Mini-Küche in den Wohncontainern für Geflüchtete in der Ulmer Friedrichsau. Wer für mehrere Menschen kochen möchte, kann die Gemeinschaftsküche der Anlage nutzen.  (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)

Mit fremden Menschen in einem Zimmer

Wohncontainer in der Ulmer Friedrichsau: So leben die Flüchtlinge

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Katja Stolle-Kranz
Katja Stolle-Kranz (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)

Seit einem Jahr leben Flüchtlinge in Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau. Sie haben ein Dach über dem Kopf, fließend Wasser, Strom. Doch, wie sieht der Alltag aus? Eine Reportage.

Die Wohncontainer in der Ulmer Friedrichsau waren zunächst umstritten - nun leben seit einem Jahr Geflüchtete aus der Ukraine dort. Wir haben sie besucht.

Es ist Mittagszeit – aus den Küchenfenstern strömt Essensgeruch. Fahrräder parken vor den weißen Türen der Wohneinheiten. Eine junge Frau läuft mit ihrem Sohn in Richtung Spielplatz. Vor einem Container steht ein Rollator mit einer bunten Decke. Dolmetscher Maksym wartet schon. Wir klingeln an einer Tür. Eine Frau im roten Nicky-Kleid öffnet und begrüßt uns fröhlich. Sie bittet uns gleich in die Mini-Küche des Wohncontainers. Und schon sitzen wir gemeinsam am Tisch.

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Als die Bomben fielen: Hals über Kopf nach Ulm 

Liubov, 73, ist eine von 120 Geflüchteten aus der Ukraine, die derzeit in den Wohncontainern in der Friedrichsau untergebracht sind. Sie erzählt, wie sie die ersten Wochen des Angriffskriegs in ihrer Heimat bei Odessa erlebt hat. Sie sah Nachbarn, die schwer verletzt wurden, Häuser die einstürzten. Im Krankenhaus gegenüber war Tag und Nacht Hochbetrieb. Erst wollte sie nicht fliehen. Doch dann habe es einen Bus gegeben, der Flüchtende nach Deutschland bringen sollte. Da sei sie schließlich auf Wunsch ihrer Tochter eingestiegen und so vor anderthalb Jahren in Ulm gelandet.

Ukrainische Flüchtlinge in ihrem Zimmer im Containerdorf. Sie sind jetzt in der Ulmer Friedrichsau auf engstem Raum daheim. (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)
Gestrandet in Ulm - diese Ukrainer flohen vor dem Krieg in ihrer Heimat. Jetzt haben sie im Containerdorf ein kleines Zuhause gefunden.

Wohncontainer - mit fremden Menschen ein Zimmer teilen

Seitdem lebt sie hier mit fünf Geflüchteten auf engstem Raum. Wie sie damit zurechtkommt? “Wir haben alles, was wir brauchen”, erzählt die Seniorin bescheiden und zeigt uns ihr Zimmer, in das gerade mal zwei Betten hintereinander, ein Schrank und ein Tisch passen. Manchmal teilen sich Menschen ein Zimmer, die sich bis dato gar nicht kannten.

“Wir sind in Sicherheit. Das ist die Hauptsache."

Sie habe Glück gehabt, dass ein Bekannter bei ihr wohnt. Mit bunt bestickten Kissen und Decken haben es sich die beiden heimelig gemacht: “Wir sind in Sicherheit. Das ist die Hauptsache."

Wohncontainer in der Ulmer Friedrichsau – erst umstritten 

Vor einem Jahr zogen die ersten Geflüchteten in die Anlage mit Wohncontainern, die im Umfeld “mit vielen Befürchtungen einherging”, erinnert sich Beate Kuisle vom Integrationsmanagement der Stadt Ulm, auch mit vor Ort. Viele hätten sich Gedanken gemacht, ob diese womöglich zum Brennpunkt werden könnte.

Überall parkende Fahrräder - auch viele Familien mit Kindern leben in den Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau und versuchen wieder einem Alltag nachzugehen.  (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)
Auch viele Familien mit Kindern leben in den Wohncontainern in Ulm und versuchen wieder einem Alltag nachzugehen.

Positive Bilanz nach einem Jahr

Die Stadt selbst hatte Sorge wegen der Nähe zum Stadion, dass es etwa bei den großen Ligaspielen Störungen geben könnte, wenn nachts die Besucherströme an den Modulbauten vorbeizögen. "Aber das läuft hier alles ziemlich geräuschlos. Bisher hatten wir keine Vorfälle mit der Polizei."

Die Fluktuation in der Anlage sei sehr gering. Immer wieder finde jemand extern Wohnraum. Dann würde wieder ein anderer einziehen. "Ich glaube, die Menschen haben sich ein bisschen beheimatet", so die Bilanz der Sozialarbeiterin.

