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Im Klingensteiner Wald bei Blaustein (Alb-Donau-Kreis) liegen umgestürzte Bäume. Kein Förster kümmert sich. Bewusst, denn diese Fläche ist seit fünf Jahren ein "Waldrefugium".

Eindrücke aus dem Waldrefugium bei Ulm (Foto: SWR, Verena Hussong)
Das Waldrefugium im Klingensteiner Wald - die Laubbäume sind hier bis zu 200 Jahre alt und werden nicht mehr wirtschaftlich genutzt. Verena Hussong

Ein Anblick, über den sich Max Wittlinger freut: Im Stamm einer toten Buche ohne Äste und ohne Krone haben Höhlenbrüter ihre Bruthöhlen eingerichtet. "Von oben dringt Feuchtigkeit in den Stamm ein, da wird das Holz schneller weich und Spechte haben es leichter", erklärt der Leiter der Forstabteilung der Stadt Ulm. In einem gesunden Baum bräuchte der Specht etwa fünf Jahre bis die Bruthöhle bezugsfertig ist.

Eindrücke aus dem Waldrefugium bei Ulm (Foto: SWR, Verena Hussong)
Lebensraum für Pilze und Flechten - in einem Waldrefugium wird das Totholz langsam zersetzt Verena Hussong

Wald bleibt sich selbst überlassen

Ein "Waldrefugium" soll die Artenvielfalt steigern und Lebensraum für Spechte, Fledermäuse, Insekten, Pilze und Flechten sein. Das Land Baden-Württemberg setzt seit 2010 ein "Alt- und Totholzkonzept" um. Die Stadt Ulm hat sich freiwillig angeschlossen und vor fünf Jahren etwa 70 Hektar des eigenen Waldes stillgelegt. Das entspricht einem Anteil von sechs Prozent. Die Buchen und Eichen im stadteigenen Klingensteiner Wald sind bis zu 200 Jahre alt. Gefällt werden sie nur, wenn sie auf den Waldweg zu stürzen drohen, auf dem Spaziergänger durch das "Waldrefugium" laufen. Sonst bleibt sich der Wald selbst überlassen.

Nachteil: weniger Einnahmen

Der Nachteil für die Stadt: weniger Einnahmen durch Holzverkauf. Der Vorteil: mehr Artenvielfalt und Punkte auf einem "Ökokonto". Die Punkte darauf kann eine Kommune abheben, um etwa ein neues Bau- oder Gewerbegebiet auszugleichen. Waldstetten (Ostalbkreis) hat solch ein "Waldrefugium" in diesem Jahr am Hornberg eingerichtet und beobachtet nun, wie sich die Pflanzen- und Tierarten dort entwickeln.

Eindrücke aus dem Waldrefugium bei Ulm (Foto: SWR, Verena Hussong)
Sind Bockkäfer da? Der Forstabteilungsleiter der Stadt Ulm Max Wittlinger sucht nach Insektenspuren an einer abgestorbenen Buche Verena Hussong

Im knapp drei Hektar großen und fünf Jahre alten "Waldrefugium" im Klingensteiner Wald hebt Max Wittlinger Rindenstücke von einem umgefallenen Buchenstamm ab. Er ist besiedelt von weißen Baumpilzen und blassgrünen Flechten, Ameisen klettern darauf herum. Der Stadtförster sucht nach den Löchern des Bockkäfers - aber vergeblich. "Fünf Jahre sind noch zu wenig. Das Holz ist noch relativ fest."

Hirschkäfer hat sich angesiedelt

Wenige Meter entfernt liegt ein moosbedeckter Eichenstamm - ideale Bedingungen für den seltenen Hirschkäfer. "In einem Wirtschaftswald hätte er keine Chance, denn er legt seine Eier nur in und an totem Holz ab." Die Entwicklung zum fertigen Käfer dauert mehrere Jahre.  

Eindrücke aus dem Waldrefugium bei Ulm (Foto: SWR, Verena Hussong)
Gefunden - Stadtförster Max Wittlinger hat winzige Bohrlöcher des Bockkäfers in einer toten Buche entdeckt Verena Hussong

Am Ende des Rundgangs entdeckt Max Wittlinger dann doch noch Spuren des Bockkäfers im noch jungen "Waldrefugium". In einen stehenden toten Buchenstamm hat eine Bockkäferart zwei Millimeter große Löcher gebohrt. "Spechte hacken den Käfer dann raus. Besonders die Larven sind eine Delikatesse."

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