Selbstbewusstsein in gefährlichen Situationen

So soll ein Projekt in Heidenheim Kinder gegen Missbrauch stärken

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"Echt Klasse" heißt ein Anti-Missbrauch-Mitmachparcours für Kinder in Heidenheim. Er soll den Jungen und Mädchen Wissen und Selbstbewusstsein vermitteln, um sie zu schützen.

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"Nein" sagen: Das ist ganz zentral beim Projekt "Echt Klasse". Die 4b der Rhaubuchschule in Heidenheim hat ihn schon gemacht, den Mitmachparcours für Grundschüler. An verschiedenen Stationen geht es darum, was gute und was schlechte Gefühle sind – was Erwachsene dürfen und was nicht. Das Projekt soll den Kinder auf spielerische Weise beibringen, Missbrauch zu erkennen.

Die Kinder markieren an einem Abbildung, wo sie welche Berührungen angebracht finden. Das Projekt soll in Heidenheim Kinder vor Missbrauch schützen (Foto: SWR)
Spielerisch sollen Kinder ein Bewusstsein entwickeln und auch äußern, welche Berührungen sie angenehm und welche sie unangenehm finden.

Bewusstsein zum eigenen Körper stärken

Ein Beispiel für eine der Stationen: Mehrere Jungs und Mädchen stehen vor einer großen rosafarbenen Stellwand, die die Umrisse eines Kindes zeigt. In der Hand haben sie kreisrunde Magnete. Darauf stehen Begriffe wie Arm, Bauch oder Brust. Zunächst sollen die Kinder die Körperteile benennen und dann markieren, an welchen Stellen sie gerne und an welchen sie ungern berührt werden möchten.

Laut "Nein" schreien gehört zum Mitmach-Parcours in Heidenheim dazu: Die Stationen sollen Kinder gegen Missbrauch stärken (Foto: SWR)
In der Seite der Stellwand ist eine große Öffnung, in die das Kind hineinrufen kann. Es soll erst leise, dann laut „Nein“ rufen. Je nach Lautstärke leuchten Glühlampen auf, je lauter der Ruf, desto heller das Licht.

Kinder lernen gefährliche Situationen einzuschätzen

Eine andere Station des Parcours ist ein Guckkasten mit gezeichneten Abbildungen, die die Kinder bewerten und sagen sollen, ob es sich um ein gutes oder schlechtes Geheimnis handelt: Ein Mann zieht einem Jungen die Unterhose herunter. Er legt den Finger an die Lippen. Der Junge auf der Abbildung soll nicht verraten, was hier gerade passiert. Die Antwort für die Schüler der 4b ist deutlich: Schlecht! Ihre Klassenlehrerin Christine Holzwarth findet diese Art zu Lernen genau richtig. 

"Die Kinder erkunden das Thema und können sich selbst über die Situationen Gedanken machen."

Das Kieler Präventionsbüro Petze hat die Ausstellung entwickelt.  Besonders hilft bei der Prävention von Kindesmissbrauch ein offenes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern, so die Kieler Experten. Doch auch immer wieder kommt es vor, dass Pädagogen eingreifen müssen, wenn sich Schüler ihnen anvertrauen.

"Wir gehen sehr einfühlsam auf die Kinder ein, wir stellen Fragen, auf die sie antworten können, aber nicht müssen. Manchmal sind wir dann auch alarmiert."

Bei einem Würfelspiel reden die Kinder mit ihren Pädagogen über Grenzen und Erfahrungen: Kinder lernen in Heidenheim, sich gegen Missbrauch zu schützen (Foto: SWR)
Besonders wichtig, ist das spielerische an der Ausstellung, so das Präventionsbüro Petze aus Kiel, das das Konzept für den Parcours erstellt hat.

Laut aktueller Kriminalitätsstatistik für Baden-Württemberg sind Sexualstraftaten im öffentlichen Raum 2021 im Vergleich zum Vorjahr um knapp acht Prozent angestiegen.

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Kinder müssten mehr vor schädlichen Inhalten im Internet geschützt werden fordert die erfahrene Lehrerin. Durch soziale Medien und auch Inhalte im Internet würden Kinder mit Material konfrontiert, dass "absolut ungeeignet" sei.

Ausstellung führt zu Reaktionen bei Kindern

Bei einigen Stationen öffnen sich die Kinder, sagt die Projektleiterin, Tatjana Lässig immer wieder. Prinzipiell geht es darum, zu enttabuisieren. Das große Ziel der Ausstellung sei auch mehr Selbstbewusstsein für die Kinder.

"Wenn ich mir Hilfe hole, und ein schlechtes Erlebnis weitererzähle, ist es nicht petzen." 

Alle drei Tage wechselt der Mitmachparcours an eine andere Schule. In den nächsten Wochen sollen ihn alle Dritt- und Viertklässler in Heidenheim durchlaufen. Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Juni in Heidenheim. 

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