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Mit der Online-Veranstaltung "Reichsbürger - die unterschätzte Gefahr" wollen Organisationen in Ulm und Neu-Ulm auf das Reichsbürger-Problem aufmerksam machen. Wir haben im Vorfeld mit Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit über das Gewaltpotenzial der Szene gesprochen.

Inwiefern wird die Gefahr der Reichsbürger unterschätzt?

Wir konnten gerade aktuell bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen sehen, wie stark die Szene sich dort eingebracht hat und ganz offensichtlich auch immer an militanten Aktionen in Berlin und Leipzig beteiligt gewesen ist.

Diese Ablehnung der Demokratie - wie viel Gewaltpotenzial sehen Sie darin?

Diese Szene ist enorm gewalttätig. Das haben wir ja auch leider schon in der Vergangenheit erleben müssen. In Bayern beispielsweise hat ein Reichsbürger, weil er entwaffnet werden sollte, eine Polizeibeamten erschossen und mehrere verletzt. In der Szene ist der Hang zu Waffen sehr groß. Und man muss auch wirklich sagen, dass hier offensichtlich die Behörden jahrelang nicht genau hingeschaut haben, wer dort eine waffenrechtliche Erlaubnis bekommen hat. Das versucht man in den letzten Jahren rückgängig zu machen. Es laufen Prozesse der Entwaffnung. Aber das ist gar nicht so einfach, weil viele von diesen entweder Jäger sind oder in Sportschützenvereinen aktiv sind.

Sammeln sich bei den Reichsbürgern vor allem Kriminelle?

Zumindest hat man den Eindruck, dass die Reichsidee Kriminelle anzieht beziehungsweise die Personen, die dann kriminell werden. Sie glauben, sie haben das Recht zur Selbstverteidigung, weil die Bundesrepublik für sie nicht besteht. Und dementsprechend sind für sie auch die Sicherheitsbehörden nicht Sicherheitsbehörden, sondern Angreifer und Feinde. Daraus resultiert auch die Gewalt.

Andreas Speit, Rechtextremismus-Experte (Foto: privat)
Andreas Speit ist Rechtsextremismus-Experte und kennt sich mit der Reichsbürger-Szene gut aus. privat

Was sind das für Leute, diese selbst ernannten Reichsbürger?

Die Reichsbürger-Szene ist vor allem männlich dominiert, von Männern um die 50. Aber eine neuere Studie in Baden-Württemberg hat gerade ergeben, dass die Zahl der jüngeren Personen dort gestiegen ist. Wir sehen auch, dass die Idee, irgendeinem Reich anzugehören oder die Bundesrepublik als eine Firma wahrzunehmen, immer mehr Verbreitung findet, eben auch gerade in den Corona-Protestmärschen.

Woher kommt deren rückwärtsgewandt Weltsicht und der Hass auf die Bundesrepublik?

Aus Untersuchungen wissen wir, dass es tatsächlich mehrere Faktoren sind, die dazu führen, dass Menschen sich in solche Ideen versteigen. Das kann unter anderem sein, dass sie in irgendeiner Weise eine persönliche Krise erlebt haben. Und dann suchen sich die Menschen neuen Halt. Gerade über die sozialen Netzwerke - der Zuwachs ist dort stark - ist wahrzunehmen, dass nach Hilfe gesucht wird und man sich leider in solchen Kreisen bestärken kann. Und sie können vor allem dann auch wieder anderen die Welt erklären.

Und welche Resonanz erwarten Sie auf Ihre Veranstaltung?

Bisher haben wir immer sehr positive Resonanz gehabt. Das liegt offensichtlich daran, dass der Leidensdruck insbesondere in den Sicherheitsbehörden und Verwaltungen sehr stark ist. Ich habe manchmal den Eindruck, wir können uns gar nicht vorstellen, was für eine große Belastung es für Verwaltungsangestellte ist, wenn sie regelmäßig von Reichsbürgerinnen und Reichsbürgern - in welcher Form auch immer - belästigt werden.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Wir haben unterschiedliche Formen der Belästigung schon erleben müssen: Dass sie wirklich renitent in den Büros aufgelaufen sind und gedroht haben. Oder, dass sie schlicht und einfach auch per E-Mail oder in den sozialen Netzwerken massiv angefeindet worden sind.

Das Interview führte Carola Kührig.

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