Interview mit Angriffsopfer Dieter Lehmann

Faustschlag trifft Streitschlichter: Wie einem Ulmer die Zivilcourage zum Verhängnis wurde

STAND
INTERVIEW
Jürgen Klotz
ONLINEFASSUNG
Katja Stolle-Kranz

Dieter Lehmann aus Ulm wollte im August dieses Jahres einen Streit schlichten und wurde dabei selbst angegriffen. Heute sagt er: "Ich würde mir Mitstreiter suchen, um gemeinsam zu helfen".

SWR: Herr Lehmann, Sie sind bei einem Streit eingeschritten und sind für Ihre Zivilcourage mit schweren Verletzungen bestraft worden. Wie geht es Ihnen heute?

Dieter Lehmann: Mir geht es eigentlich immer besser, ich war in letzter Zeit bei verschiedenen Ärzten - und ich sage ganz ehrlich, ich hoffe, dass ich bis Ende Oktober den ganzen Spuk, der mir seit 2. August passiert ist, hinter mir habe. Dann habe ich die abschließenden Neurologie-Untersuchungen und vorher hoffentlich eine Fahrstunde mit einer Fahrlehrerin gemacht, die mir sagt:" Du, Dieter Lehmann, Du kannst auch wieder Auto fahren und auch ein E-Bike wieder bewegen."

Ein Mann mit Brille lächelt in die Kamera (Foto: Privat)
Dieter Lehmann, neuer Vorsitzende des Generationentreffs Ulm/Neu-Ulm, wurde Opfer, als er einen Streit schlichten wollte. Privat

Sie haben diesen Abend Anfang August angesprochen. Was ist da passiert?

Eigentlich war es ein erfreuliches Erlebnis. Ich habe zwei Tage vorher einen Basketball gekauft, weil ich weiß, dass mein Enkel Luke gerne Basketball spielt. Und dann sind wir zwei zum nächsten Basketballkorb gegangen. Da waren schon viele andere junge Leute, mit denen wir dann gemeinsam Basketball gespielt haben. Ein anderer junger Mann, 34 Jahre alt, das weiß ich mittlerweile, hat dann dieses Spiel ziemlich gestört. Als er dann die jungen Leute bedroht hat, habe ich mich eingeschaltet. Und ab dem Zeitpunkt hatte ich einen Filmriss, weil der Mann relativ schnell zugeschlagen haben muss. Nach diesem Schlag bin ich erst wieder spätabends in der Notfallaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses aufgewacht. Und dann hat sich herausgestellt, dass er einerseits durch den Schlag auf meinen Kopf und andererseits dadurch, dass ich auf den Asphalt gefallen bin, mir sehr schwere Kopfverletzungen zugefügt hat.

Wenn Menschen von solchen Vorfällen hören, dann fragen sich viele, warum ist der Mann denn eingeschritten? Warum hat er vielleicht sogar sein Leben riskiert? Warum haben Sie das gemacht?

Also, eigentlich ging es ganz banal darum, dass ich dachte, warum lässt er uns jetzt nicht in Ruhe spielen? Um nicht mehr und nicht weniger. Außerdem bin ich ein Mensch - wenn mir was nicht passt, dann sage ich das auch. Und das habe ich in dem Fall auch getan. Aber, dass der andere dann gleich zuschlägt...da sage ich ganz ehrlich, da habe ich eigentlich weniger Erfahrung, weil ich bisher meine Konflikte eigentlich immer verbal gelöst habe.

Wenn Sie an diesen, zur Tatzeit alkoholisierten Täter denken - welche Gefühle kommen da hoch? Und wird es zu einem Prozess kommen?

Die Gefühle sind schon so, dass ich denke, eigentlich gehört der Täter bestraft. Und scheinbar ist es so, dass die Staatsanwaltschaft laut der Aussage unserer Rechtsanwältin, die wir dafür eingeschaltet haben, gesagt hat, es werde immer noch an der Beweisaufnahme gearbeitet.

Sie haben vorhin geschildert, warum Sie eingeschritten sind. Würden Sie wieder so handeln? Würden Sie das auch anderen Menschen empfehlen, in solchen Situationen einzuschreiten?

Stand heute würde ich anders agieren: Ich wäre nicht direkt das zweite Mal auf den Täter zugegangen und hätte mich eingeschaltet, sondern ich hätte in dieser Situation viel stärker die Zivilcourage aktiviert, sprich Solidarität versucht herbeizuführen. Und wir wären dann gemeinsam dem Täter gegenüber gestanden. Er wäre dann, so ist meine jetzige Einschätzung, auch nicht zum Täter geworden.

Jetzt sind Sie im Sommer kurz vor diesem Vorfall zum Vorsitzenden des Generationentreffs Ulm/Neu-Ulm gewählt worden. Prägt das, was Sie erlebt haben, die Arbeit in ihrem Amt?

Durch ganz viele Briefe, die ich vor allem aus der Politik erhalten habe, in denen sehr stark die mangelnde Zivilcourage in unserer Gesellschaft beklagt wurde, habe ich mich bestärkt gefühlt, dass ich eine Reihe in unserem Generationentreff zum Thema Zivilcourage aufbauen werde, um zu sagen: "Hallo, wir sind nicht nur Opfer, sondern wir können auch was tun."

Dieter Lehmann hat in Ulm nur knapp einen Angriff eines Betrunkenen überlebt. Jetzt ist er voller Zuversicht für sein neues Amt als Vorsitzender des Generationentreffs Ulm/Neu-Ulm. Dort sucht er für seine geplante Reihe zum Thema "Zivilcourage" Menschen, die vielleicht Ähnliches erlebt haben und ihre Geschichte erzählen. Interessierte können sich direkt beim Generationentreff Ulm/Neu-Ulm melden.

Daniel stoppte einen Messerangreifer

Es ist das erste Mal, dass der Ravensburger Oberbürgermeister über diesen Vorfall im September 2018 vor einer Kamera spricht. Für SWR Heimat hat er eine Ausnahme gemacht. Und wir finden: Das muss auch erzählt werden.  mehr...

STAND
INTERVIEW
Jürgen Klotz
ONLINEFASSUNG
Katja Stolle-Kranz