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Offenbar aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben viele Patienten zuletzt bei Verdacht auf einen Herzinfarkt nicht sofort Hilfe gesucht. Das zeigt eine Studie der Ulmer Uniklinik.

Ein Team von Wissenschaftlern der Uniklinik Ulm hat Patientendaten aus den ersten vier Wochen der Pandemie zwischen Ende März und Ende April ausgewertet. Die Herzinfarkte, die während der ersten Wochen unter den Corona-Beschränkungen behandelt wurden, waren größer. Es seien häufiger schwere Komplikationen aufgetreten, die den Einsatz von Herz-Lungenmaschinen notwendig gemacht hätten. Diese Art der Komplikationen beobachte man seit Einführung der Erstversorgungszentren für Herzpatienten und durch Patientenaufklärung nur noch sehr selten, so die Uniklinik Ulm.

Alles deute darauf hin, dass zwischen den ersten Symptomen eines Herzinfarktes und der ersten medizinischen Hilfe längere Zeit vergangen war als üblich.

"Wenn Menschen, die akute Symptome verspüren, nicht rechtzeitig in eine Klinik kommen, kann das tödliche Folgen haben"

Professor Armin Imhof, Leiter der Studie

Besonders in den ersten 15 Tagen der Kontaktbeschränkungen seien deutlich weniger Patienten aufgenommen worden. "Dieser Rückgang ist eine besorgniserregende Entwicklung. Denn bei vielen Krankheitsbildern, die wir in unserer Klinik behandeln, zählt jede Sekunde. Wenn Menschen, die akute Symptome verspüren, nicht rechtzeitig in eine Klinik kommen, kann das tödliche Folgen haben", sagt Professor Armin Imhof, der die Studie geleitet hat.

Laut der Ulmer Studie deutet alles darauf hin, dass zwischen den ersten Symptomen eines Herzinfarktes und der ersten medizinischen Hilfe längere Zeit vergangen war als üblich.  (Foto: dpa Bildfunk, Stefan Puchner)
Laut der Ulmer Studie deutet alles darauf hin, dass zwischen den ersten Symptomen eines Herzinfarktes und der ersten medizinischen Hilfe längere Zeit vergangen war als üblich. (Symbolbild) Stefan Puchner

Angst vor Coronavirus schreckt Patienten ab

Außerdem seien in den vier untersuchten Wochen 20 Prozent weniger Patienten wegen akuter Herz-Kreislauf-Probleme aufgenommen worden. Die Mediziner gehen davon aus, dass die Angst vor dem Virus die Menschen davon abhielt, sofort Hilfe zu suchen. Es spiele auch eine Rolle, dass erste Symptome eines Herzinfarktes wie Atemnot und Brustschmerz mit denen des Coronavirus verwechselt werden könnten und dass die Patienten das Gesundheitssystem nicht belasten wollten.

Die Uniklinik Ulm hat die Folgen der Coronavirus-Pandemie für die Herzinfarktversorgung über die so genannte Chest Pain Unit (CPU) analysiert, erklärte Professor Wolfgang Rottbauer.

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