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In der Fleischindustrie hat vor drei Monaten eine neue Zeitrechnung begonnen. Keine Werkverträge mehr in Schlachthöfen - zum 1.1. ist dieses Gesetz in Kraft getreten. Und es wird auch im Schlachthof Ulm umgesetzt.

Das bedeutet: Tausende Arbeiter aus Osteuropa, vorwiegend aus Rumänien und Ungarn, sind in den Schlachtbetrieben in Deutschland in Festanstellungen übernommen worden. So auch in Süddeutschlands größtem Schlachthof: Ulmer Fleisch in Ulm. 36.000 Schweine pro Woche werden hier im Schichtbetrieb geschlachtet.

Seit acht Jahren arbeitet Daniel Cainar als Schichtleiter in der Zerlegung. Seit drei Monaten ist der Rumäne festangestellt. Ulmer Fleisch hat die bisherigen Werkvertragsmitarbeiter in eine Festanstellung überführt. Der Arbeitsplatz ist gleichgeblieben, die Kollegen auch, die Arbeitszeiten haben sich nicht verändert, die Arbeitsbedingungen ebenfalls nicht - und trotzdem sagt der Rumäne:

"Ich bin zufrieden. Und meine Kollegen sind auch zufrieden."

Daniel Cainar, Schichtleiter bei Ulmer Fleisch

Kein Tariflohn, aber mehr Lohn als vorher

Die neue Zufriedenheit rührt von den neuen Verträge. Tariflohn hat Daniel Cainar nicht, aber mehr als Mindestlohn. Und vor allem mehr als vorher, für die gleiche Arbeit. Für seinen Chef Stephan Lange, Geschäftsführer von Ulmer Fleisch, hat sich hingegen Vieles verändert: Die Zahl der Festangestellten in seinem Betrieb hat sich über Nacht quasi verdoppelt und nicht nur das. "Wir sind jetzt Vermieter von Wohnungen für 450 Mitarbeiter, außerdem sind wir Busunternehmer geworden. Wir haben etwa 50 Busse gekauft, die die Mitarbeiter von ihren Unterkünften zum Betrieb bringen. Das sind alles Sachen, die wir für den normalen Mitarbeiter / Beschäftigten bisher nicht gemacht machen", so Lange.

Stephan Lange, Geschäftsführer von Ulmer Fleisch in seinem Büro im Schlachthof Ulm (Foto: SWR, Frank Wiesner)
Stephan Lange, Geschäftsführer bei Ulmer Fleisch: Nach Übernahme der Werkvertragsnehmer aus Rumänien und Ungarn hat der Schlachthof Ulm 450 Wohnungen angemietet und Busse für den Transfer der neuen Mitarbeiter zum Schlachthof gekauft. Frank Wiesner

Bislang kein Preisanstieg für Fleisch

All das sind Mehrkosten für den Schlachthof. Allerdings: der von vielen befürchtete, drastische Anstieg des Fleischpreises ist bisher ausgeblieben, so das Statistische Landesamt. Aber: das könnte noch kommen, heißt es. Denn: es gibt ja noch Zusatzkosten durch die Corona-Pandemie, vor allem durch die Tests für die Belegschaft.

Schlachthof würde Mitarbeiter gerne selbst impfen

Zwei Millionen Euro hat Stephan Lange nach eigener Schätzung dafür bisher ausgegeben. So würde er seine Mitarbeiter lieber selbst im Betrieb impfen, nicht nur, um sie zu schützen, sondern auch aus finanziellen Gründen.

"Zwei Wochen testen ist teurer als alle zu impfen."

Stephan Lange, Geschäftsführer Ulmer Fleisch

800 Mitarbeiter hat der Schlachthof in Ulm. 1.600 Impfdosen bräuchte er also, um die Belegschaft komplett durchzuimpfen. Tatsächlich hat das Unternehmen auch schon so etwas wie ein betriebseigenes Impfzentrum mit fünf Impfkabinen aufgebaut. Eine Betriebsärztin gibt es auch und sogar Trockeneis zur Kühlung des Impfstoffs - nur genau den darf dem Schlachthof derzeit keiner verkaufen.

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