Eine junge Frau sitzt auf einem Bett und hält ihre Hände vor das Gesicht (Foto: imago images, IMAGO Westend61)

Interview zu den Folgen der Corona-Pandemie bei Kindern und Jugendlichen

Ulmer Kinderpsychiater Fegert: "Die psychische Belastung ist deutlich"

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Angst, Depressionen, Essstörungen: Manche Kinder und Jugendliche haben besonders unter der Corona-Pandemie gelitten. Aber wie kann man jetzt helfen? Ein Gespräch mit dem Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert.

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Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm hat in der Fachtagung zu ihrem 20. Jubiläum das Thema "Kinder und Jugendliche auf dem Weg aus der Pandemie" in den Mittelpunkt gestellt. Im SWR-Interview erklärt der Leiter, Professor Jörg Fegert, inwiefern die Situation während der Corona-Pandemie Kindern und Jugendlichen zugesetzt hat, welche typischen Fälle es gibt und wie man den jungen Leuten helfen kann.

SWR: Wie kommen denn Kinder und Jugendliche aus der Pandemie?

Jörg Fegert: Ganz unterschiedlich. Das ist, glaube ich, die zentrale Botschaft der Tagung, dass die Schere auseinander gegangen ist. Manche sind ganz gut mit der Situation klargekommen. Viele Familien haben unglaublichen Einsatz gebracht. Was wir aber generell sehen, ist eine Zunahme von Angstproblemen, von Depressionen. Es war ja eine lange soziale Isolation. Großgruppen machen jetzt wieder Angst. Es hat Mobbing zugenommen, gerade auch im Internet. Das ist schwieriger, als wenn man auf einem Schulhof "angemacht" wird, denn die Dinge im Internet verschwinden nicht einfach. Und wir sehen eine Zunahme von Essstörungen. Manche Kinder sind dicker geworden, weil wenig Bewegung da war. Aber auch Magersucht hat deutlich zugenommen. Was wir noch nicht sehen, sind die ganzen Störungen des Sozialverhaltens. Und ich denke, wir sehen auch im Moment nur den Anfang der Welle, weil bisher zu uns nur die Leute kommen, die sich wirklich Sorgen um ihre Kinder machen.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und schaut in den Computer, hinter ihm stehen Bücherregale (Foto: SWR, Oliver Schmid)
Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm. Oliver Schmid

Haben Sie schon einen ersten Eindruck, welche Probleme jetzt in den Schulen aufschlagen?

Sie haben natürlich Lernrückstände, aber auch emotionale Rückstände. Weil sie nicht mehr im großen Klassenverband zusammen waren. Hier in Ulm wird gerade sehr sensibel versucht, die Ohren für die Probleme der Kinder zu öffnen. Wir hatten in der Jugendhilfestatistik bundesweit einen Anstieg an emotionaler Misshandlung. Laut Umfragen zeigen ungefähr 30 Prozent der Kinder Verhaltensprobleme oder emotionale Probleme. Sonst waren das immer rund 20 Prozent. Die sind nicht alle behandlungsbedürftig. Aber das zeigt, dass die psychische Belastung deutlich ist.

"Man hat erste Warnzeichen nicht richtig wahrgenommen und hat gewartet, bis es ganz schlimm geworden ist."

Gibt es aus ihrer Sicht typische pandemiebedingte Fälle bei den Patientinnen und Patienten, die zu Ihnen kommen?

Typisch für 2020 war, dass man nicht mehr gerne zum Arzt gegangen ist. Das heißt, man hat erste Warnzeichen nicht richtig wahrgenommen und hat gewartet, bis es ganz schlimm geworden ist. Deshalb nimmt die Zahl der stationären Patienten eher zu. Alle Kliniken in Baden-Württemberg klagen über eine deutliche Überlastung. Wir konnten aber sehr schnell mit Videosprechstunden vieles abfangen. Das war für uns eine tolle Erfahrung. Da hatten wir Jahrzehnte darum gerungen, plötzlich ging es. Jugendliche sind auf diesem Weg viel offener, als wenn sie zum Professor ins Zimmer müssen. Aber für viele heikle Dinge, Einschätzung von Selbstmordgefährdung zum Beispiel, müssen wir die Patienten in Präsenz sehen. Und da haben wir vieles zu spät gesehen, weil die Kinder zu spät vorgestellt wurden.

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel Stress machen."

Was brauchen Kinder in der jetzigen Phase?

Es braucht Zeit zum Aufholen, was das Lernen und das Emotionale angeht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel Stress machen. Besonders gelitten haben Kinder im Übergang: Wer vom Kindergarten in die Grundschule kam, hatte kaum eine Chance, in die neue Gruppe reinzukommen. Wer in die weiterführende Schule kam mit all dem Druck, den man bei dem Übergang ins Gymnasium hat. Das sind hochbelastete Kinder. Oder beim Übergang ins Berufsleben. Unsere Studierenden haben nach drei Semestern ihre Kommilitonen zum Teil noch nicht kennengelernt. Da lernt man ja normalerweise Freunde oder den Partner kennen.

Braucht es denn jetzt mehr Therapieplätze?

Das Problem ist der Aufbau von Behandlungsplätzen, von Betten in der Psychiatrie. Das können wir jetzt schon fordern. Aber bis die stehen, ist hoffentlich diese akute Krise vorbei. Wir müssen das, was uns jetzt zu Ohren kommt, aufgreifen und helfen. Und wir müssen letztendlich mit unseren wenigen Bettenkapazitäten, die wir haben, sehr haushalten und schauen, dass wir die schwierigsten Fälle stationär behandeln. Und dann muss man langfristig in Baden-Württemberg Kapazitäten aufbauen, denn wir haben im Ländervergleich zu wenig kinder- und jugendpsychiatrische Betten.

Ulm

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