Mann hält Lupe über ein Probenstäbchen (Foto: imago images, IMAGO / Westend61)

Ulmer Rechtsmediziner Prof. Kunz im Interview

Warum die Rechtsmedizin mehr zu bieten hat als Mord und Totschlag

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Wer in der Rechtsmedizin arbeitet, hat fast täglich mit dem Tod zu tun. Doch wie geht es einem damit? Der Ulmer Rechtsmediziner Prof. Sebastian Kunz gibt im Interview Antworten.

Sebastian Kunz, Rechtsmediziner aus Ulm (Foto: SWR)
Der Ulmer Rechtsmediziner Sebastian Kunz

SWR: Der Umgang mit Toten gehört zu Ihrem Alltag. Ist man da abgeklärt? Wühlen Sie solche schrecklichen Nachrichten wie jetzt aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen weniger emotional auf?

Prof. Sebastian Kunz: Nein, das glaube ich nicht. Man ist abgeklärt, weil gewisse Dinge gewohnt sind, aber abgeklärt nicht im Sinne, dass man nicht mehr empathisch sein kann, dass man nicht mehr Schicksale mitnimmt, also das nicht.

Wie oft passiert es Ihnen, wenn Sie sich vorstellen und sagen, was sie beruflich machen, dass die Leute Sie angucken, als wären Sie Doktor Frankenstein?

Naja, es ist, glaube ich, eher so, dieses ein Schritt zurück zwei Schritte nach vorne. Im ersten Moment sagen viele, das hätten sie jetzt nicht gedacht, aber dann kommen schon die Fragen.

Was sind denn die klassischen Fragen?

Ist das nicht eklig? Warum machst du das denn überhaupt? Was war dein spannendster Fall?

Gängiges Klischee des Rechtsmediziners ist: Er kommt, wenn es ein Mordopfer gibt. Aber das ist nicht die einzige Aufgabe der Rechtsmedizin.

Nein, also das sind so die Dinge, die wirklich am interessantesten sind, zumindest für mich persönlich. Aber wir machen ganz, ganz viele Sachen, die im großen Meinungsbild erstmal gar nicht unter die Rechtsmedizin fallen: Sei es die erste Leichenschau, körperliche Untersuchungen von Gewaltopfern oder auch von juristischen Fällen, die schon bearbeitet wurden, also dass man quasi vergangene Delikte aufarbeitet, dass man bei Knochenausgrabungen zum Teil dabei ist. Auch forschungstechnisch sind wir viel unterwegs. Wir haben mehr zu bieten als nur Mord und Totschlag.

Bei ihren Aufgaben habe ich auch gelesen "Lebend-Begutachtung". Was ist damit gemeint?

Das bedeutet einfach eine körperliche Untersuchung von jemand, der Gewalt ausgesetzt war oder der Gewalt angetan hat - also Täter und Opfer. Dann muss man schauen, passen die Verletzungen oder die nicht vorhandenen Verletzungen zur Einlassung des Täters, des Opfers, zur Zeugenaussagen et cetera.

Rechtsmedizin ist ein Beruf, wo man als Kind nicht gerade sagt: Das ist mein Traumberuf, das möchte ich machen. Wie sind Sie darauf gekommen? Was war für Sie daran so interessant?

Ich glaube, jeder, der Medizin studiert, ist fasziniert von der Medizin als solcher und von verschiedenen Fächern. Bei mir war es die Rechtsmedizin und die Faszination ist geblieben.

Gibt es Momente, wo Sie sich auch überwinden müssen?

Ja, klar. Ich habe zwei kleine Mädels. Bevor ich die hatte, fand ich Kinder zu obduzieren nicht schlimm. Jetzt finde ich Kinderschicksale viel, viel schlimmer. Das ist schon etwas, wo man sagt: 'Mein Gott, das muss jetzt echt nicht sein.' Aber es gehört dazu und es ist ganz, ganz wichtig, weil es einfach Wahnsinn ist, was da diesen unschuldigen Menschlein angetan wird.

Können Sie dann schnell wieder abschalten?

Ich glaube, das muss man einfach können. Ich habe um die 4.000 Obduktionen gemacht. Wenn du das nicht kannst, dann landest du irgendwann in der Klapse.

Sie sind seit gut einem Jahr Leiter der Rechtsmedizin in Ulm. Davor waren Sie unter anderem auf Island und waren dort Chef der Rechtsmedizin an der Uni in Reykjavik. Was hat Sie nach Ulm gezogen?

Ulm ist eine schöne Stadt. So schön wie Reykjavik und Island ist, es ist wirklich fantastisch - sowohl naturell als auch die Menschen dort. Irgendwann muss man überlegen, wo man Anker setzt - sowohl familiär als auch für sich persönlich. Und da war Ulm eine sehr gute Wahl.

Sie haben ein Team von rund 30 Mitarbeitern. Neu ist, dass sie seit diesem Monat eine sogenannte zweite Leichenschau am Krematorium in Ulm übernommen haben. Warum ist so etwas notwendig?

Es gibt die erste Leichenschau: Also bei jedem, der stirbt, muss der Arzt kommen und sagen, dass die Person tatsächlich tot ist - und die wird auch sehr gut gemacht. Jetzt ist es aber so, dass es nicht schlecht ist, wenn jemand Zweites als Kontrollinstanz draufschaut. Vor allem wenn die Person danach verbrannt wird, weil nachdem jemand im Kuratorium war, kann man halt nichts mehr an Spuren holen.

Hatten Sie da schon aufregende Fälle, wo sie im Grunde den Anstoß zur Aufklärung eines Verbrechens geliefert haben?

Wir haben bisher - Gott sei Dank - noch nicht das besagte Messer im Rücken gefunden oder irgendetwas, was übersehen wurde. Aber es ist schon so, dass man oft nachtelefonieren muss, weil man nicht die ganze Krankengeschichte im Leichenschauschein hat. Oder ein Schmerzpflaster, das am Rücken klebt, wo nicht beschrieben ist, warum. Ein starkes Schmerzmittel kann das durchaus auch bewusst draufgesetzt worden sein und da muss man noch mal nachfragen.

Bleiben viele unnatürliche Todesursachen bis hin zum Mord unentdeckt?

Das kann man nur schätzen, aber man weiß schon, dass ein hoher Prozentsatz an nicht-natürlichen Todesfällen fälschlicherweise als natürlich deklariert wird. Das bedeutet jetzt nicht, dass das gleich Mord und Totschlag waren und dass tausende Mörder draußen rumlaufen. Das heißt aber, dass gewisse Dinge übersehen wurden.

Sie haben ein ungewöhnliches Hobby. Sie schreiben Drehbücher für Filme und Serien, aber nicht für Krimis. Was für Filme und Serien sind das? Und wie kam es dazu?

Das eine heißt "Fugu", das ist eine isländisch-japanische Ko-Produktion. Das ist ein bisschen Corona geschuldet, aber bisher sind wir noch nicht in der Produktion. Da geht es um Freundschaft, um einen vorgetäuschten Kriminalfall. Der zwingt eine Gruppe von Freunden, die sich über Jahre nicht mehr gesehen hat, nach Tokio zu gehen und gemeinsam den Fall zu lösen. Dadurch finden sie sich wieder und merken: Mensch, das lohnt sich doch, alte Freunde mal wieder anzurufen oder sich mit denen zu treffen - das ist die Kernaussage.

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