Durch Suizide sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen, als durch Verkehrsunfälle, Mord und illegale Drogen zusammen. (Symbolfoto) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Caroline Seidel)

Interview mit Ernst-Wilhelm Gohl zum Welttag der Suizidprävention

Ulmer Dekan: So können Sie bei Suizidabsicht helfen

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Anita Schlesak
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Volker Wüst
Volker Wüst (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)

Suizid ist ein großes Tabu. Jedes Jahr bringen sich deutschlandweit rund 9.000 Menschen selbst um. Aber wie sollte man damit umgehen? Ein Gespräch mit dem Ulmer Dekan der evangelischen Kirche.

Durch Suizide sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen, als durch Verkehrsunfälle, Mord und illegale Drogen zusammen. Eine erschreckende Zahl. Deshalb findet am Freitag der internationale Tag der Prävention von Suizid statt. Für Aufklärung und Vorbeugung von Selbsttötungen. "Aktiv werden - Hoffnung schaffen" ist das Motto. Wir haben mit Ernst-Wilhelm Gohl, dem Ulmer Dekan der evangelischen Kirche, gesprochen, wie man suizidgefährdeten Menschen helfen kann.

SWR: Wie können Sie als Mann der Kirche suizidgefährdeten Menschen Hoffnung geben?

Ernst-Wilhelm Gohl: Es löst schon ganz viel, wenn man eine seelische Verstimmung anspricht. Viele Angehörige sagen 'Ich habe so ein komisches Gefühl bei meinem Freund, dem geht es nicht so gut. Soll ich darüber reden oder nicht?'. Dann ermutige ich immer dazu, es anzusprechen. Das hat etwas sehr Erlösendes und ist der erste wichtige Schritt.

Ulmer Münsterdekan Ernst-Wilhelm Gohl (Foto: SWR)
Ulmer Münsterdekan Ernst-Wilhelm Gohl

Viele suizidgefährdete Menschen kapseln sich aber auch ab, dass man es nicht merkt.

Ja, aber schon wenn man so eine Abkapselung spürt, sollte man sie ansprechen und sagen: 'Ich erlebe Dich gerade so zurückgezogen, was ist los? Kannst Du mir das erklären?'. Nachhaken und niederschwellig Brücken bauen, das halte ich für entscheidend.

Wie bauen Sie niederschwellig Brücken?

Ich finde, das Einfachste ist, ehrlich zu sagen: 'Ich habe das Gefühl, Dir geht es nicht gut. Das ist nicht schlimm, aber hol' Dir Hilfe. Wenn Du Probleme mit dem Herzen hast, geh' zum Kardiologen. Und jetzt gehst Du halt zum Psychiater oder zum Psychotherapeuten'. Das ist kein Makel.

Freitod wird auch oft als Makel gesehen, als großes Tabu. Wir im SWR melden zum Beispiel Unfälle in der Regel nicht, wenn sie mit Suizid zusammenhängen. Mit dem Argument, dass wir keine Nachahmer ermutigen wollen. Wie finden Sie das? Oder müssten wir in den Medien mehr über Suizid sprechen, auch in den Nachrichten?

Ich finde so einen Tag der Suizidprävention wichtig, dass man für das Thema sensibilisiert. Aber ich finde es gut, dass die Medien keine vollzogenen Suizide öffentlich machen. Dann könnten Menschen, die mit dem Gedanken eines Suizides spielen, sagen: 'Der hat's geschafft".

Auch vom Ulmer Münster haben sich schon Menschen in den Tod gestürzt, obwohl die Absperrgitter ziemlich hoch sind. Wie gehen Sie damit um?

Auch das machen wir nicht öffentlich. Wir hatten aber jüngst einen Fall, der gefilmt wurde. Dann finde ich es wichtig, dass man offensiv damit umgeht.

Lange Zeit hat die Kirche Freitod als Sünde verurteilt. Beerdigungen wurden lange Zeit bei Freitod nicht regulär durchgeführt. Wie ist das heute?

Gottseidank ist das heute anders. Das war für die Angehörigen furchtbar. Wenn sie erst mit dem Schicksal leben mussten, dass sich jemand das Leben genommen hat. Und dann gibt es von der Kirche auch noch eine Strafe, weil sich jemand selbst versündigt und das Lebensgeschenk zurückgegeben hat. Das ist eine Katastrophe. Und deshalb bin ich sehr dankbar, dass Menschen, die einen Suizid erleben mussten, mittlerweile von der Kirche sehr gut begleitet werden.

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