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Am 9. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Sie hat Spuren hinterlassen in der Geschichte der Deutschen – und in der Stadt, in der sie ihre Jugend verbracht hat: In Ulm. Jede dieser Spuren erzählt eine Geschichte.

Eine Abbildung des fünften Flugblattes der "Weißen Rose" in der Erinnerungsstätte in der Martin-Luther-Kirche. (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Eine Abbildung des fünften Flugblattes der "Weißen Rose" in der Erinnerungsstätte in der Martin-Luther-Kirche. Rainer Schlenz

"Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um Euer Herz gelegt habt. Entscheidet euch, eh' es zu spät ist!"

Es sind entschiedene Worte voller Tiefe und Weitblick. Das fünfte Flugblatt der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" hat Sophie Scholl von München nach Ulm gebracht. In der Ulmer Martin-Luther-Kirche haben Mitglieder der "Weißen Rose" die Flugblätter in Briefumschläge gepackt und adressiert - mit einer schwarzen "Elite"-Schreibmaschine.

Die Schreibmaschine der "Weißen Rose" in der Orgelkammer der Martin-Luther-Kirche (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
In der Orgelkammer der Martin-Luther-Kirche befand sich der Raum, in dem die "Weiße Rose" die Flugblätter, die Sophie Scholl zuvor aus München mitgebracht hatte, in Kuverts steckte. Die Adressen haben die Mitglieder der Widerstandsgruppe mit dieser Schreibmaschine geschrieben. Rainer Schlenz

Sophie Scholl 100 - Erinnerungsstätte in der Martin-Luther-Kirche

Die Schreibmaschine steht bis heute in der Martin-Luther-Kirche in einem beengten, niedrigen Raum direkt hinter der Orgel. Die Gänge vor der Orgelkammer sind heute Erinnerungsstätte. Das Flugblatt ist dort zu sehen, Fotos, Zitate und ein Poesiealbum mit einem Eintrag von Sophie Scholl in Sütterlin-Schrift.

"Laß nie den frohen Mut dir rauben"

Erinnerungsstätte in der Martin-Luther-Kirche (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Zeugnis der Kindheit - ein Poesiealbum mit einem Eintrag und einer Zeichnung von Sophie. Rainer Schlenz

Besonders junge Menschen, Konfirmanden und Konfirmandinnen seien von diesem Ort berührt, sagt die Pfarrerin der Martin-Luther-Kirche, Britta Stegmaier.

"Und das ist, glaube ich, gerade in diesem Alter entwicklungspsychologisch auch wichtig, dass man mutig sein darf, sich seines Verstandes zu bemühen und seinen eigenen Standpunkten auch zu trauen."    

Das Wohnhaus der Familie Scholl in der Olgastraße (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Bis 1939 hat Familie Scholl in der Olgastraße gewohnt. Heute ist das Haus ein Gesundheitszentrum. Rainer Schlenz

Sophie Scholl 100 - Abkehr vom Nationalsozialismus

Der erste Impuls für den Widerstand Sophies entsteht in der Olgastraße in Ulm. Dort lebt die Familie Scholl in einem bis heute bestehenden Jugendstilbau. Sophie ist in dieser Zeit Gruppenführerin in der NS-Jugendorganisation Bund Deutscher Mädel, erzählt die Historikerin und Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, Nicola Wenge. Im November 1937 erlebt Sophie in der Wohnung eine Razzia der Gestapo. Die Wohnung wird durchsucht, die Gestapo-Leute bringen die Geschwister bei klirrender Kälte im offenen Lkw nach Stuttgart. Die Eltern wussten nicht, wohin sie eigentlich gebracht wurden. Dieses Erlebnis führt bei Sophie zu einer Abkehr vom Nationalsozialismus, meint Nicola Wenge. Im Foyer des Hauses in der Olgastraße erinnern Fotos und Texttafeln an die früheren Bewohner. Hin und wieder stehen dort weiße Rosen.

