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Forschende der Universität Ulm haben im Covid-Impfstoff Astrazeneca Verunreinigungen gefunden. Unklar ist allerdings noch, ob und wie sich die entdeckten Eiweißstoffe auswirken.

Forschende um Professor Stefan Kochanek, Leiter der Abteilung Gentherapie der Ulmer Universitätsmedizin, hatten drei Chargen des Astrazeneca-Impfstoffs unter anderem mit biochemischen Methoden untersucht. Dabei fiel auf, dass darin Eiweiße enthalten waren, die nicht zum Impfstoff gehörten. Mehr als die Hälfte davon waren menschlichen Ursprungs.

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Eiweiße sollten nach der Produktion entfernt werden

Bei den Eiweißen handele es sich um Rückstände aus der Produktion des Astrazeneca-Impfstoffs, erklärte Kochanek im SWR-Interview. Eigentlich sollten diese Eiweiße nach der Produktion entfernt werden. Kochanek geht davon aus, dass die Verunreinigungen reduziert werden können. Das Unternehmen arbeite mit Sicherheit daran.

Ulm/Berlin

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Unter diesen Eiweißen sei besonders die Häufung so genannter Hitzeschockproteine aufgefallen. Sie sind laut Professor Kochanek dafür bekannt, angeborene und erworbene Immunantworten zu modulieren und bestehende Entzündungsreaktionen verstärken zu können. "Sie wurden zudem auch schon mit Autoimmunreaktionen in Verbindung gebracht."

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Es sei noch unklar, inwiefern diese Protein-Verunreinigungen die Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoff mindern. Kochanek geht derzeit auch nicht davon aus, dass die Verunreinigungen mit den Sinusvenenthrombosen zusammenhängen. Ausschließen könne er das aber nicht. Wahrscheinlicher sei es, dass die jetzt entdeckten Eiweißrückstände für andere starke Impfreaktionen verantwortlich seien, die kurz nach der Impfung bei vielen Menschen auftreten. Einen Impfstopp hält der Forscher aber nicht für sinnvoll, da der Nutzen von Astrazeneca noch immer größer als die Risiken sei.

Ulmer Virologe Mertens zur Verunreinigung

Der Ulmer Virologe und Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte dem SWR, dass die Verunreinigung des Impfstoffs "relativ ausgeprägt" sei. Es handelt sich demnach um Verunreinigungen in den Zellen, in denen das Impfvirus hergestellt wurde. Die Verunreinigungen "sollen in diesem Ausmaß nicht in dem Impfstoff sein", so Mertens.

Studie wird derzeit von Wissenschaftsjournal begutachtet

Die Studie der Universität Ulm sei noch nicht wissenschaftlich begutachtet, dieser Prozess laufe derzeit noch bei einem renommierten Wissenschaftsjournal. Den Forschenden sei es aber wichtig gewesen, die Studie dennoch schon jetzt zu veröffentlichen, damit "Wissenschaftskollegen über diese Verunreinigungen Bescheid wissen, um eigene Untersuchungen durchführen zu können, mit denen ein möglicher Zusammenhang zwischen Verunreinigungen und Nebenwirkungen nachgewiesen oder ausgeschlossen werden kann".

Studien sollen für Qualitätsverbesserung von Astrazeneca sorgen

Laut Universität Ulm soll die Studie darüber hinaus helfen, den Herstellungsprozess und die Qualität von Astrazeneca zu verbessern. In der Pharmaindustrie gelte die möglichst weitgehende Entfernung von Verunreinigungen aus biotechnologisch hergestellten therapeutischen Proteinen als ein sehr wichtiges Qualitätsmerkmal.

Grafik-Darstellung des Adenovirus (Foto: Pressestelle, Universität Ulm)
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Uni Ulm: Kontrolle reicht offenbar nicht aus

Im Fall des Astrazenca-Impfstoffs reiche die Kontrolle mit den bisher verwendeten Standard-Nachweisverfahren offenbar nicht aus, heißt es weiter. Die Ulmer Forschenden empfehlen ergänzende Untersuchungsmethoden. "Die Vielzahl der gefundenen Verunreinigungen, von denen zumindest einige negative Effekte haben könnten, macht es nötig, den Herstellungsprozess und die Qualitätskontrolle des Impfstoffs zu überarbeiten. Dadurch ließe sich neben der Sicherheit womöglich auch die Wirksamkeit des Vakzins erhöhen", so Professor Kochanek.

Ulmer Impfzentrum: Impfwillige noch nicht verunsichert

Die Menschen, die ins Ulmer Impfzentrum kämen, seien wegen der festgestellten Verunreinigung des Impfstoffs noch nicht verunsichert. Das teilte der Koordinator des Impfzentrums, Hagen Feucht, auf SWR-Anfrage mit. Im Ulmer Impfzentrum wird nach eigenen Angaben nur noch in geringen Maßen der Astrazeneca-Impfstoff verimpft. Dabei handelt es sich ausschließlich um Zweitimpfungen. Das baden-württembergische Sozialministerium kündigte aufgrund der Ulmer Forschungsergebnisse Gespräche zum weiteren Vorgehen mit den Impfzentren im Land an.

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