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Patienten mit Herzinfarkt- oder Schlaganfallsymptomen kommen momentan oft zu spät ins Krankenhaus. Der Grund: Sie nehmen an, die Kliniken seien mit Coronainfektionen ausgelastet.

Die Zahl der "normalen" Notfallpatienten ist in den vergangenen drei bis vier Wochen auch in der Interdisziplinären Notaufnahme der Universitätsklinik Ulm zurückgegangen. Das hat deren Leiter, Leiter Dr. Alexander Dinse-Lambrach, beobachtet. Er warnt Patienten mit ernsthaften Symptomen, zu spät ins Krankenhaus zu gehen, da sie sich dadurch selbst gefährden.

"Notaufnahme" steht auf einem Schild an einem Krankenhaus. (Foto: dpa Bildfunk, Federico Gambarini)
Ulmer Notfallmediziner warnt: Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten kommen wegen der Corona-Pandemie oft zu spät ins Krankenhaus Federico Gambarini

Frage: Dr. Dinse-Lambracht, können Sie sich erklären, warum die Menschen so lange warten?

Es ist nicht nur, dass Menschen lange warten. Wir sehen auch, dass durch den Lockdown (also: das Herunterfahren des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Pandemie A.d.R.) in Deutschland bestimmte Krankheitsfälle weniger in die Notaufnahme kommen. Wir versorgen über das Traumazentrum sonst auch sehr viele unfallchirurgische Patienten nach Arbeitsunfällen. Solche Akutversorgungen gibt es nun weniger. Allerdings ist es auch so, dass wir tatsächlich im Bereich internistischer Notfallpatienten eine Abnahme verzeichnen. Der Hintergrund mag tatsächlich sein, dass die Menschen Angst haben, ins Krankenhaus zu kommen.

Trotzdem gibt ja Symptome, bei denen man nicht zögern sollte, in die Notfaufnahme zu kommen. Welche wären das?

Alles, was wir notfallmedizinisch relevante Krankheitsbilder nennen: Probleme wie akut auftretende Bewusstseinsstörungen, auch Schmerzen im Brustbereich, die auf einen Herzinfarkt hindeuten oder beispielsweise auch Patienten, die über Symptome eines Schlaganfalls klagen wie Lähmungen im Gesicht oder der Extremitäten. Diesen Patienten ist dringend zu raten, die Krankenhäuser aufzusuchen, inbesondere, da alle Notaufnahmen in Deutschland sich darauf vorbereiten, die Patientenwege von covidverdächtigen und nicht-covidverdächtigen Patienten zu trennen.

Es ist also nicht so, dass Ihr Krankenhaus nur noch Covid-19-Patienten behandelt?

Ganz genau. Bei uns ist es so, dass wir Bereiche der Notaufnahme abgegrenzt haben, die auch von eigenen Teams versorgt werden. So können wir eine Notfallversorgung für "normale" Patienten anbieten und eine für Patienten mit Covidverdacht. Um das sicherzustellen, haben wir schon seit mehreren Wochen in den Eingangsbereichen der Notaufnahme und jetzt auch im ganzen Krankenhaus Wachposten stehen, die bei den Patienten, die zu uns kommen die Temperatur messen, sie nach Risikofaktoren abfragen und so eine Trennung gewährleisten.

Wenn jetzt jemand unsicher ist, was würden Sie demjenigen raten? Zu Hause bleiben oder in die Notfallaufnahme kommen?

Grundsätzlich sollten die Wege so sein, wie sie immer in der Notfallversorgung vorgesehen sind: Wenn der Patient das Gefühl hat, dass es sich um ein Krankheitsbild handelt, das er noch bis zum nächsten Tag ertragen könnte, führt der Weg in der Regel über den Hausarzt oder die mit einer Beratung versehene 116 117-Notfallnummer der Kassenärztlichen Vereinigung. Wenn es aber um offensichtlich lebensgefährliche Erkrankungen mit starken Schmerzen geht, dann sollten die Patienten natürlich auch die Notfallaufnahme aufsuchen und dazu den Rettungsdienst anrufen.

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