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Die Schlachthöfe sind ins Visier der Politik geraten. Hunderte Arbeiter haben sich dort mit dem Coronavirus angesteckt. Doch wie sind die Zustände im größten Schlachthof in Süddeutschland, in Ulm?

Aufgehängt an Haken ziehen die Schweine an den Schlachtern vorbei. Einer nimmt die Gedärme raus, ein anderer schneidet die Schwänze ab, die Produktion ist industrialisiert. 700 Menschen arbeiten hier, bei Ulmer Fleisch. Etwa 450 von ihnen sind sogenannte Werkvertragsmitarbeiter, die überwiegend aus Ungarn und Rumänien stammen.

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Gesundheitscheck im Ulmer Schlachthof nochmals verschärft

Die Arbeiter bekommen mindestens einmal täglich frisch gewaschene weiße Kleidung, inklusive Schuhe. Mehrmals täglich gibt es neue Gesichtsmasken. "Das war schon vor Corona so", sagt Stephan Lange, der Geschäftsführer bei Ulmer Fleisch. Mitte März wurden die Maßnahmen allerdings verschärft. Ein Gesundheitscheck finde jetzt schon statt, bevor die Mitarbeiter, die in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, zusammen mit dem Auto oder im Bus zum Schlachthof fahren. Neun Punkte werden abgefragt, etwa ob die Arbeiter Fieber oder Schnupfen haben.

Hygienekonzept wird permanent angepasst

Der Check ist in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt des Alb-Donau-Kreises entstanden. Das Amt bestätigt gegenüber dem SWR einen ständigen Austausch mit dem Betrieb, bei dem das Hygienekonzept zum Infektionsschutz permanent angepasst wird. Außerdem wird kontrolliert, ob der Schlachthof die Vorschriften einhält.

In Leipheim im Kreis Günzburg, etwa 40 Autominuten von Ulm entfernt, befindet sich die größte Gemeinschaftsunterkunft von Ulmer Fleisch, in einer alten Kaserne. Mehr als 130 Arbeiter wohnen hier, zum Teil seit über zehn Jahren. Die meisten stammen aus Rumänien. Auf 120 Quadratmetern leben jeweils sechs Männer in einer Wohngemeinschaft. Die hygienischen Zustände werden regelmäßig und unangekündigt von Ulmer Fleisch kontrolliert.

Die Arbeiter verdienen laut Unternehmen etwa 1.800 Euro netto - so viel, wie ein Ingenieur in Rumänien. Steuern und Sozialabgaben werden in Deutschland abgeführt.

Zugangskontrollen zu Ulmer Fleisch sind strenger

Auch im Schlachthof selbst wurden seit Mitte März die Zugangskontrollen verschärft, sagt Geschäftsführer Lange. Innerhalb des Betriebs sollen die Arbeiter so wenig Kontakt wie möglich zueinander haben. Deswegen wurden unterschiedliche Pausenzeiten eingeführt, in den Büros Plexiglasscheiben installiert und die Abstände vergrößert.

35.000 Schweine pro Woche werden bei Ulmer Fleisch geschlachtet, demnach jedes dritte Schwein aus Bayern und Baden-Württemberg. Dazu kommen 2.500 Rinder. Steht der Betrieb still, würde sich das auf die Fleischversorgung und die Viehwirtschaft auswirken. Bislang gibt es in Ulm einen bekannten Corona-Fall unter den Festangestellten, der sich im Urlaub infiziert hat. Unter den Lohnschlachtern wurde noch keine Infektion festgestellt.

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Bundeskabinett beschließt "Arbeitsschutzprogramm für Fleischwirtschaft"

Doch aller Voraussicht nach muss der Ulmer Schlachthof seine Lohnschlachter künftig anders anstellen. Am Mittwoch hat das Bundeskabinett Eckpunkte eines "Arbeitsschutzprogramms für die Fleischwirtschaft" beschlossen. Geplant ist unter anderem ein Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischindustrie. Das Schlachten und die Verarbeitung von Fleisch in Betrieben der Fleischwirtschaft soll ab 1. Januar 2021 nur noch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern des eigenen Betriebes zulässig sein. Damit wären Werkvertragsgestaltungen und Arbeitnehmerüberlassungen nicht mehr möglich, heißt es.

Nach einer Häufung von Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben stehen die Arbeitsbedingungen mit Subunternehmern und Sammelunterkünften mit vielen osteuropäischen Beschäftigten stark in der Kritik. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte angekündigt in der Branche "aufzuräumen".

Die Ulmer Fleisch GmbH sieht die geplanten Verschärfungen für die Branche kritisch. Die Regelung, ab dem kommendem Jahr Leiharbeiter und Beschäftigte mit Werkverträgen zu verbieten, würde den ohnehin bestehenden Personalmangel noch verstärken, sagte Geschäftsführer Stephan Lange am Mittwoch dem SWR.

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