Ein völlig zerfleddertes Gebetbuch aus dem Besitz einer 1946 vertriebenen Ungarndeutschen. Titel: "Der große Myrrhengarten des bitteren Leidens Christi". Sie trug es während der gesamten Flucht bei sich. Heute liegt es im Archiv des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm. (Foto: SWR, Anita Schlesak)

Katholiken nach Heidenheim - Protestanten nach Hüttlingen

Wie Heimatvertriebene die Kirche auf der Ostalb verändert haben

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Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten mindestens zwölf Millionen Heimatvertriebene aus den Ostgebieten hierzulande integriert werden. Auch in die Kirchengemeinden in Ostwürttemberg. Ihren Glauben brachten sie mit.

Henrike Hampe vom Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm öffnet vorsichtig ein Päckchen aus dem Depot des Museums. Zum Vorschein kommt ein völlig zerfleddertes Gebetbuch, Titel: "Der große Myrrhengarten des bitteren Leidens Christi". Die vorderen Seiten sind alle lose. Anna Schüll, die Besitzerin, muss sehr oft darin geblättert haben. Und nicht nur das: Sie hat auch viele Gebetszettel eingelegt. "Die muss sie mitgebracht haben bei der Vertreibung", ist sich Henrike Hampe sicher. Anna Schüll wurde 1946 aus Ungarn vertrieben. Und die Bilder wurden in Budapest gedruckt, in Apatin oder in Hodscha - einem Ort, der ursprünglich zu Ungarn gehört hatte und heute in Serbien liegt.

"Gebet der Heimatsuchenden" einer Heimatvertriebenen

Ein eingelegtes Blatt berührt Henrike Hampe ganz besonders: ein von Anna Schüll offenbar selbstformuliertes "Gebet der Heimatsuchenden": "Ewiger Gott! In bitterster Not rufen wir zu Dir", heißt es da. "Getrennt von unseren Lieben essen wir das harte Brot der Heimatlosen. Hilf uns, dass wir nicht verzweifeln und zugrunde gehen!"

Ein selbstverfasstes Bittgebet einer heimatvertriebenen Ungarndeutschen, Titel "Gebet der Heimatsuchenden". Es befindet sich im Archiv des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm. (Foto: SWR, Anita Schlesak)
Selbstverfasstes Bittgebet einer heimatvertriebenen Ungarndeutschen aus dem Archiv des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm. Anita Schlesak

Als Katholiken ins evangelische Heidenheim vertrieben

Anna Schüll ist eine von mindestens zwölf Millionen Frauen, Männern und Kindern, die zwischen 1944 und 1948 ihre Heimat verlassen mussten, als Folge von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg. Sie flüchteten vor der sowjetischen Armee oder wurden vertrieben, mit wenigen Kilogramm Gepäck in Güterwagen geschoben und aus ihrer Stadt oder ihrem Dorf gejagt. Sie stammen aus Schlesien, donauschwäbischen Gebieten in Ungarn, Ostpreußen oder dem Sudetenland.

So wie Maria Jehle. Geboren im südmährischen Neuhaus im heutigen Tschechien kam das damals achtjährige Mädchen mit Eltern und Geschwistern - der Vater war bei einem Zwischenaufenthalt in Österreich zur Familie gestoßen - ins ostwürttembergische Heidenheim an der Brenz. Das war damals nahezu komplett evangelisch. Es gab zwar eine katholische Kirche, im Stadtzentrum. Im Vorort Mergelstetten, wo Maria Jehles Familie eine Bleibe fand, mussten die katholischen Christen allerdings auf eine Turnhalle ausweichen, in der sie samstags Heilige Messe feiern durften.

Besatzungsmächte siedeln Heimatvertriebene "überkreuzt" an

So ergeht es damals prinzipiell allen Flüchtlingen und Vertriebenen: Katholiken kommen in vorwiegend protestantische Gegenden und umgekehrt. Dahinter stecken die amerikanischen Besatzer, sie sind überzeugt: Die Anfälligkeit der Deutschen für Faschismus und rechtes Gedankengut hängt mit ihrer extremen konfessionellen Trennung zusammen. Seit dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 sind die Zugehörigkeiten in katholische und protestantische Herrschaftsgebiete fest zementiert.

Die Amerikaner wollen das ändern, nach dem Vorbild des "Melting Pot of Nations", des "Schmelztiegels", der in den USA alle Eingewanderten zu einer Nation werden lassen sollte. Die beiden anderen westlichen Siegermächte Frankreich und Großbritannien übernehmen das Modell und verteilen die Heimatvertriebenen nach demselben Muster. Beschlossen hatten sie das bereits vor Kriegsende, in der Konferenz von Jalta im Februar 1945.

