer noch das wichtigste Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Die Behörden versuchen Kontaktpersonen zu finden und zu kontaktieren, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Laut des Konzepts und Umsetzungsplans zur Kontaktnachverfolgung für Baden-Württemberg steht deswegen zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht mehr die Suche nach der Infektionsquelle im Mittelpunkt.

Einteilung in Kategorien: Welcher Kontakt hat was zur Folge?

Zum Verständnis ist zunächst wichtig, dass Kontaktpersonen nicht direkt als infiziert gelten, sondern für sie nur ein Infektionsrisiko besteht.

Corona-Kontaktpersonen werden in Kategorien von I - III eingeteilt, wobei die Kategorie III nur im medizinischen Bereich eine Rolle spielt. Zur Kontaktperson der Kategorie I wird man, wenn man engen Kontakt zu einer mit dem Coronavirus infizierten Person hat. In diesem Fall wird von einem höheren Infektionsrisiko ausgegangen. Zur zweiten Kategorie werden grundsätzlich Personen gezählt, die zwar kürzeren, das heißt weniger als 15 minütigen Gesichtskontakt hatten, sich allerdings im selben Raum aufhielten. Hierbei wird von einem niedrigen Infektionsrisiko ausgegangen. Das baden-württembergische Sozialministerium nimmt folgende Einteilung vor:

Kontaktperson I (höheres Infektionsrisiko)

  • Personen mit kumulativ mindestens 15-minütigem Gesichtskontakt ("face to face"). Kumulativ heißt laut RKI in diesem Zusammenhang, dass es keine Rolle spielt, ob man mit einer Person 15 Minuten am Stück Kontakt hat, oder eine kürzere Zeit mehrmals nacheinander. Es kommt auf die Summe an. Man gilt folglich auch als Kontaktperson I, wenn gemeinsame Gespräche beispielsweise kürzer waren, aber häufiger geführt wurden, und so insgesamt eine Gesprächszeit von 15 Minuten erreicht wird.
  • Personen mit direktem Kontakt zu Sekreten oder Körperflüssigkeiten, insbesondere zu sogenannten respiratorischen Sekreten eines bestätigten COVID-19-Falls. Respiratorische Sekrete werden beispielsweise beim Husten oder Niesen freigesetzt.
  • Personen, die aerosolbildenden Maßnahmen ausgesetzt waren. Dies ist der Fall, wenn sie sich in einem kleinen, schlecht belüfteten Raum aufhalten und der Abstand nicht eingehalten werden kann. So ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie einer hohen Konzentration von infektiösem Aerosol im Raum ausgesetzt sind. Ein Beispiel hierfür ist das gemeinsame Feiern, Singen oder Sporttreiben in Innenräumen ohne adäquate Lüftung.
  • Medizinisches Personal mit Kontakt zu einem bestätigten COVID-19-Fall im Rahmen der Pflege oder medizinischer Untersuchung bei einem Abstand von weniger als zwei Metern oder bei zwei Metern, ohne verwendete Schutzausrüstung.

Kontaktperson II (geringeres Infektionsrisiko)

  • Personen, die sich im selben Raum wie ein bestätigter COVID-19-Fall aufhielten, dazu zählen unter anderem Klassenzimmer, Arbeitsplätze, Haushalte mit Gesichtskontakten unter 15 Minuten ("face to face").
  • Medizinisches Personal, das sich ohne Verwendung adäquater Schutzbekleidung im selben Raum wie der bestätigte COVID-19-Fall aufhielt, aber eine Distanz von zwei Metern nie unterschritten hat.

Beim Aufenthalt in Räumen liegt der Unterschied zwischen Kontaktperson I und II insbesondere darin, unter welchen Umständen das Zusammentreffen stattgefunden hat. Bei größeren Räumen und der Einhaltung eines größeren Abstands wird das Gesundheitsamt eher eine Einteilung in die Kategorie II vornehmen. Allerdings ist immer der Einzelfall zu betrachten. Die endgültige Einordnung der Kontaktpersonen wird von den jeweiligen Gesundheitsämtern vorgenommen.

Einteilung setzt tatsächlichen Kontakt mit Infiziertem voraus

Um überhaupt als Kontaktperson I, II oder III zu gelten, muss in jedem Fall ein direkter Kontakt zu einer mit dem Coronavirus infizierten Person stattgefunden haben. Bloße Kontakte zu Kontakten werden laut der Pressesprecherin des RKI nie erfasst. Hat man also Kontakt zu einer Kontaktperson eines Corona-Infizierten, fällt man in keine der drei Kategorien.