Mehrere Waschmaschinen - Blick in den gemeinschaftlichen Waschsalon der Flüchtlinge in den Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau. (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)
Der gemeinschaftliche Waschsalon gehört zum Containerdorf für Geflüchete in der Ulmer Friedrichsau.

Wohncontainer in Ulm: So läuft der Alltag 

"Wir haben viele Familien und Ehepaare. Die meisten gehen inzwischen ganz normal ihrem Alltag nach. Manche haben Arbeit. Die Kinder gehen zur Schule - und wir helfen, wo es klemmt", berichtet Claudia Noethen von der dezentralen Hausleitung bei der Stadt Ulm für Geflüchtete, die hier immer wieder nach dem Rechten schaut.

Bis zu sieben Menschen wohnen in einer Wohneinheit. Da müsse man auch darauf achten, dass man die zusammenbringt, die auch miteinander leben können, so Noethen.

Kochen in der Gemeinschaftsküche

Weil für viele das Kochen sehr wichtig sei, gibt es mitten in der Anlage noch eine zusätzliche große Gemeinschaftsküche mit mehreren Herden und Mikrowellen. Es gibt auch gemeinschaftliche Sanitäranlagen zusätzlich zu denen in den Wohncontainern. "Wenn was kaputt ist, kümmern wir uns. Wir verständigen uns mit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern meist über meinen Sprachcomputer, das klappt prima", so Noethen von der Hausleitung. 

Mittagszeit in der Anlage mit Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau - zwei Frauen treffen sich auf dem Weg zur Gemeinschaftsküche.  (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)
Mittagszeit in der Anlage mit Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau - zwei Frauen treffen sich auf dem Weg zur Gemeinschaftsküche.

Dach über dem Kopf – aber auch angekommen? 

"Wir sind jetzt hier zu Hause, würde ich sagen" erzählt uns eine 53-jährige Frau. Tatjana kam aus der Nähe von Kiew nach Ulm. "Ich konnte gerade noch rechtzeitig fliehen, als dort die ersten Bomben runterkamen." Ihre Tochter sei später mit Kind nachgekommen und derzeit in der Ulmer Messehalle untergebracht. "Wir möchten hier Fuß fassen und Deutsch lernen, um zu arbeiten." Sie könne sich gut vorstellen, einen Job als Putzhilfe anzunehmen oder in der Altenbetreuung.

"Wir sind jetzt hier zu Hause, würde ich sagen."

Auch Liubov möchte erstmal hierbleiben. Sie telefoniert viel mit ihrer Tochter, die wegen ihres Mannes noch in der Ukraine ist. Sie liest und geht gerne in die Stadt. Eines sei ihr sehr wichtig: "Wir sind hier wahnsinnig freundlich aufgenommen worden. Dafür sind wir mehr als dankbar." Und man könne so komfortabel Bus fahren, sogar mit dem Rollator. "Das gibt es so in der Ukraine nicht." 

Ein Rollator mit einer bunten Decke - in der Anlage mit Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau leben Jung und Alt zusammen.  (Foto: SWR, Katja Stolle-Kranz)
Die Anlage mit Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau - hier leben Jung und Alt gemeinsam.

Weitere Modulbauten für Flüchtlinge

"Wir brauchen noch viel mehr Platz für Geflüchtete, auch, wenn wir durch ein laufendes Umverteilungsverfahren momentan unter anderem nur jene Menschen in Ulm unterbringen müssen, die hier bereits Verwandtschaft ersten Grades haben", erklärt Tobias Schneider von der Teilprojektleitung für Unterbringung der Stadt Ulm. So seien bereits Wohnmodule in Ulmer Ortschaften wie etwa in Gögglingen-Donaustetten oder Unterweiler bezugsfertig. "Diese größeren Module können dann später auch anderweitig genutzt werden, etwa für Wohngemeinschaften von Studenten oder als Sozialwohnungen", so Schneider.

Derzeit seien bereits mehr als 2.800 Geflüchtete in städtischen Unterkünften untergebracht. Auch in Wiblingen sind Wohncontainer geplant. Die Entscheidung darüber wurde jedoch aktuell vertagt.  

Unterbringung Geflüchteter - privater Wohnraum gefragt

"Zum Glück sind ja sind ja auch viele Ulmer Bürgerinnen und Bürger bereit, an Geflüchtete zu vermieten oder an uns, damit wir Menschen dort unterbringen können", so Kuisle vom Integrationsmanagement der Stadt Ulm. Aber nicht alle würden Flüchtlingen mit offenen Armen begegnen.

Viele der ukrainischen Geflüchteten suchten derzeit eine Bleibe mit mehr Privatsphäre. "Wir geben Tipps und unterstützen, wo wir können", sagt Kuisle. Viele Formulare seien auszufüllen. Auch das gehöre zum Alltag in den Wohncontainern in der Ulmer Friedrichsau.  

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