Anfängliches Fremdeln in Heidenheim - aber auch Neugier

In Heidenheim mussten sich nicht nur die katholischen Neuankömmlinge mit den evangelischen Einheimischen arrangieren - umgekehrt genauso. Gertrud Schädler, Buchhändlerin im Ruhestand, erinnert sich an anfängliche Berührungsängste und "Fremdeln" in ihrer Schulzeit. "Wir waren eine große Klasse - fast 40 - am Schillergymnasium, und da war es tatsächlich so, dass man zunächst auf Distanz ging.

"Man saß als Evangelische neben einem evangelischen Mädchen, und die katholischen Mädchen neben einem katholischen."

Doch ziemlich schnell ist die Neugier stärker als der Argwohn. Die kleine Gertrud erkundigt sich bei einer katholischen Kameradin nach Sinn und Zweck der Beichte. Als die ihr erklärt, dass nach fünf Vaterunsern als Buße alles "erledigt" sei, denkt sie sich: Das wäre bei uns vielleicht auch nicht schlecht. Sie musste ihre Untaten den Eltern "beichten", und da war es mit ein paar Gebeten nicht unbedingt erledigt.

Bräuche der Heimatvertriebenen: Maiandacht hält Einzug auf die Ostalb

Nicht nur für die Protestanten ist manches neu, was die katholischen Flüchtlinge und Vertriebenen mitbringen. Auch die Katholiken, die schon vor dem Krieg auf der Ostalb leben, sehen sich mit Ungewohntem konfrontiert. Schlesier und Sudetendeutsche bringen ihre Bräuche und Riten mit: Sie hängen an ihrer Maiandacht, die sie immer häufiger feiern. Zunächst noch im eigenen Kreis, später auch für alle, die daran teilnehmen wollen, weiß der Stuttgarter Theologe und Kirchenhistoriker Prof. Rainer Bendel.

Doch nicht alle Rituale der Heimatvertriebenen kommen bei den Einheimischen gut an. Wenn in der Messfeier der eine oder andere Neuankömmling während des Hochgebets steht, statt zu knien. "Da gab es - in einigen Kirchen dokumentiert - auch Rüpeleien", weiß Bendel. Die einheimischen Banknachbarn stießen die Vertriebenen in die Seite nach dem Motto "Du hast da jetzt zu knien und nicht zu stehen, wie du's von daheim gewohnt bist."

Ein Heiligenbildchen, gefunden im Gebetbuch einer 1946 vertriebenen Ungarndeutschen. Eine Darstellung des "Heiligsten (oder unbefleckten) Hernzens Mariä". Aus dem Archiv des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm (Foto: SWR, Anita Schlesak)
Heiligenbildchen aus dem Gebetbuch "Der große Myrrhengarten des bitteren Leidens Christi" (aus dem Archiv des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm). Anita Schlesak

Überhaupt ist es mit der Willkommenskultur so eine Sache: Die Heimatvertriebenen treffen keineswegs überall auf offene Türen. Oft werden sogar Pfarrhaustüren zugeschlagen, wenn sie sich etwa nach Wohnraum erkundigen oder nach Unterstützung im karitativen Bereich.

Katholisches Hüttlingen lebt Ökumene vor

Anders in Hüttlingen bei Aalen im heutigen Ostalbkreis: In der fast ausschließlich katholischen Ortschaft gibt es bis Kriegsende gerade mal zwei oder drei evangelische Familien. Dann kommen auf einen Schlag 500 bis 600 Ungarndeutsche - alle evangelisch. Und es ist der katholische Pfarrer, der dafür sorgt, dass sie sich in Hüttlingen willkommen fühlen, erinnert sich Renate Fischer. Ihr Mann war viele Jahre lang sein evangelischer Amtskollege. "Der katholische Priester hat alles getan, dass diese evangelischen Vertriebenen Heimat fanden", berichtet die Pfarrerswitwe. Die Gemeinde sei ihm gefolgt und habe die Neuankömmlinge aufgenommen.

"Der Pfarrer Alt hat seine katholische Gemeinde immer wieder zu Spenden aufgerufen. Die haben ganz ganz viel Geld gespendet, damit das evangelische Kirchlein gebaut werden konnte."

Während die einen Ökumene vorleben, warnen andere davor: Viele Eltern tun sich selbst mit einer Flüchtlings-Schwiegertochter beziehungsweise -Schwiegersohn der selben Konfession schwer. Allmählich bessert sich das Verhältnis jedoch. Die Einheimischen merken, was sie an den Neubürgerinnen und -bürgern haben. Die bringen mit ihrer Arbeitskraft die Wirtschaft in Schwung und engagieren sich in Sport- und Musikvereinen.

