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Viele Menschen halten körperliche Gewalt in der Kindererziehung für angebracht. Eine Befragung der Universitätsklinik Ulm zeigt, dass rund die Hälfte der Befragten grundsätzlich bereit ist, ein Kind zu schlagen.

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Laut der Studie halten rund 43 Prozent der Befragten es für angebracht, wenn ein Kind einen "Klaps auf den Hintern" bekomme. Eine "leichte Ohrfeige" halten demnach noch 17,6 Prozent für ein angemessenes Mittel oder haben ihr Kind so geschlagen. Eine "Tracht Prügel mit Bluterguss" finden nur noch 0,3 Prozent in Ordnung. Das Kinderhilfswerk Unicef und der Deutschen Kinderschutzbund hatten die Studie in Auftrag gegeben, die Universitätsklinik Ulm führte sie unter der Leitung des Kinderpsychiaters Prof. Jörg Fegert durch.

Jörg Fegert Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie Ulm (Foto: SWR, Soeren Stache)
Jörg Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie Ulm Soeren Stache

Männer tolerieren eher Gewalt in der Erziehung

Die Studie ergab außerdem, dass Männer häufiger körperlichen Strafen zustimmen als Frauen. Ein weiteres Ergebnis der Befragung von 2.500 repräsentativ ausgewählten Personen im Frühjahr war auch, dass ältere Menschen eher zu Gewalt in der Kindererziehung geneigt sind. Einen Unterschied zwischen Nationalitäten stellten die Forscher nicht fest. Deutlich wurde auch, dass Teilnehmende, die selbst als Kind Körperstrafen und emotionale Gewalt erlebt hatten, Körperstrafen in der Erziehung eher zustimmen als Menschen, die ohne Gewalt groß geworden sind.

 Das Kinderhilfswerk Unicef und der Deutschen Kinderschutzbund hatten die Studie in Auftrag gegeben, die Universitätsklinik Ulm führte sie unter der Leitung des Kinderpsychiaters Prof. Jörg Fegert durch (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Sven Braun/dpa)
Das Kinderhilfswerk Unicef und der Deutschen Kinderschutzbund hatten die Studie in Auftrag gegeben, die Universitätsklinik Ulm führte sie durch. (Symbolbild) picture alliance/Sven Braun/dpa

"Ein Bewusstseinswandel in Politik und Gesellschaft ist dringend nötig, um das Recht der Kinder auf Schutz vor jeglicher Form von Gewalt zu verwirklichen"

Christian Schneider, Geschäftsführer Unicef Deutschland

Im Vergleich zur letzten Befragung vor vier Jahren sei die Gewaltbereitschaft nur leicht zurückgegangen. Laut Kinderhilfswerk Unicef habe die Einführung der gewaltfreien Erziehung vor 20 Jahren aber eine große Wirkung gezeigt. Es gebe allerdings auch erste Anzeichen, dass durch die Corona-Pandemie die Gewalt gegen Kinder wieder zunimmt.

Unicef: Kinderrechte müssen in der Verfassung verankert werden

"Gewalt gegen Kinder, ganz gleich in welcher Form, hinterlässt bei Kindern Spuren und untergräbt ihre Würde", sagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider. "Gerade psychische Gewalt bleibt häufig im Verborgenen. Wir müssen das gesellschaftliche Schweigen endlich brechen." Unicef fordert deshalb anlässlich des internationalen Tags der Kinderrechte am Freitag, dass Kinderrechte auch in der Verfassung verankert werden.

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