Neurochirurgen aus Ulm und Malawi bei einer gemeinsamen Operation an der Uniklinik Ulm - über ein Austauschprojekt der Neurochirurgie an der Uniklinik Ulm soll Kranken in Malawi bald besser geholfen werden können. (Foto: SWR, Verena Hussong)

Hilfe für Kranke in Afrika

Neurochirurgie: Wie Ulmer Ärzte und Pflegekräfte in Malawi helfen

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Rund 270 Neurochirurgen versorgen in Baden-Württemberg Patienten etwa mit Gehirntumoren. In Malawi gibt es fünf Neurochirurgen für 19 Millionen Menschen. Ein Ulmer Hilfsprojekt will das ändern.

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Operationssaal 10 in der Ulmer Chirurgie. Monitore piepsen, Absauggeräusche sind zu hören. Auf dem Tisch liegt ein Patient mit einer Wirbelkanalverengung. Operiert wird er vom Ulmer Professor Thomas Kapapa. Ihm gegenüber steht Sithembile Chimaliro aus Malawi und schaut genau zu, wie der erfahrene Neurochirurg die Verengung beseitigt. "Der Schnitt muss nur so groß sein, dass da ein Finger reinpasst", erklärt ihr der Leitende Oberarzt der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Ulm auf Englisch. Die 30-Jährige staunt: "Das ist echt klein. Wir machen zuhause viel größere Schnitte."

Assistenzärztin Sithembile Chimaliro aus Malawi (links) will bald als erste Frau in Malawi als Neurochirurgin arbeiten und wird auf diesem Weg von Ulmer Medizinern unterstützt.  (Foto: SWR, Verena Hussong)
Assistenzärztin Sithembile Chimaliro aus Malawi (links) will bald als erste Frau in Malawi als Neurochirurgin arbeiten und wird auf diesem Weg von Ulmer Medizinern unterstützt. Verena Hussong

Assistenzärztin will bald die erste Neurochirurgin in Malawi sein

Die Assistenzärztin Sithembile Chimaliro will bald als erste Frau in Malawi als Neurochirurgin arbeiten und wird auf diesem Weg von Ulmer Medizinern unterstützt. Thomas Kapapa ist als Kind mit seiner Familie aus dem Land in Südostafrika geflüchtet, als es noch eine Diktatur war.  Zusammen mit Ärzten, Krankenpflegerinnen und Physiotherapeuten will der in Ostfriesland aufgewachsene Arzt nun eine nachhaltige Versorgung in dem südostafrikanischen Land aufbauen - durch Austausch und Ausbildung.

"Diese minimalinvasive Operationstechnik, die werde ich auf jeden Fall mitnehmen nach Malawi."

Operationstechniken aus Ulm an die Möglichkeiten in Malawi anpassen

Dafür sind nun zum ersten Mal malawische Ärzte, Pflegekräfte und Physiotherapeuten ins Universitätsklinikum Ulm gekommen. Sie lernen hier von ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen mehr über Operationstechniken, Abläufe in der Pflege oder Übungen nach einer Gehirnoperation. So zeigt im Operationssaal 10 der Ulmer Anästhesist einer malawischen Kollegin, wie er die Medikamentengaben überwacht und dokumentiert. Und eine Ulmer OP-Pflegerin erklärt der malawischen Fachkraft die Vielzahl der chirurgischen Instrumente, die sie den Ärzten anreicht. Assistenzärztin Sithembile Chimaliro will das, was sie in den drei Wochen in Ulm lernt, an die malawischen Möglichkeiten anpassen. Zum Beispiel die minimalinvasive Operationstechnik: "Wir haben zwar nicht alle Geräte, aber wir haben ein Mikroskop. Und ich werde die Arbeitsmoral und die Abläufe von hier mitnehmen - die sind wirklich sehr gut."