Vertriebene haben große Sehnsucht nach alter Heimat

In den ersten Jahren ist bei den Flüchtlingen und Vertriebenen die Sehnsucht nach der alten Heimat noch übermächtig: Viele fordern eine Rückgabe der verlorenen Ostgebiete, wehren sich gegen den Gedanken, auf der Ostalb oder im Remstal sesshaft zu werden. Mit den Jahren arrangieren und integrieren sich die Geflüchteten und Vertriebenen jetzt. Wie zumTrost vernetzen sie sich untereinander, pflegen die Traditionen aus Grüssau, Gleiwitz und Glatz. In Zeiten, in denen noch kaum jemand ein Telefon hat, sorgen Heimattreffen für Kontaktpflege und Nachrichtenaustausch.

Vertriebenenwallfahrt auf dem Schönenberg bei Ellwangen

Auf kirchlicher Ebene übernehmen - auf katholischer Seite - neu gegründete Wallfahrten diese Rolle, etwa die Vertriebenenwallfahrt auf dem Schönenberg bei Ellwangen. Sie hat sich bis heute gehalten, doch statt mehrere tausend Teilnehmer, wie in den 1950er und 60er Jahren, sitzen heute gerade noch zwischen 100 und 150 auf der Bänken der malerischen Kirche hoch über der Stadt - die meisten im fortgeschrittenen Seniorenalter. Revanchistische Töne, wie sie noch vor zehn oder 15 Jahren vor allem auf sudetendeutschen Treffen erklagen, hört man heute kaum noch. Im Gegenteil: Es gibt inzwischen viele Partnerschaften zwischen Nachkommen von Heimatvertriebenen und den ehemaligen Heimatgemeinden etwa in Polen und Tschechien.

Flucht und Vertreibung wirken bis in die dritte Generation

Doch Flucht und Vertreibung haben andere negative Folgen, und die wirken sich bis in die dritte Generation der Betroffenen. Die Autorin und Journalistin Sabine Bode hat mit vielen "Babyboomern" gesprochen, die in den 1950er und 60er Jahren geboren sind. Was sie festgestellt hat: Sie leiden auffallend oft unter den gleichen Erscheinungen - psychosomatischen Erkrankungen, mangelndem Selbstbewusstsein, Angst vor Risiko, Beziehungsproblemen, einer unerklärlichen Rast- und Ruhelosigkeit und häufig auch unter Depressionen.

Grund dafür ist nach Sabine Bodes Einschätzung das Schweigen in vielen Familien über die Erlebnisse im Krieg - und natürlich auch während der Flucht. Die Eltern hätten ihre traumatisierenden Erfahrungen so gut wie nie aufgearbeitet, so Bode, sondern verdrängt. Mit der Folge, dass sie innerlich verhärtet seien und für die Probleme ihrer Kinder keine Antennen entwickelt hätten. Und genau darunter leide das Verhältnis zu ihren Kindern.

Heimatvertriebene als Motor der Ökumene

Im kirchlichen Bereich haben Flucht und Vertreibung andere Folgen, die bis heute nachwirken: Sie haben als einer der bedeutendsten Motoren die Ökumene vorangebracht. Trotz vieler Reibungsverluste ist die Strategie, Protestanten in katholischen Gegenden anzusiedeln und umgekehrt, aufgegangen. Viele Gemeinden arbeiten im karitativen Bereich eng und gut zusammen. Regelmäßige ökumenische Gottesdienste und Treffen gehören zum Jahresprogramm.

Neues ökumenisches Gemeindenzentrum in Heidenheim-Mittelrain

In Heidenheim sind nach dem Krieg nicht nur drei katholische Kirchen gebaut worden, sondern Ende der 1980er Jahre in einem neuen Wohngebiet auch ein ökumenisches Gemeindezentrum. Der Gemeindesaal gehört der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Kirche - mit dem passenden Namen "Versöhnungskirche" - der evangelischen württembergischen Landeskirche. Trotzdem findet man im Kirchenraum Tabernakel und Weihwasserbecken. Evangelische, katholische und ökumenische Gottesdienste - im Gemeindezentrum Mittelrain ist alles möglich.

Geflüchtete aus der Ukraine in Versöhnungskirche Hüttlingen

In zwei Gemeinschaftsräume im Untergeschoss der evangelischen Kirche in Hüttlingen mit Namen "Versöhnungskirche" ziehen demnächst Geflüchtete aus der Ukraine ein. Die Flüchtlingskirche beherbergt künftig eine Flüchtlingsfamilie. Der Kreis schließt sich.

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