Lossagung (Foto: SWR)

Schornsteinfegerhandwerk im Umbruch

Lossprechung in Ulm: "In Energieberatung sind wir schon immer stark"

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Jürgen Klotz

An der Schornsteinfeger-Berufsschule in Ulm haben am Mittwoch 50 junge Frauen und Männer ihren Gesellenbrief erhalten. Doch wie zukunftssicher ist ihr Beruf? Dazu Verbands-Präsident Stefan Eisele im Interview.

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SWR Aktuell: Herr Eisele, der Klimawandel steht im Raum, Öl und Gas werden knapp, fossile Brennstoffe sollen nicht mehr verbrannt werden. Welche Zukunft hat Ihr Handwerk:

Stefan Eisele: Wir haben eine schwierige Zeit, wir haben einen Transformationsprozess. Das ist natürlich eine Herausforderung. Öl und Gas sind endlich. Das werden nicht mehr lange die Hauptenergieträger sein. Wärmepumpen ersetzen das ganze Thema. Aber Schornsteinhandwerk hat sich schon seit der Jahrtausendwende mit dem Thema auseinandergesetzt und neue Tätigkeitsfelder aufgetan. Sei es in der Wohnraumhygiene, Wohnraumlüftung, die einer Reinigung und Wartung bedürfen.

Im Bereich der Energieberatung sind wir schon immer stark. Da haben wir ein neues Geschäftsfeld aufgetan, das im Moment noch vielfach brach liegt. Die Situation ist so, dass in der Kerntätigkeit im Moment noch genügend Arbeit vorhanden ist. Das wird sich dann in den nächsten Jahren massiv ausweiten.

Und dann muss man auch daran denken, dass Wärmepumpen eine Effizienzprüfung brauchen. Denn wir haben eine Stromversorgung, die auch Kapazitätsgrenzen hat. Je effizienter die Wärmepumpen arbeiten, die jetzt installiert werden, desto eher kommen wir mit dem Stromnetz aus, das wir zur Verfügung haben.

SWR Aktuell: Welche Prognose geben Sie denn ab für die Brennstoffe, die wir aktuell hauptsächlich benutzen, also Öl, Gas und Holz?

Eisele: Holzöfen sind ja erneuerbare Energien. Da muss man sensibel damit umgegehen, weil auch Feinstaub ein Thema ist. Öl und Gas werden ein Nischenprodukt sein. Die Kurve nach unten wird bei Öl und Gas deutlich schneller gehen. Wir haben ja nicht nur das Thema Klimawandel, sondern auch die Abhängigkeit von russischem Gas, die ja in Frage gestellt ist. In zehn Jahren werden wir ein ganz anderes Bild vom Schornsteinfeger sehen, da wird es zwar immer noch Öl- und Gasheizungen geben, aber ihr Anteil wird massiv gesunken sein.

SWR Aktuell: Was empfehlen Sie in der Rolle des Energieberaters den Menschen, die derzeit eine neue Heizung einbauen wollen? Sind Öl und Gas völlig tabu?

Eisele: Im Moment ist die Situation extrem schwierig. Sie ist je nach Gebäude individuell zu beurteilen. Man kann nicht für jedes Gebäude eine Einheitslösung finden. Dann kommt auch noch das Problem, dass wir im Moment Lieferengpässe haben. Dass Heizungsanlagen, Wärmepumpen, moderne Wärmeerzeuger gar nicht in dem Maß zur Verfügung stehen, wie wir sie gerade bräuchten. Dem Kunde wird deshalb zu raten sein, noch zu reparieren und den Bestandswärmeerzeuger so lange zu betreiben, bis die Lieferengpässe überwunden sind. Ältere Gebäude werden weiterhin mit Öl und Gas beheizt, bis der Sanierungsstau aufgelöst ist, das Gebäude energetisch in dem Zustand ist, dass eine Wärmepumpe funktioniert als Brückentechnologie. Aber der Weg ist ziemlich klar: weg von Öl und Gas.

Lossagung (Foto: SWR)
Traditionelle Lossprechungszeremonie in Ulm mit Besen und Schornsteinfegerhut: Jetzt sind sie Gesellin beziehungsweise Geselle.

SWR Aktuell: Was geben Sie den jungen Menschen heute mit, die ihren Gesellenbrief bekommen haben?

Eisele: Die jungen Menschen dürfen sich heute zunächst über ihre Gesellenprüfung freuen. Das ist ein wichtiger Meilenstein im allgemeinen Leben, aber vor allem im Berufsleben. Und wenn die Zeit des Feierns vorbei ist, ist auch wieder die Zeit des Lernens angesagt. Das Schornsteinfegerhandwerk muss sich weiter entwickeln. Nicht nur der Verband und die Betriebe, sondern auch die Mitarbeiter müssen sich in den neuen Tätigkeitsfeldern weiterbilden. Dann wird das Handwerk auch eine rosige Zukunft haben.

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