Die Spitze des Ulmer Münsters neben dem Stadthaus - in Ulm sind inzwischen rund 1.200 Geflüchtete aus der Ukraine angekommen. (Foto: IMAGO, IMAGO / Arnulf Hettrich)

Ulmer Oberbürgermeister Czisch über Flüchtlinge aus der Ukraine

Weltflüchtlingstag: "Haben unglaubliche Solidarität in der Stadt erlebt"

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Seit vier Monaten ist Krieg in der Ukraine, auch in Ulm sind rund 1.200 Geflüchtete angekommen. Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) schildert im Interview, wie es ihnen geht.

SWR: Herr Czisch, wie geht es den Ukraine-Flüchtlingen in Ulm?

Gunter Czisch: Den Umständen entsprechend. Natürlich gibt es ganz viele, die mit großer Sorge in die Heimat blicken und gerne auch schnell wieder zurückgehen würden. Es gibt aber auch zunehmend Geflüchtete, die vielleicht doch in Deutschland bleiben wollen. Insgesamt hat sich die Lage sehr beruhigt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen mit großer Sorge in ihr Land blicken - vor allem dort, wo Krieg tatsächlich zu Zerstörungen und Mord führt. Da haben wir mit den Geflüchteten große Sorgen.

Oberbürgermeister Gunter Czisch (Foto: SWR)
Laut Ulms Oberbürgermeister Czisch (CDU) kommen derzeit nicht mehr viele Menschen aus der Ukraine nach Ulm. (Archivbild)

Konnten Sie denn alle Geflüchteten aus der Ukraine in Ulm gut unterbringen?

Wir haben ein mehrstufiges Konzept. Zu Beginn zum Beispiel haben wir immer mehr Plätze in alten Turnhallen verfügbar gemacht. Die sind aber relativ schnell nicht mehr notwendig gewesen, weil sich auch der Zustrom eingependelt hat. Es kommen nämlich nicht mehr viele neue Geflüchtete dazu. Einige fahren auch zu ihren Freunden oder Verwandten. Wir haben den Krisenstab auf Standby gesetzt, weil unsere Leute über die vielen Jahre viel Erfahrung haben. Das funktioniert ganz gut.

Ulm

Ulmer Oberbürgermeister Czisch über Flüchtlinge aus der Ukraine Weltflüchtlingstag: "Haben unglaubliche Solidarität in der Stadt erlebt"

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Sie haben Anfang März die Hoffnung geäußert, dass die Ukraine-Flüchtlinge in Ulm längerfristig zur Ruhe kommen. Das bedeutet aber auch: Deutsch lernen, zur Schule gehen, einen Job finden, arbeiten - also zur Gemeinschaft in Ulm dazugehören. Hat das bei den Geflüchteten aus der Ukraine geklappt?

Wir reden über einen Zwischenstand. Zum einen haben wir unglaubliche Solidarität in der Stadt erlebt. Das war schon ein Kraftakt - vor allem auch für die ukrainischen Gemeinden. Die Geflüchteten, die Anschluss gefunden haben, überlegen, eine neue Heimat zu wählen. Zum anderen hat sich rechtlich auch vieles geklärt: Es gibt Aufenthaltsrecht, man kann arbeiten. Uns war von Anfang wichtig, Sprachkurse, Kindergartenplätze und den Zugang zu Schulen anzubieten. Denn Sprache ist das wichtigste Mittel. In den Schulen, wo wir mittlerweile 200 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine aufgenommen haben, ist das Wichtigste, die Sprachbarriere zu überwinden und eine Tagesstruktur zu ermöglichen. Und es gibt auch schon Leute, die Arbeit finden.

"Wir sehen natürlich auch, dass es eine gewisse Abnutzung gibt (...). Das macht mir ein bisschen Sorge."

Schauen wir auf die Ulmer Bevölkerung. Anfang März haben Sie das Engagement der Bürgerinnen und Bürger - sowohl was Sachspenden anbelangt als auch bei der Bereitstellung von Unterkünften - gelobt. Ist die Hilfsbereitschaft immer noch so groß?

Es gibt sie natürlich. Man darf aber nicht vergessen, in solchen Krisensituation gehen manche über ihre Kräfte hinaus. Es haben Menschen in ihren Familien Geflüchtete aufgenommen. Das ist immer in den ersten vier bis acht Wochen ein großes Thema. Dann muss es in professionelle oder organisierte ehrenamtliche Strukturen übergehen. Diese Solidarität zeigt sich in wöchentlichen Mahnwachen. Jeden Mittwochabend gibt es eine Mahnwache, und dort treten Leute auf, erzählen aus ihrem Leben und über den Krieg. Aber wir sehen natürlich auch, dass es eine gewisse Abnutzung gibt, dass viele die täglichen Meldungen des Krieges in ihren Tagesablauf integriert haben. Das macht mir ein bisschen Sorge, weil der Krieg trotzdem stattfindet. Aber es ist keine neue Erfahrung, das war bei allen Krisen so. Es gibt eine gewisse Krisennormalität.

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Wie lange dieser Krieg in der Ukraine noch dauert, das weiß niemand. Auch nicht, ob die Zahl der Geflüchteten vielleicht wieder zunehmen wird. Worauf stellen Sie sich in Ulm ein?

Wir sind immer vorbereitet. Es sind ungefähr 1.200 ukrainische Geflüchtete hier, übrigens haben wir bereits 1.000 weitere Geflüchtete in der Stadt. Ich glaube, wir haben jetzt alle die Ernüchterung, dass der Krieg länger dauert. Wir werden uns bald darum kümmern müssen, dass die Menschen, die hier bleiben wollen, eine Wohnung bekommen. Das wird auch in der Stadt nochmal ein kleiner Solidaritätstest sein.

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