Mohammad Hussein aus Syrien beim Aufwärmen für die bevorstehende Vorstellung. Ihm gibt die Gruppe des "Teatro International" ein Gefühl der Geborgenheit. (Foto: SWR)

"Teatro International" in Ulm

Theaterprojekt gibt Zugewanderten "Wir-Gefühl"

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Kristina Priebe
Kristina Priebe (Foto: SWR)

Ein neues Land, eine neue Sprache: Das Ankommen in Deutschland bedeutet für viele Zugewanderte große Hürden. Das "Teatro International" greift diese Probleme künstlerisch auf.

Die Suche nach einem "Wir-Gefühl" ist besonders für Zugewanderte in Deutschland oft schwer. Das Ulmer "Teatro International" will diese Suche erleichtern. Das Projekt wirkt auch in die Ulmer Stadtgesellschaft hinein.

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Raphaelle aus Frankreich, Alena aus Belarus, Henriette aus Deutschland, Mohammad aus Syrien: Der Name ist Programm beim "Teatro International". Eine multikulturelle Amateurtheatergruppe, die aus Schauspielerinnen und Schauspielern verschiedener Nationen zusammengewürfelt wurde. Angefangen hat es mit einem Sprachtreff an der Ulmer Volkshochschule.

Themen, die in allen Kulturen zu Hause sind

Deutsch zu lernen war das Ziel. Daraus entwickelte sich schnell das Theaterprojekt. "Wir suchen uns immer Themen, die in allen Kulturen zu Hause sind, also beispielsweise Familie oder das Thema Freiheit letztes Jahr. Oder das Thema Arbeiten", sagt die künstlerische Leiterin Claudia Schoeppl.

Die künstlerische Leiterin des "Teatro International" Claudia Schoeppl bei der Vorstellung von "To be and not to see". (Foto: SWR)
Die künstlerische Leiterin des "Teatro International" Claudia Schoeppl bei der Vorstellung von "To be and not to see".

Die Gruppe ist dabei experimentierfreudig. Für das aktuelle Stück "To be and not to see" setzt das Publikum Schlafmasken auf. Es kann nur fühlen, riechen und hören was gespielt wird.

Ein Mann mit einer Schlafmaske vor den Augen bekommt eine Duftkerze unter die Nase gehalten. Beim Stück "To be and not to see" kann das Publikum die Vorstellung noch hören, riechen und fühlen.  (Foto: SWR)
Das "Teatro International" spielt das Stück "To be and not so see". Dabei hat das Publikum Schlafmasken auf. Kann also nur hören, fühlen und riechen, was gespielt wird.

"Wir wollen was bewegen in der Stadtgesellschaft, wir wollen Internationalität sichtbar machen."

"Teatro International" wirkt aber auch über die Bühne hinaus in die Ulmer Gesellschaft hinein. Und das durchaus sichtbar. Zum Beispiel mit einem Stück über Robert Scholl, Ulms ersten Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg und Vater von Hans und Sophie Scholl. Die Inszenierung war der Anstoß für die Stadt, einen Platz in Ulm nach Robert Scholl zu benennen. Ein Erfolgserlebnis für die Gruppe.

Neues Schild in der Ulmer Innenstadt: Robert-Scholl-Platz (Foto: SWR)
Ein Name für einen bislang unbenannten Platz in der Ulmer Innenstadt: Robert-Scholl-Platz. Auf Anregung des "Teatro International".

"Wir wollen was bewegen in der Stadtgesellschaft, wir wollen Internationalität sichtbar machen", sagt Claudia Schoeppl. Für die Schauspielerinnen und Schauspieler hat auch nicht nur die Wirkung nach Außen, sondern auch nach Innen eine große Bedeutung.

Ein Gefühl der Geborgenheit

"'Teatro International' für mich ist jetzt eine wirkliche Familie, weil jeder von uns weiß, was es bedeutet in den 1. Stock der Ausländerbehörde zu gehen", sagt Alena Bihal aus Belarus. Und Mohammad Hussein aus Syrien ergänzt: "Es ist eher so das Gefühl, Menschen um sich zu haben, die mit einem was gemeinsam haben. Und das gibt ein Gefühl der Geborgenheit."

Mohammad Hussein aus Syrien beim Aufwärmen für die bevorstehende Vorstellung. Ihm gibt die Gruppe des "Teatro International" ein Gefühl der Geborgenheit. (Foto: SWR)
Für Mohammad Hussein aus Syrien gibt die Gruppe des "Teatro International" ein Gefühl der Geborgenheit.

Aber auch für die deutsche Schauspielerin Henriette Lutter hat das Projekt einen Mehrwert: "Die Stimmung finde ich ganz einzigartig, jeder hat einfach Spaß, ist super offen. Und ja, nebenbei lernt man auch viel über andere Kulturen."

Die internationale Gruppe in Kombination mit einem experimentellen Theaterstück hat auf das Publikum eine besondere Anziehungskraft. Und wer sich auf dieses Erlebnis einlässt, erfährt, dass künstlerische Grenzüberschreitung auch geografische und kulturelle Grenzen überwinden kann.  

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