Eine Mutter im afrikanischen Malawi hält ihr Kind auf dem Schoss, das einen Wasserkopf hat - über ein Austauschprojekt der Neurochirurgie an der Uniklinik Ulm soll Kranken in Malawi bald besser geholfen werden  (Foto: SWR, Verena Hussong)
Eine Mutter im afrikanischen Malawi hält ihr Kind auf dem Schoss, das einen Wasserkopf hat - eine Erkrankung, die in Deutschland sehr früh behandelt wird. Verena Hussong

Ulmer Professor Kapapa: Neurochirurgie-Projekt soll nachhaltig wirken

Es gibt viele Hilfsprojekte für Afrika, bei denen westliche Ärzte einfliegen, einigen Menschen das Leben retten und dann wieder ausfliegen. Gut für den einzelnen Patienten, aber keine langfristige Verbesserung des Gesundheitssystems, sagt Professor Thomas Kapapa. Das "Malawi-​Germany Neurosurgery Project" solle nachhaltig wirken. Der Anfang ist die Verbesserung der neurochirurgischen Versorgung am "Queen Elizabeth Central Krankenhaus" in Blantyre in Malawi. "Unser Ziel ist es, aus dem Inneren heraus Strukturen zu schaffen, die eine Versorgung verbessern, auch wenn wir nicht da sind. Das heißt, Wissen zu transferieren, Ausstattung dahin zu bringen, die dann auch vor Ort repariert werden kann." Gefördert wird das "Malawi-Projekt" unter anderem vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Else-​Kröner-Fresenius-Stiftung.


Ärzte, Pfleger und Physiotherapeuten müssen gut zusammenarbeiten

Damit sich die Versorgung von Kindern mit Wasserkopf, Menschen mit Gehirnblutungen oder Tumoren in Malawi langfristig verbessert, müssen alle Bereiche gut zusammenarbeiten, so die Überzeugung der Projektteilnehmer. Deshalb zeigt auf der Station eine Ulmer Pflegekraft ihrer malawischen Kollegin, wie sie eine Patientin nach einer Gehirnoperation in die Augen leuchtet, um zu erkennen, ob es vielleicht zu Nachblutungen gekommen ist.

"Ich stehe hinter Ihnen, ich werde Ihr Schutzengel sein."

In einem Gymnastikraum machen gleich drei Physiotherapeuten Übungen mit Ariane Mann aus Bopfingen. Zwei aus Malawi, einer aus Ulm. Thomas Kapapa hat der Patientin wenige Tage zuvor in einer elfstündigen Operation einen Gehirntumor entfernt. Physiotherapeut Madalitso Alec Dzinkambani sichert die Frischoperierte, würde sie auffangen, wenn sie fiele. "Sie reagieren so schön, so positiv", freut sich Ariane Mann aus Bopfingen. Und Physiotherapeut Madalitso Alec Dzinkambani ist begeistert über den Austausch mit seinem deutschen Kolleginnen und Kollegen: "Die Fähigkeiten, die wir hier lernen, die geben wir weiter an unsere Studenten. Die Qualität wird anders werden. Dieses Projekt ist wichtig für unser Land." Auch der Ulmer Physiotherapeut Andreas Metz profitiert vom Austausch: "Physiotherapeuten in Malawi studieren fünf Jahre. Sie sind wissenschaftlich höher qualifiziert als ich. Wir zeigen ihnen hier aber die praktische Umsetzung. In Deutschland ist Physiotherapie eher ein Handwerk und das ist das Spannende an dem Projekt, dass man beides jetzt zusammenfügt."

Hilfe für Malawi ist Herzensangelegenheit für Ulmer Professor Kapapa

Die Hilfe für das Land, aus dem seine Eltern einst geflüchtet sind, ist eine Herzensangelegenheit für Professor Thomas Kapapa. "Meine Wurzeln sind natürlich ein Stück innerer Antrieb." Er hofft, dass das Projekt Bestand hat und Früchte trägt. Sithembile Chimaliro glaubt schon einmal fest daran. "Alle Teilnehmer in diesem Projekt sind mit Leidenschaft dabei. Und das wird dafür sorgen, dass es Bestand haben wird", sagt die Ärztin, die bald Malawis erste Neurochirurgin werden will.  

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