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Nach dem Tierschutz-Skandal in einem Schweinemast-Betrieb im Alb-Donau-kreis hat die FDP-Opposition im Landtag mehr Veterinäre gefordert.

Tierhaltungsbetriebe sollen so häufiger kontrollierten werden können. Es könne nicht sein, dass Missstände von der Soko Tierschutz aufgedeckt würden und nicht von den staatlichen Stellen, sagte der FDP-Landtagsabgeordnete Klaus Hoher dem SWR.

Die Organisation hatte in einem Schweinemastbetrieb im Alb-Donau-Kreis Bilder von kranken und schwer verletzten Tieren gemacht. Im Schnitt würden Betriebe alle 19 Jahre kontrolliert. Um die Kontrolldichte zu erhöhen, brauche man mehr Amtstierärzte, so Hoher.

Landratsamt bestätigt Probleme auf dem Hof

Nach der Polizeirazzia am Mittwoch in einem Schweinebetrieb im Alb-Donau-Kreis hatte auch das Landratsamt schon frühere Probleme auf dem Hof bestätigt. Im Februar hatten Veterinäre dort bereits gravierende Mängel festgestellt.

Tote, kranke, verletzte Schweine in verschmutzten und beengten Verhältnissen, seien damals festgestellt worden. Das Amt habe auf eine anonyme Anzeige von Tierschützern reagiert. Am Mittwochabend waren die katastrophalen Zustände in den Ställen im SWR-Fernsehen zu sehen. Inzwischen habe sich aber die Situation gebessert, teilt das Landratsamt weiter mit. Der Landwirt habe den Tierbestand halbiert und angekündigt, die Zucht ganz aufgeben zu wollen.

Durchsuchung durch die Polizei

Die Polizei hatte am Mittwochvormittag den Schweinemast-Betrieb bei Ulm durchsucht. Die Beamten erhoben nach eigenen Angaben Beweismittel in dem Schweinezuchtbetrieb im Alb-Donau-Kreis. Diese sollen nun ausgewertet werden. Ein sofortiges Handeln sei nicht erforderlich gewesen. Laut Polizeisprecher fanden sie keine toten oder schwer verletzten Schweine.

Laut Landratsamt sei bereits nach der Kontrolle im Februar ein sofortiges Tierhalteverbot geprüft worden. Es sei jedoch nicht rechtlich gedeckt gewesen. Auch danach habe es immer wieder Kontrollen gegeben. Im Juni habe man keine Verstöße gegen den Tierschutz mehr festgestellt.

Tierschützer machen Videoaufnahmen

Eine Tierschutzorganisation hatte schlimme Zustände in den Ställen gefilmt. Auf den Fluren zwischen den Mastbuchten filmten Tierschützer seit Februar immer wieder tote Tiere, sterbende und schwer verletzte Schweine, Tiere mit offenen Wunden, die bis auf den Knochen reichten. In den Buchten lagen tote Tiere, die von ihren Artgenossen aufgefressen wurden.  

Einer der Tierschützer, der die Aufnahmen gedreht hat, ist Friedrich Mülln von der Tierrechtsgruppe Soko Tierschutz. Für ihn ist dies trauriger Alltag in Deutschlands Schweineställen. "Das ist für mich nicht mehr die Ausnahme. Das ist eine grauenhafte Regel, dass Schweine unter entsetzlichen Bedingungen in den Betrieben zugrunde gehen."

Die Bilder wurden dem SWR zugespielt. Die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte Julia Stubenbord wurde vom SWR um eine Begutachtung der Aufnahmen gebeten. Ihr Fazit: Der Betrieb müsse angezeigt werden. Ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot sollte erfolgen.

Schlechte Bedingungen in Betrieben sind kein Einzelfall

Auch im Alb-Donau-Kreis hatten Tierschützer mehrmals ähnliche Skandalbetriebe entdeckt. Das ARD-Politikmagazin Report Mainz berichtete über einen ähnlichen Fall im Landkreis Rottweil im Herbst 2020:

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Zu wenig Kontrolle oder Fehler im System?

Veterinäramtsdirektor Kai Braunmiller ist der oberste Schlachthofveterinär in Deutschland und zugleich Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene. Auf die Probleme in den Schweinemastbestrieben angesprochen, reagiert er mit einem Hinweis auf eine Studie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über die Haltung auf Betonspaltenboden. Sie sei "überhaupt nicht artgerecht", so seine Einschätzung: "92 Prozent dieser Tiere bekommen Liegeschäden, 40 Prozent leicht, rund 50 Prozent mittel und schwer."

Braunmiller: 92 Prozent der Tiere bekommen Liegeschäden

Über die Filmaufnahmen sagt Braunmiller: "Mittlere und schwere Zustände, wie man sie hier auch gesehen hat, sind eigentlich Straftatbestände, die so überhaupt nicht zu tolerieren sind. Hier wäre dringend auch Umstellung nötig, also eine Nachrüstung der bestehenden Anlagen und endlich eine Konzeption für eine gute, tiergerechte Haltung in der Zukunft."

Betriebe werden alle 16 Jahre kontrolliert

In Deutschland werden pro Jahr rund 50 Millionen Schweine gemästet, davon das Gros in konventioneller Haltung, also auf Betonspaltenböden. Rechnet man diese Daten der Studie hoch, würde das bedeuten, dass mehr als 90 Prozent oder 40 Millionen Tiere rechtswidrig gehalten werden, weil sie infolge der Haltung Schäden davontragen. Hinzu kommt, dass im Durchschnitt solche Betriebe nur alle 16 Jahre kontrolliert werden.

Mehr zum Thema in der SWR-Sendung "betrifft" vom Mittwoch, 30. Juni 2021:

Hauk: Vergehen können nie ganz ausgeschlossen werden

Im SWR-Interview verweist der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) darauf, dass die Veterinärbehörde im dem Fall in der Region Ulm sehr schnell gehandelt habe. Bereits nach dem Eintreffen der ersten Informationen seien die Amtsveterinäre in dem Stall gewesen. Unabhängig von dem aktuellen Fall stellt der Minister fest: "Es ist natürlich so: Bei über 10.000 Tierhaltern im Land wird man nie ganz ausschließen können, dass Vergehen passieren", so Hauk. "Wo Menschen handeln, gibt es immer auch Vergehen und Verstöße."

Zuständig für den aktuellen Fall ist die Veterinärbehörde im Landratsamt des Alb-Donau-Kreises in Ulm. Auf Nachfrage erklärt die Behörde, Beamte hätten den Betrieb nach Eingehen einer Anzeige besucht. Es hätten dann auch Tiere notgetötet werden müssen. Schriftlich heißt es:

"Ein sofortiges Tierhaltungsverbot wurde geprüft, war aber rechtlich nicht gedeckt. (…) Mündlich wurde angeordnet, die angetroffenen Missstände unverzüglich zu beheben."

Betroffener Landwirt will seine Schweinemast stilllegen

Der betroffene Landwirt lehnte ein Fernsehinterview zu den bei ihm festgestellten Tierrechtsverstößen ab. Abseits der Kamera erklärt er, er sei zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahmen entstanden, krank gewesen und habe sich um seinen Betrieb nicht richtig kümmern können. Die Bilder seien eine unglückliche Momentaufnahme. Der Veterinärbehörde hat er inzwischen mitgeteilt, seine Schweinemast stilllegen zu wollen.

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