Krebsforscher Professor Thomas Seufferlein

Ulmer Mediziner fordert Corona-Impfpflicht

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG

Kontaktbeschränkungen und eine Corona-Impfpflicht sind notwendig, um einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern, so Thomas Seufferlein von der Uniklinik Ulm. Er ist Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

Portrait Seufferlein (Foto: Universitätsklinikum)
Prof. Dr. Thomas Theodor Werner Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I an der Uniklinik Ulm Universitätsklinikum

SWR: Sie und andere deutsche Krebsorganisationen sprechen sich für eine Impfpflicht aus - warum?

Professor Thomas Seufferlein: Wir haben uns diesen Schritt natürlich gut überlegt. Wir, das sind Professor Michael Baumann vom Deutschen Krebsforschungszentrum, Gerd Nettekoven von der Deutschen Krebshilfe und ich als Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Wir haben uns diese Empfehlungen nicht leicht gemacht. Aber ich denke, nach jetzt über 20 Monaten in einer Ausnahmesituation in unseren Gesundheitseinrichtungen ist das aus unserer Sicht der einzige Weg, wie man aus dieser Pandemie herauskommt. Und wir haben ja Beispiele, wenn sie an Frankreich denken, wenn Sie an Italien denken, mit einer deutlich höheren Impfquote. Dort läuft das Gesundheitssystem wieder weitgehend normal, während wir von einem Ausnahmezustand in den nächsten laufen. 

Kommentar Covid-19-Impfpflicht – Was dafür und dagegen spricht

Winfried Kretschmann und Markus Söder sind mit ihrer Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht vorangeprescht. Gibt es gute Argumente dafür und dagegen?  mehr...

Wie sieht die Situation der Krebspatienten vielerorts aus?

Krebspatienten haben wirklich eine extrem schwere Zeit. Zusätzlich zu den Belastungen durch die Corona-Pandemie, die wir ja auch alle miterleben und auch alle selber am eigenen Körper spüren, ist es bei denen noch so: Die haben eine Tumorerkrankung. Die haben natürlich auch noch mehr Ängste. Das ist, wie wenn man auf einer Bombe sitzt und immer denkt, jetzt geht die hoch und es passiert nichts. Und diese Belastung aufzufangen, ist extrem schwierig. Das gilt aber auch für Vorsorgeuntersuchungen, die verschoben werden, wo man denkt: Das lasse ich jetzt mal. Und das kann man mal drei Monate lassen, aber wenn das über zwanzig Monate geht, werden wir zusätzliche Tumorerkrankungen sehen. Und das gilt auch in der Nachsorge, wo viele Menschen hingehen nach einer Tumorerkrankung und sagen: 'ich möchte Gewissheit haben, ich möchte kontrolliert werden', aber dann auch wieder Angst haben, ins Krankenhaus zu gehen. Dann finden Nachsorgetermine nicht statt, weil sie verschoben werden müssen, weil Personal fehlt. Und es ist an so vielen Stellen, wo Menschen mit Tumorerkrankungen benachteiligt sind und deutlich mehr Einschränkungen erleben, als wir nicht tumorerkrankte Menschen. Es ist jetzt an der Zeit, auch als Solidarität diesen Menschen gegenüber, Maßnahmen zu ergreifen, die funktionieren. 

Können Sie verstehen, dass Menschen, die sich impfen lassen könnten, sich dagegen entscheiden? 

Ich verstehe es nicht, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, weil es wissenschaftlich gesehen keine vernünftigen Gründe gibt. Ich sehe aber auch, dass wir diese Menschen nicht mehr überzeugen werden. Wir haben auch hier im Klinikum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich gegen die Impfung entschieden haben. Ich respektiere das. Aber wir werden um einschneidendere Maßnahmen nicht herumkommen. Weil ich glaube, mit reiner Überzeugungsarbeit werden wir es nicht schaffen. Verständnis, habe ich ehrlich gesagt keines dafür.

Gegner einer Impfpflicht sagen, diese sei ein massiver Eingriff in die Freiheit des Menschen. Wie reagieren Sie darauf? 

Das ist tatsächlich so. Ich nehme das wirklich ernst. Aber man muss einfach fragen: Ist es verhältnismäßig? Und wenn ich sehe, wie weit wir in die Freiheit anderer eingreifen und in die Freiheit kranker Menschen eingreifen und wie schwierig die Situation in unseren Gesundheitseinrichtungen ist, dann glaube ich, unter diesen Voraussetzungen ist so eine Maßnahme gerechtfertigt. Ich glaube, die Analyse des Problems ist weitgehend gemacht. Wir haben viel darüber diskutiert. Wir müssen jetzt auch tatsächlich Maßnahmen ergreifen, die wirksam sind. Auch eine Impfpflicht wird nicht morgen wirken. Aber sie wird uns zumindest Anfang nächsten Jahres aus der Misere bringen. Da bin ich fest davon überzeugt.

Corona außer Kontrolle Österreich ist wieder im Lockdown – Impfpflicht ab Februar

In Österreich gilt ein Lockdown für alle. Der Grund: Die bisherigen Corona-Maßnahmen haben nicht geholfen. Außerdem müssen sich alle Österreicher bald gegen Corona impfen lassen.  mehr...

Kommentar Covid-19-Impfpflicht – Was dafür und dagegen spricht

Winfried Kretschmann und Markus Söder sind mit ihrer Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht vorangeprescht. Gibt es gute Argumente dafür und dagegen?  mehr...

Ulm, Schwäbisch Gmünd, Heidenheim, Aalen, Neu-Ulm

Das Coronavirus und die Folgen für die Region Ulm und Ostwürttemberg Live-Blog zum Coronavirus: Kein Neujahrsempfang in Schwäbisch Gmünd

Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf den Alltag rund um Ulm, Neu-Ulm, Heidenheim, Aalen und Schwäbisch Gmünd? In unserem Live-Blog fassen wir die neuesten Entwicklungen zusammen.    mehr...

Ulm

Triageteams und verschobene Operationen Angespannte Situation in den Kliniken zwischen Ulm und Aalen

Die Pandemie stellt Intensivstationen vor besondere Herausforderungen. Manche, wie in Neu-Ulm, bereiten sich bei der Patientenaufnahme auf Triage - eine Sortierung nach Dringlichkeit - vor.  mehr...

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG