Tierarzt in Schelklingen schlägt Alarm

Bei Antibiotika-Verbot: Kranke Haustiere oft nicht mehr zu retten

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Die EU will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin neu regeln. Tierarzt Jochen Kay aus Schelklingen macht sich Sorgen: Wenn ein weitgehendes Verbot käme, könne er oft nicht mehr helfen.

Der Entwurf des EU-Umweltausschusses sieht vor, mehrere Wirkstoffe nur noch den Menschen vorzubehalten. Eine mögliche Folge: Tiermediziner müssen ganz oder zumindest weitgehend auf den Einsatz von antimikrobiellen Wirkstoffen - also Antibiotika - verzichten. Demnach steht ein Anwendungsverbot für bestimmte Gruppen, sogenannte Reserve-Antibiotika, im Raum.

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Hintergrund ist das Bemühen in der Medizin, generell weniger Antibiotika einzusetzen. Denn der massenhafte und oft auch prophylaktische Einsatz hat weitreichende Folgen. Je mehr ein Mittel eingesetzt wird, desto eher setzen sich resistente Keime durch. Durch multiresistente Keime kann ein Medikament am Ende unwirksam werden - auch und vor allem in der Humanmedizin. Nun soll nach EU-Willen wenigstens in der Tiermedizin der Einsatz von Antibiotika erheblich reduziert werden.

Mögliches Antibiotika-Verbot beschäftigt Tierärzte

Ein Thema, das viele Tierärzte und Haustierbesitzer in der Region umtreibt. Das zeigt ein Besuch in der Kleintierpraxis in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis). Auf dem Tisch von Tierarzt Jochen Kay liegt das Meerschweinchen Lion. Es bewegt sich kaum noch. Kay zögert nicht lang und spritzt gleich ein Antibiotikum.

"Das Meerschwein hat akuten Durchfall, den man schnell beheben muss", erklärt er, "weil so kleine Tiere sehr schnell austrocknen." Zum Antibiotikum sieht der Tierarzt keine Alternative: "Das Meerschweinchen war schon fast in Seitenlage. Da kann ich nicht lange warten."

Daneben schaut Oma Angelika Märsch zu, die in der Urlaubszeit das Meerschweinchen der Enkel versorgt. Sie ist erstmal erleichtert. "Die Kinder hängen an dem Tier", meint Angelika Märsch. "Wenn ich den Enkeln sagen müsste, das Meerschweinchen ist gestorben, während ihr weg ward, das wäre für mich ganz arg schlimm."

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Auch der nächste Patient, Kater Mickey, hätte nach Ansicht des Tierarztes ohne Antibiotikum kaum eine Chance. Der Kater hat den Wirkstoff vor vier Tagen wegen einer Lungenentzündung bekommen. Jetzt beim Kontrolltermin ist Besitzerin Tanja Schwarz froh, dass sich Mickey schon fast erholt hat. "Die Atemnot war massiv bei meinem Kater. Aber schon am zweiten Tag mit dem Antibiotikum ging es ihm deutlich besser."

"Wir kommen nun mal bei bestimmten bakteriellen Infektionen nicht um Antibiotika herum"

Die Katzenbesitzerin trägt sich in die Unterschriftenliste ein, die in der Tierarztpraxis ausliegt - gegen die geplante EU-Verordnung. Die sieht ein weitgehendes Verbot von Antibiotika in der Tiermedizin vor und dass zahlreiche Wirkstoffe den Menschen vorbehalten bleiben sollen. Das bringe allerdings der Humanmedizin so gut wie nichts und schade der Tiermedizin, meint der Präsident der Baden-Württembergischen Landestierärztekammer, Thomas Steidl. Und die Tierärzte bräuchten auch eine Auswahl an Antibiotika. "Wir kommen nun mal bei bestimmten bakteriellen Infektionen nicht um Antibiotika herum", sagt Steidl. Da sich längst auch Resistenzen gebildet haben, seien bei der Behandlung von Tierkrankheiten mehrere Wirkstoffe vonnöten. "Wenn wir im Labor sehen, dass wir ein bestimmtes Antibiotikum brauchen, weil andere nicht mehr helfen, der Wirkstoff für uns aber verboten ist, dann würde das Tier sterben."

Zurück in Schelklingen verlässt Jan Baumann mit seiner Jagdhündin gerade die Praxis. Man sollte die Antibiotika vielleicht sparsamer einsetzen, meint er nach bereits zahlreichen Tierarztbesuchen. Er habe schon öfter erlebt, dass ein Antibiotikum ohne genaue Diagnose gespritzt werde. Seine Hündin leide dann unter den Nebenwirkungen. "Ich bin zwar nur ein Laie", so Baumann, "habe aber das Gefühl, dass die Antibiotika zu häufig verabreicht werden."

Verbot würde Behandlungsmöglichkeiten begrenzen

In seiner Praxis kämpft Tierarzt Jochen Kay gegen eine Beschränkung dieser Mittel. Bei Infektionen und offenen Brüchen etwa sei das Antibiotikum meist das Beste. Sollte ein EU-Verbot kommen, würde das seine Behandlungsmöglichkeiten erheblich einschränken. "Wenn das wirklich so kommt, wäre das ja ein Rückschritt in die Zeit als es noch keine Antibiotika gab. Da müsste ich mir schon überlegen, was ich mit meiner Praxis mache und ob ich in Deutschland meinen Beruf noch sinnvoll ausüben kann."

Mitte September will das EU-Parlament über die geplante neue Verordnung abstimmen. Die Unterschriftenliste in Schelklingen gegen das Vorhaben ist wieder ein bisschen länger geworden. Bundesweit haben 280.000 Menschen inzwischen unterzeichnet.

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