Fotos und Texttafeln im Geschwister-Scholl-Haus (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Im Eingangsbereich des Geschwister-Scholl-Hauses ist eine kleine Ausstellung mit Fotos und Texttafeln eingerichtet worden. Rainer Schlenz

Auf dem Münsterplatz – dem nächsten Wohnort der Familie – erinnert eine schmale metallene Stele mit einer Rosette an die Scholls und die Weiße Rose. Hier erlebt Sophie den Ausbruch des zweiten Weltkriegs, hier wird sie zur entschiedenen Kriegsgegnerin, hier schreibt sie an ihren Freund, den Offizier Fritz Hartnagel – und prägt in einem der Briefe einen legendären Satz.

"Sag nicht, es ist für's Vaterland!"

Die Briefe zeugen von einer "wahnsinnig hellsichtigen Reaktion auf den Krieg", meint Nicola Wenge. Man erkenne daran auch dieses große intellektuelle Potential und diese starke Haltung Sophie Scholls. Damals war sie gerade 18 Jahre alt.

Stele zum Gedenken an die "Weiße Rose" auf dem Ulmer Münsterplatz (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Von 1939 bis 1944 wohnte die Familie Scholl am Münsterplatz. Das Haus wurde während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff zerstört. Heute befindet sich dort eine Bankfiliale. Davor erhebt sich eine metallene Stele mit einer Rosette - zum Gedenken an die Widerstandgruppe "Weiße Rose". Die Stele wurde gestaltet von Otl Aicher, dem Gründer der Hochschule für Gestaltung und Ehemann von Inge Scholl, der Schwester von Hans und Sophie. Rainer Schlenz

Aus dem Pazifismus wird aktiver Widerstand, den Sophie mit dem Leben bezahlt. 1943 werden sie und ihr Bruder Hans festgenommen und unter dem Fallbeil der Nazis hingerichtet.    

Familie Scholl wird in "Sippenhaft" genommen

Danach wird die Familie, wie es die Nazis nannten, in "Sippenhaft" genommen. Die Eltern von Hans und Sophie sowie weitere Geschwister saßen mehrere Monate im Gebäude des heutigen Untersuchungsgefängnisses ein.

Das heutige Untersuchungsgefängnis in Ulm - Hier saßen die Eltern von Hans und Sophie Scholl sowie weitere Geschwister in "Sippenhaft" (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Das heutige Untersuchungsgefängnis gegenüber dem Ulmer Landgericht. Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl im Jahr 1943 saßen die Eltern Robert und Magdalena Scholl sowie die Geschwister Inge und Elisabeth in diesem Gebäude in "Sippenhaft". Rainer Schlenz

Es ging bei der "Sippenhaft" darum, die gesamte Familie als "Volksverräter" zu denunzieren und so zu diffamieren, dass danach ein Weiterleben in Ulm kaum möglich war, so Nicola Wenge.

Viele weitere Orte in Ulm erinnern an Hans und Sophie Scholl: Das gleichnamige Gymnasium etwa. Auch der Platz nördlich des Rathauses ist nach ihnen benannt. Im Stadthaus Ulm stehen die Büsten von Hans und Sophie.

Eine gläserne Stele vor dem Ulmer Rathaus erinnert an Hans-und-Sophie-Scholl (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Direkt gegenüber vom Ulmer Rathaus: Hier erinnert eine gläserne Stele an die Geschwister Scholl und die Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Der Ort heißt seit der Einweihung der Neuen Mitte in Ulm "Hans-und-Sophie-Scholl-Platz". Rainer Schlenz

100. Geburtstag von Sophie Scholl - ein Name wird vereinnahmt

Und was bleibt gedanklich? Mit eindimensionaler Heldenverehrung werde man der komplexen Persönlichkeit Sophie Scholls nicht gerecht, meint die Historikerin Nicola Wenge. Besondere Sorge bereiten ihr die Vereinnahmungen des Namens in der heutigen Zeit – unter anderem durch die "Querdenker".

"Ich beobachte jetzt mit Erschrecken nicht nur Jana aus Kassel, die sich für Sophie Scholl hält, sondern dass von der AfD das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz 1933 gleichgesetzt wird. Und da muss man sich schon fragen, wie kann eigentlich so eine Gleichsetzung passieren?"

Wenges Antwort ist da eindeutig: Es braucht Mut, dagegen anzugehen. Und es braucht, so die Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, politische Bildung – in diesem Fall fundiertes Faktenwissen um das Phänomen Scholl.

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