Künstlerischer Umgang mit Kommunikationsplattformen

Ausstellungen in Heidenheim: Wie Corona-Verschwörungsmythen entstehen

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Martin Miecznik

Zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Heidenheim befassen sich bis Ende Juni mit der Frage, wie Verschwörungsmythen rund um Corona entstehen und sich verfestigen können.

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Künstlerischer Umgang mit Verschwörungsmythen rund um das Thema Corona

Die Welt der Filterblasen und Verschwörungsmythen rund um das Thema Corona ist nahezu allen fremd, die nicht Teil dieser Gruppen sind. Sie schauen sich - mehr oder weniger kopfschüttelnd - von außen an, wem so viele Menschen da glauben und was jene glauben. Einblick bieten derzeit zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Heidenheim.

"Ein Lied für Deutschland" - das ist der Titel einer Ausstellung im Kunstmuseum Heidenheim. Der Klangteppich dazu, teils mit Rhythmen rechtsgerichteter Demonstrationen, klingt bedrohlich. Der erste Impuls ist, sich umdrehen und weggehen. Trotzdem ist es sinnvoll, dazubleiben, eine gute halbe Stunde Zeit mitzubringen und einzutauchen in die Welt derjenigen, die nicht an die mögliche Gefahr durch Corona glauben, aber an die Schädlichkeit von Atemschutz-Masken  und an einen weltweiten Plan der Politiker, die Wirtschaft zu zerstören.

Videoinstallation zeigt verfremdete Aufmärsche mit antisemitischen Zügen

An der Wand flackert eine Videoinstallation, eine optisch und akustisch verfremdete Collage von Aufmärschen, Spaziergängen, Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen. Jonas Höschl, ein junger Künstler aus Regensburg, hat sie gestaltet und ins Kunstmuseum Heidenheim gebracht.

"Ich finde es natürlich abstrus, wenn Leute aus meinem eigenen Bekanntenkreis auf solchen Spaziergängen neben Rechtsextremisten laufen und Verschwörungstheorien mit ganz simplen antisemitischen Stereotypen aufladen."

Freilich ist der Blick einer von außen. Die Motive der Demonstrierenden, was sie antreibt, bleiben verborgen. Es ist ein Kunstprojekt.

Weitere Ausstellung im Kunstmuseum bietet Verschwörungsmythos zum Selberbasteln

"Das Haus des Erfinders" - so heißt eine weitere Ausstellung im Kunstmuseum Heidenheim, die zeitgleich zu sehen ist. Sie bietet eine Anleitung für jene, die sich einen eigenen Verschwörungsmythos basteln wollen. Wer sie besucht, dringt in eine fremde Welt ein. Eine, die offenbar gerade von ihren Bewohnern verlassen wurde. Aber was ist das für eine Welt? Alles hier strotzt vor scheinbaren Beweisen auf dunkle Mächte. Es gibt Schaukästen wie in einem Völkerkundemuseum: Gegenstände, Logbücher geheimnisvolle Nachrichten.

Parasite Island fiktive Landkarte (Foto: SWR)
Die Landkarte von "Parasite Island" - eine Insel, die es gar nicht gibt.

Was da genau vor sich geht, bleibt unklar. Irgendeine schief gegangene Expedition vielleicht. Wir sind auf Parasite-Island, der Parasiten-Insel. Von wegen: Alles ist erfunden. Unablässig liefert ein Diakarussell Beweise für… - gar nichts. Wer genau hinschaut, merkt das auch.

"Das merkt man nur, wenn man genau hinschaut. Und man wird halt ständig ins Leere oder in die Irre geführt bei dieser ganzen Geschichte, weil es eben bewusst keine Auflösung gibt."

Es ist ein Spiel mit der Realität und der Verführbarkeit des Publikums.

Herbert Nauderer (Foto: SWR)
Herbert Nauderer ist Künstler und hat "Das Haus des Erfinders" gestaltet.

"Es gibt auch Leute, die mich gefragt haben: Ah, das war schon eine echte Expedition – oder: Klar gibt's Parasite-Island, ich weiß, wo das liegt."

Nein, die Insel gibt es nicht. Dieser spielerische Umgang mit Verschwörungsmythen ist auf jeden Fall leichter verdaulich als die Videoinstallation von Jonas Höschl. Die will auch auf rechtes Liedgut hinweisen. So etwas verstärkt, verbreitet über Messengerdienste, die Wirkung der Filterblasen, sagt Jonas Höschl:

"Diese Links werden auf Telegram verteilt…Telegram-Kanäle haben einen großen Symbolwert für die neue Rechte, weil man sich da unter Gleichgesinnten bewegt und mit einer Bubble wissenschaftliche Fakten abwenden kann."

Jonas Höschl (Foto: SWR)
Der Künstler Jonas Höschl hat für sein Projekt "Ein Lied für Deutschland" den Fokus auf demokratiefeindliche und rechte Strömungen gerichtet.

Die beiden Ausstellungen, die sich gegenseitig ergänzen, sind im Kunstmuseum Heidenheim bis Ende Juni zu sehen.

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