Premiere am 1. Juli im frisch sanierten Rittersaal

Opernfestspiele Heidenheim - Warum der "Tannhäuser" im Motel spielt

STAND
AUTOR/IN
Rainer Schlenz
Rainer Schlenz (Foto: Spiesz-Design/Sabine Weinert-Spieß)

Die Premiere von Wagners "Tannhäuser" der Opernfestspiele Heidenheim steht an: Die Macher haben die alte Geschichte um Sagengestalten und den Sängerwettbewerb in die Gegenwart übersetzt.

Opernfestspiele Heidenheim, Tannhäuser (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Opernfestspiele Heidenheim. Tannhäuser langweilt sich erst einmal ein wenig vor dem Spieleautomaten, bevor er in Aktion tritt. Rainer Schlenz

Ein amerikanisches Motel in pink und rot: Hinter transparenten Plastikfolien räkeln sich schrille, schlanke, leicht bekleidete Männer und Frauen. Dazwischen ein Koloss im schwarzen Adidas-Trainingsanzug, der seine beachtliche Wampe zur Schau stellt.    

"Ich hab' grundsätzlich bei Wagner das Bedürfnis, dass ich irgendwas dagegen setze. Und zwar gegen diesen falschen Mythos, gegen diese Heiligkeit, gegen diese falsche Beschaulichkeit.

Audio herunterladen (3,6 MB | MP3)

Tannhäuser ist ein Rüpel, der an der falschen Stelle "Bravo" ruft, an der falschen Stelle lacht und andere Leute nachäfft. Mit dem prolligen Helden, dem prolligen Hotel hat Regisseur Georg Schmiedleitner eine Gegenwelt zum Wagner-Mythos geschaffen: "Ich hab' grundsätzlich bei Wagner das Bedürfnis, dass ich irgendwas dagegensetze", sagt Schmiedleitner. "Und zwar gegen diesen falschen Mythos, gegen diese Heiligkeit, gegen diese falsche Beschaulichkeit."

Opernfestspiele Heidenheim: Alte Geschichte neu erzählt

Es geht im Tannhäuser um Männerbünde, um deutsche Tugenden, Sex vor der Ehe und Buße. Schmiedleitner übersetzt das ins Hier und Heute, indem er Tannhäusers Charakter offenlegt: sein Hin- und Hergerissensein, seine Triebhaftigkeit, sein unstetes Leben ohne Bodenhaftung, in einem Haus des Kommens und Gehens - eben dem Motel amerikanischer Machart.

"Tannhäuser passt natürlich perfekt in so ein Schloss."

Video herunterladen (2,2 MB | MP4)

Schwelgen bei Tannhäuser ausdrücklich erlaubt

Bei allen Brechungen und Übersetzungen: Opernliebhaber und eingefleischte Wagnerianer kommen trotzdem auf ihre Kosten. Die Stimmen sind – inklusive des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn – tragfähig, geschmeidig, ausdrucksvoll. Die Atmosphäre unter freiem Himmel ist grandios, das Gemäuer des alten Rittersaals auf dem Heidenheimer Schlossberg ein stimmungsvoller Rahmen. Nur: Einlullen soll das alles nicht, sagt der künstlerische Leiter der Opernfestpiele Heidenheim, Marcus Bosch: "Tannhäuser passt natürlich perfekt in so ein Schloss in Heidenheim. Aber es ist ja hier kein Festival, was sagt: 'Wir haben ne schöne Ruine, machen ein bisschen Musik, machen nettes Licht an und jetzt machen wir Festival'. Unser Anspruch ist ja wirklich, heutiges Musiktheater zu machen".

Opernfestspiele Heidenheim, Tannhäuser (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Die Sopranistin Leah Gordon in der Rolle der Elisabeth. Sie "überfällt" das Publikum von hinten und singt sich dann durch die Tribünenreihen. Rainer Schlenz

Das Ergebnis ist eine Inszenierung mit viel Witz, viel Bewegung: Immer wieder wandern die Akteurinnen und Akteure durch die Zuschauerreihen, nehmen Kontakt auf, die Rollen sind auskomponiert. Dirigent Marcus Bosch betont die federnde Leichtigkeit in der Musik und nicht das für Wagner so typische Blechgetöse. Ein volles Paket Oper, das beides bietet - genussvolles Schwelgen und Tiefe.

Neuigkeit im Rittersaal: Die Stühle sind nun bequem

Und noch ein "Lockmittel" haben die Festspielmacher im Programm: Die unbequemen Sitzschalen vergangener Jahre sind nun Vergangenheit. Es gibt im Rittersaal nun eine ausnehmend rückenfreundliche Bestuhlung.

Die Premiere findet statt am 1. Juli um 19 Uhr. Weitere Vorstellungen gibt am 3. Juli, 8. und 9. Juli, 16. Juli, 22. Juli, 30. Juli, jeweils um 19 Uhr.

Mehr dazu im SWR

Heidenheim

Schräger Humor und schräge Typen Opernfestspiele Heidenheim: Die skurrile Kinderoper "Wurst"

Es geht um die Wurst bei der diesjährigen Kinderoper der Opernfestspiele Heidenheim. Und genauso ist der schlichte Titel: "Wurst". Das verspricht eine liebenswerte wie schräge Inszenierung.  mehr...