STAND
INTERVIEW

Seit Jahrzehnten kämpft Manfred Paulus aus Blaustein (Alb-Donau-Kreis) gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel. Dafür hat er nun das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Manfred Paulus im SWR-Studio (Archivfoto) (Foto: SWR)
Manfred Paulus im SWR Studio Ulm (Archivfoto).

SWR: Die Verleihung war oder ist gar nicht so einfach und musste wegen Corona erstmal verschoben werden…

Manfred Paulus: Ausgehändigt ist das Bundesverdienstkreuz noch nicht. Ich habe es noch nicht in den Händen, aber ich gehe davon aus das wird irgendwann noch geschehen.

Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Am Anfang habe ich mich gefragt: Will ich ausgezeichnet werden von einem Land, in dem solche Missstände vorherrschen, in dem junge Menschen ausgebeutet werden? Aber dann habe ich mir gesagt: ich kritisiere das seit vielen Jahren, seit Jahrzehnten. Dann kommt man, wenn man diesen Gedanken weiterspinnt, zu dem Ergebnis in welchem großartigen Land leben wir eigentlich, wo für diese Kritik noch eine Auszeichnung erfolgen kann. Das wäre in vielen Ländern, die ich in der Vergangenheit kennengelernt habe, nicht der Fall: Moldawien, in der Ukraine, auch in Rumänien, in Bulgarien, in Weißrussland - ich weiß nicht, da wäre wahrscheinlich in manchen Staaten, wenn ich daran denke, die Haft näher als eine Auszeichnung. Wenn man ein Land in dieser Weise kritisiert. Das tue ich weiterhin, weil ich einfach der Überzeugung bin, wir haben im Rotlicht Missstände. Wir erkennen nicht, zumindest nicht vollständig, was da wirklich läuft.

Anderthalb Jahre lang gibt es jetzt schon die Pandemie. Hat Corona das Rotlichtmilieu geschwächt, hat es die Zwangsprostitution eindämmen können?

Natürlich. Corona hat auch die Rotlichtbereiche erreicht, aber genauso wie anderswo hat man auch im Rotlicht eben entsprechende Wege gefunden, um damit umzugehen. Es hat sich viel ins Internet verlagert, höre ich von meinen Kollegen. Natürlich sind gewisse Tendenzen da gewesen, dass die Frauen zurückgebracht oder an andere Orte verbracht wurden. Interessant war für mich, dass als die Bordelle geschlossen wurden, die Frauen gleich die ersten Tage da standen, wo die Caritas eine heiße Suppe verteilt. Das ist schon seltsam, weil das Milieu argumentiert seit Jahren, dass das ein Beruf ist wie jeder andere, nur verdienen sie hundert- oder tausendfach mehr Geld. Wo ist dann das Geld, wenn man schon am zweiten Tag um eine Suppe betteln muss? Da sieht man, wer die wirklichen Verdiener sind. Das war ein deutliches Zeichen für mich. Verdienen tun Bordellbetreiber und Zuhälter. Diese Frauen werden ausgebeutet in hohem Maße.

Öffentliche Fotoausstellung "not for sale" Bauzaun-Plakate in Ulm und Neu-Ulm - eine Aktion gegen Menschenhandel

In Ulm und Neu-Ulm wird seit Mittwoch eine Plakataktion an Bauzäunen gezeigt. Das Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution hat die Fotos nach Ulm und Neu-Ulm geholt.  mehr...

Prostitution im Lockdown Die Folgen der Corona-Pandemie für Sexarbeiterinnen

Seit Mitte November sind die Türen von Bordellen in Deutschland coronabedingt wieder geschlossen. Bordelle am besten dauerhaft schließen, findet SPD-Politikerin Leni Breymaier und fordert ein Sexkaufverbot. Bordellbetreiber widersprechen - Prostituierte seien ohne Bordelle gezwungen illegal zu arbeiten.  mehr...

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR Fernsehen BW

STAND
INTERVIEW