Grund dafür ist, dass ein Infektionsrisiko für diese "Kontaktpersonen von Kontaktpersonen" erst dann angenommen wird, wenn die tatsächliche Kontaktperson selbst erkrankt und infektiös wird. Auch das Infektionsschutzgesetz (§30 I IfSG) sieht vor, dass nur Personen, die ansteckungsverdächtig sind, also unmittelbaren Kontakt zu einem Erkrankten hatten, auch entsprechenden Maßnahmen unterworfen werden. Bei allen anderen Personen ist es nicht verhältnismäßig, eine Quarantäne auszusprechen.

Welche Maßnahmen trifft das Gesundheitsamt?

Bei Kontaktpersonen der Kategorie I werden als wichtigste Maßnahmen eine Quarantäne (häusliche Absonderung) für 14 Tage nach dem letzten ungeschützten Kontakt angekündigt und ein Test durchgeführt. Entsprechend der Teststrategie Baden-Württembergs wird ein Test frühestens drei Tage nach dem erstem Kontakt zum bestätigten Fall durchgeführt. Zum Verhalten während der Quarantäne wird ein Merkblatt von den Gesundheitsämtern verteilt.

Bei Kontaktpersonen der Kategorie II sind nach den aktuellen Empfehlungen des RKI keine speziellen Maßnahmen vorgesehen. Sollten allerdings Corona-Fälle in Kindergärten und Schulen oder Krankenhäusern und Pflegeheimen auftreten, können alle dort betroffenen Personen vorsorglich auf SARS-CoV-2 getestet werden, so das Sozialministerium auf SWR-Nachfrage. Die Kosten werden nach der Testverordnung des Bundes von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Außerdem erfolgt bei Kontaktpersonen der Kategorie II keine namentliche Registrierung durch das Gesundheitsamt. Sollten Symptome auftreten, wird man allerdings darauf hingewiesen, Kontakte zu reduzieren und sich in diesem Fall unverzüglich wieder beim Gesundheitsamt zu melden.

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Quarantäne-Auflagen werden auf den Einzelfall abgestimmt

Die Einhaltung der Quarantäne wird von den jeweiligen Gesundheitsämtern überwacht. Wird die Quarantäne gebrochen, hat dies strafrechtliche Konsequenzen. Es handelt sich nicht lediglich um eine Ordnungswidrigkeit. Das Strafmaß hängt davon ab, ob die Quarantäne "nur" gebrochen wird oder ob dadurch tatsächlich weitere Personen erkranken. Geld- oder mehrjährige Haftstrafen sind die Folge. Die Grundlage dafür findet sich im Infektionsschutzgesetz (§ 75 IfSG).

Laut einer Pressesprecherin des RKI braucht man aber keine Angst vor der Quarantäne zu haben. Keiner wird im Stich gelassen oder von der Außenwelt komplett ausgeschlossen. Wie die Quarantäne im Einzelfall ausgestaltet ist, erfährt man vom zuständigen Gesundheitsamt. Diese wird der persönlichen Situation entsprechend angepasst. Muss ein Hund eventuell ausgeführt werden, wird man sicherlich eine Lösung finden, so die Pressesprecherin weiter. Es handelt sich hierbei aber nur um sehr begrenzte Ausnahmen. Grundsätzlich bedeutet Quarantäne, dass man die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen darf. So ist es zum Beispiel nicht erlaubt, zum Einkaufen zu gehen, da hierbei eine Begegnung mit Menschen von vornherein nicht ausgeschlossen werden kann. Für diesen Fall werden Einkaufshilfen angeboten.

Auswirkungen von Corona-Kontakten auf Schule und Arbeit

Nach der baden-württembergischen Corona-Verordnung Schule dürfen Schüler, Lehrer oder sonstige Personen nach direkten Kontakten zu Corona-Erkrankten, die Schule nicht mehr betreten oder am Unterricht teilnehmen. Die Gesundheitsämter gehen nach Rücksprache mit dem Landesgesundheitsamt allerdings so vor, dass tatsächlich nur Kontaktpersonen der Kategorie I vom Unterricht ausgeschlossen werden. Also dürfen nur die Personen nicht in die Schule gehen, für die auch eine Quarantänepflicht ausgesprochen wird. 

Da nur direkte Kontaktpersonen der Schule oder der Arbeit fernbleiben müssen, bedeutet dies für die Familie: Sollte ein Familienmitglied in direktem Kontakt mit einem Corona-Infizierten gestanden haben, allerdings selbst keinerlei Krankheitssymptome zeigen, dürfen im selben Haushalt lebende Personen oder andere Kontaktpersonen, weiter zur Arbeit, Schule oder in den Kindergarten gehen. Dies ist das typische Beispiel für den oben erwähnten Fall der "Kontaktperson der Kontaktperson". Hier geht das RKI von keinem Infektionsrisiko aus. Gesundheitsämter empfehlen allerdings dennoch auf nicht notwendige Kontakte, wie beispielsweise private Treffen oder Feste nach Möglichkeit zu verzichten, zumindest solange wie die Quarantänezeit der infizierten Kontaktperson andauert.

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